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StartseiteInterviewPolitologe vermutet inneramerikanischen Rechtsradikalismus16.04.2013

Politologe vermutet inneramerikanischen Rechtsradikalismus

Christian Hacke zum Anschlag beim Boston-Marathon

Der Konfliktforscher und Politologe Christian Hacke hält einen Al-Kaida-Hintergrund beim Anschlag auf den Boston-Marathon eher für unwahrscheinlich. Seit dem Amtsantritt von Präsident Obama habe sich das rechtsradikale Lager in den USA enorm verstärkt, sagt Hacke.

Christian Hacke im Gespräch mit Gerd Breker

Terrorangst nach Anschlägen während Boston-Marathon (picture alliance / dpa / CJ Gunther)
Terrorangst nach Anschlägen während Boston-Marathon (picture alliance / dpa / CJ Gunther)

Gerd Breker: Der Boston-Marathon ist einer der ältesten Städteläufe überhaupt und überaus populär. Mehr als 20.000 Läufer am Start, rund eine halbe Million Zuschauer, Patriots Day, ein Feiertag. Ein Feiertag, der in einer Tragödie endete, als in der Nähe der Ziellinie kurz hintereinander zwei Bomben explodieren. Menschen sterben, über Hunderte werden zum Teil schwer verletzt, zweifellos gewollt, zweifellos ein Anschlag.
Der Bombenanschlag von Boston hat weltweit Entsetzen ausgelöst und Ängste vor einer neuen Terrorwelle geschürt. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon verurteilte die sinnlose Gewalt, Kreml-Chef Putin sprach von einem barbarischen Verbrechen und fordert eine aktive Koordination des weltweiten Anti-Terror-Kampfes.Natürlich hat auch die NATO in Brüssel reagiert.

Am Telefon sind wir nun verbunden mit dem Politologen und Atlantiker Christian Hacke. Guten Tag, Herr Hacke.

Christian Hacke: Seien Sie gegrüßt, Herr Breker!

Breker: Was war denn Ihr erster Gedanke, als Sie davon gehört haben, dass beim Boston-Marathon es zu Anschlägen gekommen ist?

Hacke: Also, mein erster Eindruck oder meine erste Befürchtung war, dass Al-Kaida dahinter steckt und dass hier eine neue Welle von dieser Terrororganisation gestartet wird. Aber je länger ich darüber nachdenke und je mehr man spekuliert, glaube ich, die Spekulationen müssten eigentlich stärker und die Nachforschungen stärker in eine andere Richtung gehen. Ich glaube, dass es ungefähr - natürlich wagt man sich da ein bisschen vor - 70 zu 30, ich schätze zu 70 Prozent, dass es inneramerikanischer Rechtsradikalismus ist, der dahinter steckt.

Breker: Was veranlasst Sie zu dieser Schätzung? 70 zu 30 ist ja ein ziemlich deutlicher Hinweis auf inländische Täter.

Hacke: Das ist natürlich jetzt ein bisschen überpräzise. Aber was mich dazu führt: Es war am Patriots Day, und das hat eine perfide Doppelbedeutung. Vergessen Sie nicht, dass seit dem Amtsantritt von Präsident Obama das rechtsradikale Lager sich enorm verstärkt hat. Von ein paar Hundert Gruppen haben wir heute ungefähr tausend rechtsradikale Gruppierungen, militante Gruppen, Milizen. Das hängt sehr stark mit der innen- und gesellschaftspolitischen Entwicklung in den USA zusammen und ich würde mich nicht wundern, wenn hier auch das Gedankengut stärker geworden, sagen wir, aus der Frustration einer armen, zu kurz gekommenen und zunehmend verarmenden weißen Bevölkerung im Süden, das, was wir auch zum Teil aus dem Gedankengut von der Tea Party kennen. Also ich würde mich nicht wundern, wenn man es ein bisschen überspitzt ausdrückt: Das ist der militante radikale Ableger, der von der Tea Party nicht so weit entfernt ist.

Breker: Der Boston-Marathon ist ja ein sogenanntes weiches Ziel, ein relativ leichtes Ziel. Bomben in der Nähe der Zuschauer dieses Marathons, das heißt, Opfer waren gewollt.

