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StartseiteTag für TagWarum junge Europäer in den Dschihad ziehen19.11.2015

Politik-Philosoph Jürgen ManemannWarum junge Europäer in den Dschihad ziehen

Die Anschläge von Paris machen fassungslos: Was bewegt junge Menschen zu solchen Taten? Was treibt sie in den Dschihad? Mit dem Faszinosum Gewalt hat sich der Theologe und Philosoph Jürgen Manemann in seinem neuen Buch beschäftigt: "Der Dschihad und der Nihilismus des Westens. Warum ziehen junge Europäer in den Krieg?"

Von Henning Klingen

Ein Kugelschreiber zeigt auf einen Text, in dem die Worte "Jihad-Salafismus" zu lesen sind. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
Terror wird nicht importiert - er gedeiht im Herzen europäischer Gesellschaften selbst, sagt Manemann (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
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Jürgen Manemann kommt in seinen Studien zu dem Ergebnis, dass der Dschihadismus weniger mit Religion, das heißt dem Islam zu tun hat, als vielmehr mit sozialen Pathologien in den europäischen Gesellschaften.

"Dschihadismus gedeiht in einer Gesellschaft, in der wir konfrontiert sind mit sozialen Pathologien, in der Menschen Orientierungslosigkeit existenziell in einer Art und Weise erfahren, dass sie ihren Halt verlieren. Das Zweite ist: Viele Dschihadisten haben Diskriminierungserfahrungen gemacht. Das heißt, wir müssen uns intensiver mit Rassismusfragen befassen. Und ein Drittes - und das ist ganz entscheidend: Dschihadisten sind unfähig, eine Identität auszubilden, die in einem Mitgefühl für andere Menschen gründet."

Terror wird nicht importiert 

Anders gesagt: Die Gefahr lauert laut Manemann nicht "außen", nicht in Syrien oder im Nahen Osten, der Terror wird nicht importiert - er gedeiht im Herzen europäischer Gesellschaften selbst: Wo Menschen keine Chance mehr haben auf soziale und politische Teilhabe, wo sie sich dauerhaft benachteiligt sehen ohne die Möglichkeit, ihre eigenen Anliegen vorzubringen oder etwas an ihrer sozialen Lage zu verändern, wächst dem Politik-Philosophen zufolge die Anfälligkeit für Antworten, wie sie der Dschihad bietet: nämlich die Antwort der brutalen, vermeintlich ziellosen Gewalt. Eine entfesselte Gewalt, wie man sie aus dem Faschismus kennt und wie sie auch vom "Islamischen Staat" zelebriert wird:

"Für mich ist der Dschihadismus ein faschistisches Syndrom, weil in ihm ein Liebesverhältnis zur Gewalt deutlich wird. Und das zeigt auch noch mal, dass die Organisationsstrukturen, die geschaffen werden, nicht dazu dienen, einen Staat im Sinne eines Staates, wie wir ihn uns vorstellen, mit einer entsprechenden Infrastruktur zu schaffen, sondern er ist auf Dauer hin ausgelegt auf den Kampf. Deswegen stellt sich auch die Frage: Kann ein solcher Staat überhaupt überdauern, wenn er ständig nur im Zentrum basiert auf einer Kultur des Kampfes."

Derzeit scheint der IS jedoch noch sehr erfolgreich in seiner Strategie zu sein, Angst und Schrecken zu verbreiten und die europäischen Gesellschaften zu destabilisieren - dies nämlich sei das vorrangige Ziel der Anschläge, wie sie zuletzt Paris erlebt hat:

"Die Terroristen zielen auf unsere Psyche und möchten uns den Eindruck vermitteln, es kann jederzeit jeden von uns treffen. Und dadurch soll das Vertrauen, das wir in die Gesellschaft, in die Welt haben, nachhaltig zerstört werden. Die Methode, mit der das exekutiert wird, ist die, dass beliebig getötet wird. Und daher müssen wir den Dschihadismus als Terrorismus begreifen, der auf Massenvernichtung ausgerichtet ist."

