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StartseiteInformationen am MorgenWer nicht aus Syrien kommt, muss warten24.09.2015

Politisches AsylWer nicht aus Syrien kommt, muss warten

Um die Masse von Asylverfahren schneller abschließen zu können, werden die Anträge mancher Bewerber bevorzugt bearbeitet. Zum Beispiel die von Syrern, deren Asylgründe kaum angezweifelt werden. Mahmud Moni, ein kritischer Journalist aus Bangladesch, hat da weitaus schlechtere Karten. Er ist schon seit 15 Monaten im Ungewissen über seine Zukunft.

Von Yvonne Koch

Ein Hinweisschild für das "Bundesamt für Migration und Flüchtlinge" (picture-alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
Ein Hinweisschild für das "Bundesamt für Migration und Flüchtlinge" (picture-alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
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Mahmud Moni ist eigentlich kein Flüchtling, denn er ist vor über einem Jahr ganz legal nach Deutschland eingereist, um an einem Journalisten-Kongress in Bonn teilzunehmen. Und er kommt aus einem Land, dass als sicher gilt und – wenigstens auf dem Papier – demokratisch ist. Mahmud Moni kommt aus Bangladesch und ist Journalist. Allerdings ist der 31-Jährige ein kritischer Journalist, was in Bangladesch schnell gefährlich werden kann

"Ich habe gegen islamische Extremisten geschrieben, gegen die Korruption der Regierung, über den Zustand der Demokratie in Bangladesch, gegen außergerichtliche Morde einer Spezialeinheit der Polizei und so weiter."

Für den Journalisten Moni hieß das: Morddrohungen per SMS, ein Überfall auf offener Straße, Telefonterror und Bombendrohung für die Zeitung, bei der er arbeitete. Mahmud Moni lebte mit dieser Gefahr in Bangladesch. Aber dann kam der Anruf seiner Frau, während er in Deutschland war.

"Da kamen Männer, gegen halb elf Uhr abends. Die sagten, sie kämen vom NSI, das ist der Geheimdienst. Sie sagten, was mein Ehemann da mache, das sei nicht in Ordnung. Die Artikel, die er schreibe, solle er sofort stoppen. Sonst würde er wie Sagar und Runi sterben - ein in Bangladesch bekanntes Journalistenpaar."

Seit über einem Jahr lebt Mahmud Moni jetzt in Werl, einer Kleinstadt in der Nähe von Dortmund. Auf zehn Quadratmeter in einem katholischen Stift. Er hat in Deutschland politisches Asyl beantragt. Vor 15 Monaten."

"Ich bin physisch in Sicherheit, also es gibt hier keine Feinde in Deutschland. Aber psychisch fühle ich mich nicht sicher, weil meine Familie noch in Bangladesch ist. Ich vermisse sie schrecklich."

In den ersten Monaten hat Mahmud Moni voller Elan versucht, sich in Deutschland zu integrieren, hat verschiedene Sprachkurse des Kolping-Bildungswerks besucht und immer wieder versucht, einen Job zu bekommen. Als Zeitungsausträger, in einer Putzkolonne oder in einer Restaurantküche. Die Leiterin der Integrationskurse, Sabine Kühne, hat diese Bemühungen mitbekommen – und das ständige Scheitern des Journalisten aus Bangladesch.

"Es ist ne harte Mühle, da brauchen wir gar keine Blumen drum zu malen, da muss jemand wirklich, wirklich stark aufgestellt und hochmotiviert sein und viel, viel Eigeninitiative entwickeln, Durchhaltevermögen keine Frage ... Ich würde schon sagen, es besteht ne Chance, aber die allergrößten würde ich nicht ausmalen."

Die einzige Arbeit, die Mahmud Moni im Moment machen kann, ist eine Art Sozialarbeit: Im Werler Sportpark hilft er Boden-Platten zu verlegen, Duschen zu reparieren und Zäune in Stand zu halten. Für 1 Euro fünf die Stunde. Sein Chef dort, Steve Brown, hat über die Monate bemerkt, wie Moni nach und nach seine Zuversicht verloren hat.

"Es gibt Tage, an denen er verzweifelt ist, weil er kriegt her ja einiges mit übers Internet, und da macht er sich echt Sorgen. Es sind schwierige Zeiten, aber er hat eine sehr positive Einstellung und das ist ganz wichtig, wenn man in so einer Situation ist."

Jetzt, nach 15 Monaten, hat Mahmud Moni diese positive Einstellung nicht mehr. Denn die Ungewissheit nagt ständig an ihm. Und die Sorge um seine Frau Nazmun und seinen vierjährigen Sohn Souhardo in Bangladesch. Denn zu deren ständiger Angst vor Polizeischikane und gewalttätigen Islamisten kommt jetzt noch die finanzielle Not. Das weiß Moni von den Gesprächen über Skype. Im Gespräch schildert seine Frau Nazmun ihre Situation in Bangladesch anfangs noch nüchtern.

"Als er noch da war, gab's kein Problem. Als er wegging, hatte ich auch kein Problem, da war noch genug Geld auf der Bank. Eine Zeit lang konnte ich davon leben, aber jetzt ist alles aufgebraucht. Jetzt geht es mir finanziell sehr schlecht. Mir kommt es vor, als ob wir uns nie wieder sehen werden."

Dann kommen die Tränen. In solchen Situationen sitzt Mahmud Moni hilflos, sprachlos und völlig verzweifelt vor dem Bildschirm.
Denn er bekommt ja mit, wie viele Asylverfahren anderer Mitbewohner längst entschieden worden sind. Nur er sitzt seit 15 Monaten im Ungewissen. Deswegen fiebert der Journalist seit Monaten seiner Anhörung entgegen, dem Moment, in dem er beweisen kann, dass er ein Recht auf Asyl in Deutschland hat. Der Druck ist deshalb enorm, als der Journalist Anfang der Woche in Bielefeld vor der BAMF-Außenstelle steht. Er hat kalte Hände und zwinkert ständig nervös mit den Augen.

"Hach, ich hab seit 15 Monaten darauf gewartet, dass stresst mich natürlich und in so einer Situation schläft man davor nicht gut, mir ging es auch so."

Fast 5 Stunden lang stellt sich der Journalist den Fragen des sogenannten 'Entscheiders', erzählt von bedrohlichen Situationen, seinen Artikeln, seinen Ängsten - alles wird in und aus seiner Muttersprache übersetzt. Und dann, nach 5 Stunden, ist die Anhörung vorbei.

"Es war sehr anstrengend, und ich bin jetzt einfach total müde."

Wie er sich fühlt? Er schüttelt den Kopf – Mahmud Moni ist immer noch sichtbar fassungslos über die Aussage der Entscheiderin, dass es noch sehr lange dauern kann. Weil in Bangladesch kein Krieg ist, haben Asyl-Anträge aus diesem Land keine Priorität. Erst wird über Syrer und Menschen aus den Balkanländern verhandelt. Eine Entscheidung über das Schicksal des Journalisten aus Bangladesh fällt deshalb frühestens in einem halben Jahr – vielleicht aber auch erst in drei Jahren.

 

 

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