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Polens Totengräber

Warum die Polen Gedenkjahr und Feierlichkeiten um Friedrich II. für eine vertane Chance halten

Von Sabine Adler

Porzellanbüsten mit dem Porträt Friedrichs des Großen (1712 bis 1786), des ehemaligen Königs von Preußen.  (Klaus-Dietmar Gabbert/dapd)
Porzellanbüsten mit dem Porträt Friedrichs des Großen (1712 bis 1786), des ehemaligen Königs von Preußen. (Klaus-Dietmar Gabbert/dapd)

Über Polen kein gutes Wort. Preußenkönig Friedrich II. besaß nach einer Demütigung in jüngeren Jahren einen ausgeprägten Hass auf die Polen. Dass dies im Zuge der Veranstaltungen zum 300. Geburtstagsjahr des Monarchen nicht oder kaum erwähnt wird, stößt im Nachbarland auf Unverständnis.

Friedrich und Preußen, Friedrich und Rousseau, Friedrich, als Komponist, Friedrich und Johann Sebastian Bach. Friedrich der Große als Sekt. Auf den Markt gebracht ausgerechnet vom Sächsischen Staatsweingut. Polnische Besucher empfinden das deutsche Friedrich-Gedenken zum Teil als trivial, im Falle des Sächsischen Schaumweins möglicherweise als Geschmacklosigkeit schlechthin.

War es doch eine Visite am Sächsischen Hof, die als Auslöser für Friedrichs grenzenlosen Polenhass gilt. Noch als Kronprinz besuchte er zusammen mit seinem Vater, dem Soldatenkönig, den verschwenderischen August den Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen. Eine offenbar traumatische Erfahrung.

"Und dieser Friedrich II., der da in Dresden ist und sieht seinen Vater, der belächelt und verspottet wird, der sich überhaupt nicht benehmen kann und nur vorgeführt wird von August dem Starken, er trifft da auf dem Dresdner Hof genau so eine große Zahl von polnischen Adligen, die ihn genau so von oben herab behandeln wie Aschenputtel, das man nicht ernst nimmt. Man meint, das war sein Schlüsselerlebnis."

... sagt der polnische Historiker und Publizist Janusz Tycner.
Friedrich II. soll sich von Stund an für diese Demütigung gerächt haben Bis an sein Lebensende: über Polen kein gutes Wort.

"Wenn wir seine Korrespondenz lesen, dann sind die Polen einliederlich Zeug, Barbaren, wilde, Irokesen, Orang-Utan-Affen ähnlich, dieses dämliche Volk von Leuten, deren Namen auf –ski enden, bewohnt ein barbarisches, rückständiges, abscheuliches Land. Und er infizierte auch seine Umgebung mit dieser Einstellung. Eine tiefe Verachtung für das Land und Versuche, dieses Land mit allen Kräften zu demontieren, demolieren und davon große Teile zu erobern."

Marek Prawda, bis vor kurzem polnischer Botschafter in Deutschland, jetzt in Brüssel, nahm schon von Amtswegen an diversen Friedrich-Feiern teil und konstatiert ein erstaunlich unvollständiges Jubiläumsbild von dem Monarchen.

"Für einen adäquaten Blick wäre es auch interessant zu sehen, wie seine Wahrnehmung bei den Nachbarn ist. Wenn wir zum Beispiel ein Pilsudski-Jahr organisiert hätten, Pilsudski war jemand, der sich für die Auferstehung Polens nach dem I. Weltkrieg verdient gemacht hat – für die Nachbarn war das häufig problematisch - in so einem Fall fände ich unverzichtbar, dass man auch die Blicke der Litauer, der Ukrainer integriert."

Wie schon der Soldatenkönig rekrutierte auch sein Sohn Friedrich II. quasi per Kidnapping in Polen lange Kerls für die preußische Armee. Friedrich brachte gefälschte polnische Münzen in Umlauf und ruinierte damit die polnische Staatskasse. Vor allem musste das ewig Krieg führende Preußen versorgt werden.

"Preußen brauchte Getreide, Menschen, Soldaten Siedler und so begannen 1763 bis 1765 die wirklich großen Raubzüge im polnischen Grenzland, die von Friedrich II. einfach angeordnet oder organisiert wurden."

Friedrich betrachtete Polen nicht nur als eine Kammer, aus der man ungestraft stehlen konnte, in der seit Anfang des 18.Jahrhunderts russische Truppen standen, dass unfähig zu seiner Verteidigung war, er verachtete Polen nicht nur, er tilgte es über ein Komplott mit Russland und Österreich von Europas Landkarte, so der Historiker Janusz Tycner.

"Er war der Totengräber des polnischen Staates und jemand, der in seiner fast 50-jährigen Amtszeit als preußischer König eigentlich die Vernichtung Polens mit einer unglaublichen Konsequenz betrieben hat."

Marek Prawda, wie der größte Teil seiner Landsleute in Geschichte sehr bewandert, bleibt als Botschafter gewohnt diplomatisch, das Wort provinziell im Zusammenhang mit dem Friedrich-Jubiläum fällt bei ihm kein einziges Mal, auch wenn man es zu hören meint.

"Es ist immer die Gefahr bei solchen Feiern, dass jemand sie – wie es jemand ausdrückte – brandenburgisiert oder kulturalisiert, wo andere Aspekte ausgeblendet werden. Das hat nichts mit unserer Empfindlichkeit zu tun, sondern es wäre sehr im europäischen Sinne."

Die Polen und der alte Fritz werden auch an dessen 300.Geburtstag keine Freunde, Friedrich der Große, diese Bezeichnung kommt ihnen nicht über die Lippen.

Auch wenn das Verhältnis zwischen beiden Ländern wohl nie so gut war wie heute, ist mitunter immer noch ein Mangel an Fingerspitzengefühl nicht zu übersehen.

"Im Palais Sanssouci gab es keine Audioführung in Polnisch, obwohl es sechs oder acht Sprachen gab, darunter auch nicht nur Weltsprachen. Das fand ich als eine späte Rache Friedrichs."

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