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Politisches Theater aus Weißrussland

Das "Belarus Free Theatre" gastiert in Zürich

Von Dagmar Walser

Mit einfachen Mitteln erzählt das "Belarus Free Theatre" von den gesellschaftlichen Problemen in Weißrussland.  (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Mit einfachen Mitteln erzählt das "Belarus Free Theatre" von den gesellschaftlichen Problemen in Weißrussland. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Das Belarus Free Theatre" aus Weißrussland spielt Geschichten, die vom manchmal harten weißrussischen Alltag berichten, Geschichten, die von der Regierung und den Medien gerne vertuscht werden. Nun gastiert die Truppe in Zürich.

Der Schauspieler Nikolai Kahlezin kommt auf die fast leere Bühne in Jeans und einer weißen Jacke. Die langen Haare sind zusammengebunden, Sonnenbrille, Turnschuhe.

Auf einem Barhocker sitzend, fängt er an zu erzählen: Von Kindheitserinnerungen, der ersten verbotenen Schallplatte, der ersten Jeans, und dem Schwarzmarkt, auf denen er mit diesen Insignien der Freiheit gehandelt hat. Es folgen: Verhaftungen, Gefängnisrealität, der schon fast ewig dauernde Kampf um die Hoffnung auf Freiheit.

Der 45-jährige Autor und Schauspieler ist Mitbegründer des "Belarus Free Theatre", und in der Produktion "Generation Jeans" erzählt er seine eigene Geschichte.
Eine Geschichte, die in Weißrussland viele im Publikum kennen. Weil sie bis hin zur selben Gefängniszelle die eigene sein könnte. Nikolai Khalezin:

Theater sei für ihn auch Psychotherapie, sagt Nikolai Khalezin und die Entscheidung "normale" - vom der Regierung und den Medien in Weißrussland verschwiegene - Geschichten zu erzählen, können diese nicht nur lebendig halten, sondern sie auch transformieren.

Nikolai Kahlezins hat das "Belarus Free Theatre" vor vier Jahren zusammen mit seiner Frau Natalia Koliada gegründet. In Weißrussland unabhängig von Regierungsstrukturen zu sein, bedeutet, im Untergrund zu wirken. In Privatwohnungen zu spielen, immer in der Angst, vom Geheimdienst entdeckt und verhaftet zu werden. Viele Möglichkeiten gebe es für sie nicht, sagt Natalia Koliada, in Minsk Theater zu machen. Es sei die Wahl zwischen dem Versuch, mit ihrer Kunst für die Freiheit zu kämpfen - oder zu gehen.

Doch solange die Hoffnung bestehe, mit ihrem Theater, der 15-jährigen Diktatur von Aleksander Lukaschenko ein Ende zu setzen, solange würden sie es tun.

In "Zone of silence" zeichnet das "Belarus Free Theatre" mit einfachen Theatermitteln und teilweise nah am Kabarettistischen ein Panoptikum an Menschen auf. Im ersten Teil werden wahre Geschichten von Menschen und ihren gesellschaftlichen Nöten und Sehnsüchten erzählt. Von Sexualität, Drogenkonsum, Selbstmord. Und konturiert werden diese in einem zweiten Teil mit Statistiken und Fakten: 72 Prozent der Bevölkerung in Belarus habe Probleme, Demokratie zu definieren, etwa. Oder: Jährlich verschwinden 1000 bis 1200 Menschen in Weißrussland. -

Ohne das große Interesse vom Ausland würde das "Belarus Free Theatre" wohl kaum überleben. Und das kann man hier finanziell und wörtlich verstehen. Als vor zwei Jahren die ganze Gruppe nach einer Vorstellung gefangen genommen wurde, kamen sie erst frei, als in ausländischen Medien davon berichtet worden war.

Der Schutz des "Belarus Free Theatre" sind große Namen von Förderern und Freunden im Westen: Tom Stoppert, Vaclav Havel, Steven Spielberg, Ariane Mnouchkine... Für die Gruppe: ein Geschenk des Himmels, wie es Nikolai Khalezin formuliert.

Kunst und Politik sind nicht getrennt zu denken, im Theater der Gruppe "Belarus Free Theatre”. Und doch sind es nicht laute Parolen gegen den Diktator oder wütende Systemkritik, die ihre Abende auszeichnen. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Denn gegen die offizielle Politik und für die Kunst heißt fürs "Belarus Free Theatre” vor allem für den Menschen. Und was kann politischer sein, als für ein Menschenbild zu kämpfen, in dem Elend nicht verschwiegen und Freiheit erstrebenswert ist.

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