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Politik und Kunst

István Eörsi verband literarische Fertigkeiten mit öffentlichem Engagement

István Eörsi tragikomische Autobiografie "Im geschlossenen Raum" ist von sarkastischem Humor ebenso durchdrungen wie von feinstem Beobachtungssinn. Das Werk erweist sich als würdiges Vermächtnis des im vergangenen Jahr verstorbenen ungarischen Schriftstellers.

Von Martin Sander

István Eörsi bewies, das Politik und Kunst vereinbar sind. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
István Eörsi bewies, das Politik und Kunst vereinbar sind. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Als scharfsinniger Kommentator und Zeitgenosse von ausgeprägtem politischem Humor hat István Eörsi immer wieder für Aufmerksamkeit gesorgt, seit er, ein ehemaliger Kommunist und glühender Stalinverehrer, sich im Budapester Herbst von 1956 auf die Seite der Aufständischen schlug. Die Folgen waren ebenso schmerzlich wie absehbar. Das Regime versuchte Eörsi, so gut es ging, totzuschweigen. Vor allem seine Stücke blieben unaufgeführt, während er sich durch Übersetzungen von Shakespeare, Goethe, Heine oder Allen Ginsberg in den Nischen des totalitären Kulturbetriebs behaupten konnte. Den internationalen Durchbruch als Theaterautor erlebte Eörsi im damaligen Westberlin, als George Tabori sein lange in ungarischen Schubladen ruhendes Stück "Das Verhör" - eine Farce in einem stalinistischen Gefängnis - an der Schaubühne inszenierte. Das war 1984. Ob denn aber dieser Eörsi auch ein guter Schriftsteller sei und nicht nur ein mittelmäßiger Thesenautor, fragten einige politisch eher zurückhaltende ungarische Autoren und beriefen sich dabei auf ein Postulat, wonach wahre Kunst politisches Engagement kaum vertrage. Sollte dem so sein, ist István Eörsi die Ausnahme. Jedenfalls liefert sein 2003 auf Ungarisch veröffentlichter Roman, der jetzt unter dem Titel "Im geschlossenen Raum" bei Suhrkamp vorliegt, einen eindrucksvollen Beweis für die Vereinbarkeit von Politik und Kunst.

Der "geschlossene Raum" ist im Grunde Autobiografie. Dabei müht sich der - wie er selbst bekennt - alles andere als uneitle Autor nach Kräften, den in diesem Genre notorischen Gefahren des Selbstlobs oder der Selbstbemäntelung zu entkommen. Sein Ich-Erzähler konstruiert - gleichsam im Beisein des Lesers - einen Helden namens Borsi als Alter Ego des Autors. Dieses Verfahren eröffnet besondere Möglichkeiten. Mit Borsi als Spielfigur kann Eörsi sich offen eingestehen, die Grenzen zwischen Wahrheit und Selbstrechtfertigung nicht zu kennen. Er kann sich so unbequeme Fragen stellen: War sein Aufbegehren gegen die Machthaber möglicherweise reine Koketterie, für die nicht er, sondern andere den Preis zahlen mussten?

Borsi, der Held, sitzt im Ferienhaus eines Freundes auf einer Donauinsel unweit der ungarischen Hauptstadt und lässt dort, angeregt durch die Fragen einer jungen Journalistin, sein Leben Revue passieren. Es geht um Familienzerwürfnisse, gescheiterte Ehen, Liebe, Krankheit, Suff und Tod, um die Ambition und das Scheitern eines Künstlers - und das alles innerhalb einer totalitären Gesellschaftordung, die im Augenblick der Handlung im Begriff steht sich aufzulösen.

Man schreibt den Sommer 1989. Im schier endlosen Strom von Gedanken und Erinnerungen scheinen die Konturen einer stets nur an der Oberfläche reformwilligen Diktatur immer deutlicher auf: Anpassung, Widerstand, Bespitzelung, die mühevolle Suche nach eigenen Freiheiten. Wer in der Ära von János Kádár nicht bereit war, auf die Lebensweise des Intellektuellen zu verzichten, sich aber auch nicht allzu innig mit den Machthabern einlassen wollte, war häufig gezwungen, einen geschlossenen Raum um sich aufzubauen. Der Titel nennt das zentrale Thema des Romans. Der "geschlossene Raum" ist Ungarn zwischen 1956 und 1989, und Eörsis oder Borsis stets aufs Neue umkreistes Grunderlebnis bildet die politische Haft eines abtrünnigen Stalinisten, der seinen alten Gerechtigkeitsidealen allen Anfechtungen zum Trotz treu bleiben wird.

Sieht man von den fast wie Pflichtübungen wirkenden Annäherungsversuchen des alternden Borsi gegenüber der jungen schönen Journalistin ab, erweist sich die Donauinsel, von der dieser große Erinnerungsstrom seinen Ausgang nimmt, als überaus ereignisloser Schauplatz. Dadurch entsteht der Nährboden für eine unprätentiöse, spannende Abrechnung mit sich selbst und den Zeitläufen. Eörsis "geschlossener Raum" ist von sarkastischem Humor ebenso durchdrungen wie von feinstem Beobachtungssinn. Sein Kampf gegen die Windmühlenflügel des herrschenden Systems, gesteht Borsi irgendwo ein, sei von Eitelkeit motiviert gewesen. Dennoch habe er dabei Fähigkeiten und Leistungen herausgeschwitzt, die sich von ihren lächerlichen Beweggründen unabhängig gemacht hätten.

Es ist nicht zuletzt diese Art von Dialektik, die Eörsis tragikomische Autobiografie ohne Pathos zu einem lesenswerten, amüsanten Roman machen. Der "geschlossene Raum" erweist sich als würdiges Vermächtnis dieses im vergangenen Oktober in Budapest verstorbenen großen ungarischen Schriftstellers.

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