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StartseiteInterviewPolitologe befürchtet: Toulouse-Attentat wird zum Wahlkampfthema21.03.2012

Politologe befürchtet: Toulouse-Attentat wird zum Wahlkampfthema

Der französische Publizist Alfred Grosser über die Auswirkungen der Mordserie

Die Attentate von Toulouse seien eine nationale Tragödie, die Frankreich eine, sagt der Politologe Alfred Grosser. Gestern hätten alle Kandidaten für die anstehenden Präsidentschaftswahlen angesichts der Morde ihren Wahlkampf ausgesetzt - doch Grosser fürchtet, dass sich das ändern wird.

Das Gespräch führte Silvia Engels

Der Politikwissenschaftler Alfred Grosser  (AP)
Der Politikwissenschaftler Alfred Grosser (AP)

Silvia Engels: Frankreich hat sich noch nicht von dem Schock einer Mordserie erholt, die bislang sieben Menschen das Leben gekostet hat. Darunter sind auch drei Kinder und ein Lehrer. Sie wurden vorgestern vor einer Schule erschossen. Nun scheint die Polizei dem Täter schon sehr nahe zu sein. Seit den frühen Morgenstunden ist das Haus eines Verdächtigen umstellt.
Am Telefon ist nun der französische Publizist und Politologe Alfred Grosser. Guten Morgen, Herr Grosser.

Alfred Grosser: Guten Morgen.

Engels: Das Haus eines offenbar dringend Tatverdächtigen ist umstellt und er bekennt sich zum Terrornetzwerk El Kaida. Hier könnte also ein islamistischer Hintergrund der Mordserie bekannt werden. Hätten Sie so etwas vermutet?

Grosser: Ja, es war eine der Möglichkeiten. Eine andere war extrem rechts, denn die drei erschossenen Soldaten heißen Abdel Chennouf, Mohamed Legouad und Imad Ibn Ziladen. Vielleicht hätte er die erschießen können, weil sie Moslems waren. Aber jetzt scheint es doch wahrscheinlich, dass es ein extremes Islam-Attentat ist von jemand, der sich auf El Kaida beruft. So sagt jedenfalls unser Innenminister.

Engels: Wie sehen Sie generell die Bedeutung, die El Kaida in Frankreich spielen könnte? In den letzten Jahren hatte es hier ja keine Anschläge gegeben.

Grosser: Nein, es hat keine Anschläge gegeben. Und ist das das Resultat der Sicherheitsmaßnahmen? Ist das das Resultat, dass El Kaida nicht nach Frankreich gekommen ist? Das bleibt offen. Jedenfalls ist jetzt alles gerechtfertigt, was als Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden ist, und ich nehme an, dass aus der Krise jetzt unser Innenminister Claude Guéant, den ich sehr kritisiere für viele Sachen, als Sieger herausgeht, was für Sarkozy günstig sein könnte.

Engels: Als günstiger Fall für Sarkozy, das klingt ein wenig zynisch, angesichts der Mordserie. Aber klar: Wir stehen in der Schlussphase des Präsidentschaftswahlkampfes, was die erste Runde angeht. Wird also dieser möglicherweise schnelle Fahndungserfolg ganz klar für Präsident Sarkozy wirken?

Grosser: Ja, und alle Kandidaten haben gestern aufgehört, Wahlkampf zu machen. Das war sehr schön, das ist nationale Einheit. Das war auch die Tatsache, dass wir la République verteidigen, was eine ganz andere moralische Bedeutung hat als die Republik in Deutschland. Und wenn ich denke, dass Jacques Chirac in seinen Memoiren geschrieben hat, sein größter politischer Fehler sei gewesen, als er gegen Le Pen mit 80 Prozent der Stimmen, auch Linksstimmen, gewählt worden war, nicht gesagt hat, ganz Frankreich macht eine Koalitionsregierung, anstatt zu sagen, nur die Rechte hat gewonnen und ich mache eine konservative Regierung. Also es gibt einen Schock und alle haben aufgehört, Wahlkampf zu machen, inklusive Marine Le Pen, um zu sagen, es ist eine nationale Tragödie und wir sind alle einig.

Engels: Welche weiteren Auswirkungen kann diese Mordserie mit dem möglicherweise islamistischen Anschlag haben? Der Tatverdächtige soll ja französischer Nationalität sein. Aber dennoch sorgen Sie sich davor, dass möglicherweise die Sorge vor Migranten jetzt zunimmt?

Grosser: Das ist möglich und andererseits kann es auch ein anderes negatives Resultat geben. Jetzt ist der Sprachgebrauch seit gestern wieder anders. Der Ermordete und seine ermordeten Kinder sind nach Hause transportiert worden, um in Israel begraben zu werden, und da könnte, ich möchte sagen, bei einem Teil der Franzosen der Eindruck bestehen, die Juden seien eigentlich Israelis und nebensächlich französisch. Dann wurde gesagt, er hat eine doppelte Nationalität, er kam vor einem Jahr aus Israel, um hier zu unterrichten, und wäre natürlich ein Jahr später nach Israel zurückgegangen mit seinen Kindern. Deswegen ist es normal, dass sie in Israel begraben werden. Aber sicher ist nicht, dass die Reaktion sein wird, sind die Juden nicht eigentlich Israelis.

Engels: Das könnten negative Folgen sein. Auf der anderen Seite sind ja Tausende von Menschen in den vergangenen Tagen auf die Straße gegangen, um Anteilnahme mit den Angehörigen der Opfer auszudrücken. Weshalb bewegt gerade diese Anschlagsserie die Menschen in Frankreich so sehr und wird das auch die Gesellschaft prägen?

Grosser: Ja ich nehme an, wegen der Kinder. Das ist wirklich schlimm. Wenn Kinder kaltblütig ermordet werden, man dem Kind nachläuft und in den Kopf schießt, obwohl das Kind sich überhaupt nicht wehren kann, das ist tragisch und ist besonders mehr schockierend, als wenn Erwachsene getötet werden. Und dass man sich solidarisch bekundet, das ist auch oft geschehen. Wenn zum Beispiel eine Moschee in Flammen aufgeht, ist man auch solidarisch, wie es damals in Deutschland üblich gewesen ist, wenn es irgendwo im Ruhrgebiet in einer Moschee brannte.

Engels: Rechnen Sie denn mit einer tiefer gehenden Wirkung auf die französische Gesellschaft durch diese Mordserie, deren Aufklärung möglicherweise bevorsteht?

Grosser: Auf die Gesellschaft nicht, aber ich nehme an, dass schon in den nächsten Tagen es ein Wahlkampfthema leider werden wird, im Sinne: Seht mal, wie gut unsere Polizei ist, seht mal, wie gut also unser Innenminister ist, der die Polizei befehligt. Das fürchte ich sehr in den nächsten Tagen.

Engels: Der französische Publizist und Politologe Alfred Grosser. Vielen Dank für Ihre Einschätzungen heute Früh.

Grosser: Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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