Manemann gibt französischem Laizismus eine Mitschuld

Für diese These spricht im Blick auf die Paris-Attentate, dass das eigentliche strategische Ziel der Terroristen das Fußballstadion war. Wäre es ihnen gelungen, sich dort in die Lust zu sprengen, wären die Opferzahlen vermutlich noch viel höher gewesen. Doch Frankreich und Belgien sind für Manemann nicht zufällig Länder, in denen die dschihadistische Ideologie auf fruchtbaren Boden fällt. Die belgische Gesellschaft sei besonders tief gespalten, noch dazu habe Belgien in den vergangenen Jahren die Präventionsarbeit vernachlässigt. In Frankreich schließlich trage außerdem der dortige Laizismus eine Mitschuld:

"Dass Frankreich anfälliger ist als Deutschland hat mit dem Laizismus zu tun, denn der Laizismus tut sich sehr schwer, in der Öffentlichkeit über kulturelle und religiöse Identitäten zu sprechen und diese in der Öffentlichkeit zu Wort kommen zu lassen. Und andere Gesellschaften - beispielsweise in Deutschland - geben mehr die Möglichkeit, dass Stimmen gehört werden in der politischen Öffentlichkeit, sodass mehr Menschen den Eindruck haben: Ich kann zumindest sagen, was mir am Herzen liegt, während in Frankreich dieses erheblich schwerer und teilweise unmöglich ist."

Die Frage der Religion, die Frankreich mit einem radikalen Laizismus beantwortet, drängt demnach laut Manemann "durch die Hintertür" wieder in die Gesellschaft. Allerdings sei nicht der Islam für die enthemmte Gewalt verantwortlich zu machen:

"Dschihadismus kann man nicht ohne Islam verstehen, aber der Islam ist nicht die primäre Motivationsressource, um Dschihadist zu werden, sondern er kommt erst an zweiter Stelle. Die Europäer, die in den Dschihad gezogen sind, von denen wissen wir, dass sie Konvertiten sind, dass sie sich vorher gar nicht mit Religion befasst haben. Sie haben sich erst nachträglich ein Wissen angeeignet, um ihre eigenen Taten zu legitimieren. Und sie schreiben selbst: Dieser Dschihad hat erst mal mit ‚dem' Islam nichts zu tun. Denn der Dschihad, den sie praktizieren, besteht aus Gewalt, aus Gräueltaten - und er besteht aus Massakern. Das heißt, ich würde hier von einer sekundären Religiosität sprechen, aber nicht von einer primären."

Strategien gegen den Terror

Was bleibt also zu tun? Laut Manemann braucht es eine doppelte Strategie: ein rasches militärisches Handeln vor Ort, gegen den IS, und eine langfristige Strategie, um dem IS und der "Faszination Dschihad" unter europäischen Jugendlichen den Boden zu entziehen.

"Zum einen gilt es natürlich, die Ausbreitung des Islamischen Staates zu verhindern. Das geht nur vor Ort mit militärischer Gewalt. Aber unsere Reaktion hierzulande darf nicht die sein - und deswegen warne ich auch davor, sich eine Kriegsrhetorik anzueignen; sondern wir sollten souverän zu unseren Werten einer offenen Gesellschaft stehen und auf keinen Fall diese Anschläge mit der Flüchtlingskrise verbinden, denn das wird eigentlich nur bezweckt."

Eine langfristige Strategie müsse darüber hinaus wieder Fragen des Gemeinwohls auf die politische Agenda heben, aber auch Fragen der Gerechtigkeit, die sich nicht nur in Verteilungsgerechtigkeit erschöpft, sondern in echter politischer Teilhabe für Menschen am gesellschaftlichen Rand. Denn aus Apathie und Teilnahmslosigkeit führe nur die Erfahrung, dass man selbst es in der Hand hat, Dinge zu verändern:

"Die kulturelle Strategie ist: Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, in der junge Menschen sich als aktives Mitglied der Gesellschaft empfinden. Das heißt, junge Menschen müssen die Erfahrung machen, dass das Leben in dieser Gesellschaft nicht bloß so vonstattengeht, als ob man auf einer Rolltreppe steht, auf der es automatisch weitergeht, egal ob man etwas tut oder nicht tut, sondern das man in der Lage ist, auf die Umwelt Einfluss zu nehmen."

Werte mit Leben füllen

Auch dürfe sich Europa nicht vor einer Debatte über die eigenen Werte scheuen. Werte allerdings, die nicht nur gepredigt werden dürfen, sondern die stets mit Erfahrung einhergehen müssen, wenn sie wirklich tragfähig sein wollen:

"Wenn hier von Werten gesprochen wird, so natürlich auf der Basis, dass Werte - Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Solidarität -, dass diese Werte gefühlt werden müssen, um gewusst werden zu können. Und wenn wir die nicht in unserer Gesellschaft fühlen und junge Menschen diese Werte nicht wirklich fühlen, dann werden sie die auch niemals wirklich wissen geschweige denn sich aneignen können. Und wir machen vermutlich den Fehler, dass wir zu viel Werte predigen und zu wenig Werte leben."

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