Sonntag, 19.11.2017
StartseiteEuropa heute"Heute gibt es zwei französische Nationen" 14.11.2017

Politische Spaltung "Heute gibt es zwei französische Nationen"

Der französische Präsident wurde im Frühjahr mit 66 Prozent der Stimmen gewählt. Trotzdem ist Frankreich gespalten, sagt der Sozialist Christophe Pierrel. Auf seiner Reise durchs Land hat er mit Anhängern des rechtsextremen Front National gesprochen und darüber ein selbstkritisches Buch geschrieben.

Von Suzanne Krause

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Nach einer Frankreichreise und vielen Gesprächen mit Front-National-Wählern: der französische Sozialist Christophe Pierrel nach seiner Tour de France in Paris (Deutschlandradio/Suzanne Krause)
Nach einer Frankreichreise und vielen Gesprächen mit Front-National-Wählern: der französische Sozialist Christophe Pierrel nach seiner Tour de France in Paris (Deutschlandradio/Suzanne Krause)
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Bei seiner politischen Tour de France ist Christophe Pierrel in manches Lokal eingekehrt, um dort mit denen ins Gespräch zu kommen, die neuerdings Marine Le Pen wählen. In einem Pariser Café zieht er nun eine Bilanz seiner Pilgerreise durch das "FN-Land":

"Es ist überall - vor allem im ländlichen Raum und in der Arbeiterklasse, die von den Linken nicht mehr verstanden und verteidigt wird. Wir Sozialisten tragen da viel Verantwortung. Ich war vor der Hausgeräte-Fabrik von Whirlpool, wo die Arbeiter um ihre Jobs kämpften. Die, die vor den Toren zur Unterstützung antraten, kamen nicht von der Sozialistischen Partei, sondern vom Front National. Das hat mich zutiefst schockiert, und deshalb bin ich hingefahren."

Erzürnte Wechselwähler in Frankreich 

Christophe Pierrel hat aufgenommen, was ihm ein Whirlpool-Arbeiter im nordfranzösischen Amiens erzählte: Früher stimmte er für die Parti socialiste, heute für den FN - bekannte der Mann. Dieser meinte: "Umgestimmt hat mich, zu sehen, wie es im Alltag läuft. Unser Land wird von Einwanderern überflutet. Und die Arbeit macht sich aus dem Staub."

Auf die traditionellen Parteien pfeifen heute auch Bauern. Auf einem Hof in den See-Alpen im Süden traf Christophe Pierrel Viehzüchter. Hier hat der FN wegen seines anti-europäischen Kurses Fuß gefasst, bekräftigte einer: "Aus der EU auszusteigen ist ja kein Selbstzweck. Das eigentliche Problem ist, dass kein Politiker mehr Europa im Griff hat."

Als er noch im Élysée-Palast arbeitete, hatte der junge Sozialist nur mit Bauernverbänden Kontakt. In dem Gespräch mit einfachen Landwirten entdeckte er, welche Faszination Marine Le Pen auf sie ausübt. Christophe Pierrel:

"Natürlich kann sie bei den Bauern punkten, denn sie wendet sich an Menschen, die pro Haushalt monatlich gerade mal auf 700 Euro kommen - für 70 Stunden harter Arbeit pro Woche -, und denen man sagt, sie würden von der Stütze leben, weil sie EU-Subventionen beziehen. Wenn dann jemand wie Marine Le Pen daherkommt und verspricht, sie aus der Misere zu holen, ihnen mehr Kaufkraft zu geben, dann laufen ihr alle zu."

Argumente, Beschimpfungen und bittere Erkenntnisse

Christophe Pierrel hat landauf, landab eine ganze Reihe von Franzosen aufgesucht, die neuerdings FN wählen. Bei manchem Gespräch hat der junge Politiker Federn gelassen, und er wurde beschimpft. Die Bilanz seiner Reise bezeichnet er als bitter. Frankreich zählt 36.000 Gemeinden. In 19.000 lag Marine Le Pen bei der diesjährigen Präsidentschaftswahl an der Spitze. Er sagt:

"Heute gibt es zwei französische Nationen: die eine profitiert von der Globalisierung, glaubt an die Europäische Union. Ihr geht es eher gut. Dieses Frankreich hat mehrheitlich für Emmanuel Macron gestimmt. - Während das andere Frankreich unter der Globalisierung leidet, von großer Wut geprägt wird und dem Gefühl, abgehängt worden zu sein. Aus Angst vor der Zukunft hat es Front National gewählt oder auch den Links-Populisten Jean-Luc Mélenchon."

Als Alarmruf bezeichnet Christophe Pierrel sein Buch, als Appell an alle traditionellen Parteien, die republikanischen Werte wieder hochzuhalten und die Ohren zu öffnen für die Sorgen und Nöte eines Bevölkerungsteils, der meint, allein gelassen zu werden. Auch Emmanuel Macron tue diesbezüglich zu wenig, meint Christophe Pierrel.

"Marine Le Pen hat die Ideen-Schlacht gewonnen. Sie hat es geschafft, der französischen Gesellschaft ihre Wunschthemen, ihre Dialektik einzupflanzen. Das wird uns morgen große Probleme bereiten. Wenn wir davon ausgehen, dass alles wieder im Lot sei, weil Marine Le Pen derzeit etwas geschwächt ist, dann sind wir schon gescheitert."

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