Hacke: Das auf jeden Fall und es wurde auch, glaube ich, von Frau Fritz angedeutet, dass es natürlich auch hätte viel härter kommen können, und wir haben ja eine lange Geschichte des hausgemachten rechtsradikalen Terrorismus in den USA. Ich erinnere an McVeigh, glaube ich, hieß er, der in Oklahoma 1995, war es wohl, dafür sorgte, dass bei einer Explosion fast 200 Menschen getötet wurden. Also der Rechtsradikalismus hat eine Geschichte in den USA, auch der militante, und ich glaube, dass der Rückgang des Rechtsradikalismus im Zuge von 9.11 und einer doch, sagen wir, stark konservativ oder rechts ausgerichteten Administration wie unter Präsident Bush zurückging, und nun, seit Amtsantritt von Präsident Obama und mit seinen Bemühungen für eine liberalere, offenere, sozialere Gesellschaft, stößt das bei vielen generell im konservativen Lager auf Kritik und mobilisiert natürlich Rechtsradikalismus. Ich denke, dass diese Wechselwirkung auch hier zum Zuge gekommen ist, aber man kann sich irren. Ich sage ja: 30 Prozent kann auch sein, dass Al-Kaida mit dabei ist, aber meine Befürchtungen gehen in die andere Richtung.

Breker: Herr Hacke, Sie haben das Trauma 9.11 angesprochen. Wie ist im Lichte dessen die Reaktion der Behörden zu bewerten?

Hacke: Der Präsident der Heimatschutzbehörde, Johnson, hat immer schon stärker davor gewarnt, dass jetzt bei all dem, was seit den letzten zwölf Jahren passiert ist, man nicht auf dem rechten Auge blind werden darf, also dass man mit beiden Augen schauen muss. Im Heimatschutz ist enorm viel getan worden in den letzten zwölf Jahren und sie haben eine Riesenorganisation, die USA, aufgebaut an Sicherheit. Dann, wenn es so wäre, wenn es Al-Kaida gewesen wäre, dann wäre natürlich zweierlei für die USA jetzt das entscheidende Ereignis: Erstens, dass überhaupt der Terror wieder in die USA zurückkäme, nachdem er "nur" außerhalb der USA sich weltweit organisiert hat. Und das Zweite wäre, wenn es so wäre, dass natürlich auch der vermeintliche Sieg, den man glaubte, errungen zu haben mit der Kaperung und der Tötung von Osama Bin Laden, dass diese beiden Dinge, die eine gewisse trügerische Ruhe brachten, dass das vorbei wäre, wenn man in diese Richtung ermittelt. Das wäre auch schlimm genug, das würde das Land wieder zurückwerfen, was sowieso genügend mit sich zu tun hat: eine schwere Verunsicherung im Innern, die Wirtschaftskrise, die gesellschaftspolitische Krise, die Identitätskrise. Aber ich glaube sehr viel stärker noch daran, dass diese Krise zwar auch Ursache ist, aber in einem anderen Zusammenhang, wie ich ihn vorhin angedeutet habe, in der Wechselwirkung zwischen den liberalen Bemühungen dieser Präsidentschaft, dieses Präsidenten und der Unzufriedenheit und dem nicht folgen wollen aus dem rechten Lager und die Verbindung zwischen Tea Party und dann eben weiter militant zu den rechtsradikalen Gruppen. Und das nun noch am Patriots Day, also da sind einige Dinge, wo man sicherlich noch genauer nachfragen muss.

Breker: Wenn sich Ihre Vermutung, Herr Hacke, bestätigen sollte, dass es ein Anschlag von inländischen Kräften war, welche Konsequenzen kann das haben, wird das haben?

Hacke: Die Konsequenzen sind natürlich bitter, dass das, was wir in Washington sehen, das Blockieren der gegenseitigen Kräfte im Kongress zwischen den Demokraten und den Republikanern, dass das eben nicht nur in Washington passiert, sondern dass das sich reflektiert in einer zunehmenden Konfrontation innerhalb der Gesellschaft, und dass offensichtlich am rechten Rand es nicht nur Konservatismus ist, der mit Argumenten versucht, Obama lahmzulegen, sondern dass hier nun die Militanz und der Terror stärker wird, und das wäre natürlich eine fatale Entwicklung. Und man sieht, wie auch Obama zunächst natürlich ganz besonnen und entschlossen reagiert hat und nach beiden Seiten, natürlich vielleicht auch noch nach weiteren unter anderen Gesichtspunkten ermitteln wird. Aber gesellschaftspolitisch ist das ein fatales Signal für die weitere Entwicklung der USA. Sei es nun, ob es von Al-Kaida kommt, dass dann das Sicherheitsgefühl geringer wird, sei es, dass es aus dem rechtsradikalen Lager kommt, was natürlich inneramerikanische Konsequenzen noch viel stärker mit sich bringt.

Breker: Wir wissen noch nicht, wer es getan hat und warum, hat Obama gesagt, aber wir werden die Täter kriegen. Er steht nun im Wort.

Hacke: Ja, das tut er, und ich denke schon, dass hier jetzt die Regierung natürlich alles tun wird, um aufzuklären.

Breker: Im Deutschlandfunk war das der Politologe und Atlantiker Christian Hacke mit einer Einschätzung über die Hintergründe der Anschläge von Boston. Herr Hacke, ich danke Ihnen dafür.

Hacke: Ich danke Ihnen, Herr Breker!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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