Sonntag, 17.12.2017
StartseiteStreitkulturMüssen wir reisen?29.07.2017

Politycki vs. PaechMüssen wir reisen?

Die Deutschen sind Reiseweltmeister. Sie suchen Erholung, Kultur oder Abenteuer. Reisen erweitern den Horizont und sind ein Beitrag zur Völkerverständigung, sagen die einen. Reisen – zumal mit dem Flugzeug – sind barbarisch, sagen die anderen. Weil sie schlecht sind fürs Klima.

Matthias Politycki und Niko Paech im Gespräch mit Monika Dittrich

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Urlauber auf dem Internationalen Hippokrates-Flughafen auf der griechischen Insel Kos. (picture alliance / dpa / Peter Zimmermann)
Ab in den Urlaub - die Deutschen verreisen gern, zum Beispiel Griechenland. (picture alliance / dpa / Peter Zimmermann)

Millionen Deutsche packen in diesen Tagen wieder die Koffer, sie stellen sich in den Stau auf die Autobahn oder in die Schlange an den Flughafen. Manche wollen Vollpension und Sonne am Strand, andere suchen Exotik und Abenteuer oder Kultur und Sehenswürdigkeiten.

Aber: Muss das alles sein? Müssen Milliarden Menschen um den Globus fliegen, Naturparadiese zertrampeln, Tiere verschrecken, in Bettenburgen schlafen, das Klima anheizen, Müll hinterlassen – und noch dazu vielleicht einen schlechten Eindruck?

Darüber streiten:

·         Matthias Politycki, Schriftsteller und Autor des Buches "Schrecklich schön und weit und wild. Warum wir reisen und was wir dabei denken". Er hat das Reisen zu seinem Lebensstil erklärt.

·         Niko Paech, Volkswirt und Umweltökonom. Er lehrt an der Universität Siegen und ist einer der prominentesten Vordenker einer Postwachstumsökonomie.

Matthias Politycki sagt:

Ja. Wir müssen reisen. Nur wer Grenzen überschreitet, gewinnt neue Erkenntnisse, und manchmal haben Reisen mein ganzes Leben und Denken verändert. Und gerade in unserer Zeit ist das Reisen wichtig, also in einer Zeit, wo die Kulturen sichtbar auseinander driften und sich immer mehr Länder in Kriegsschauplätze verwandelt haben. Und wo wir Europäer mit unseren Werten immer weiter in eine Konfrontation mit benachbarten Kulturkreisen treiben, da finde ich, sind wir als Reisende fast die Einzigen, die reale Einblicke in die Fremde haben und mit entsprechend realistischen Einschätzungen dann zu Hause darüber sprechen. Ohne eine falsche Verklärung des Fremden, das ist klar, aber erst recht ohne Angst vor dem Fremden. Reisen ist damit für mich tatsächlich ein kleiner Beitrag vielleicht nicht schon zur Völkerverständigung, aber doch zum besseren Kennenlernen der Menschen über die weltanschaulichen Grenzen hinweg. Und wenn die Begegnung eins zu eins zwischen einem Reisenden und einem Einheimischen gelingt, dann verschafft sie einander zuallererst Respekt. Und das ist doch was!

Niko Paech:

Nein. Wir müssen nicht nur nicht reisen, sondern wir dürfen möglicherweise auch gar nicht mehr reisen. Wir wissen, dass die Menschheit gefährdet ist wegen des Klimawandels. Und Weltreisen sind der maximale ökologische Klimaschaden, den ein Individuum finanziell erschwinglich und legal ausführen kann. Wenn wir die Lebensgrundlagen erhalten wollen, bedeutet das, dass bei 7,3 Milliarden Menschen auf diesem Planeten jeder Einzelne pro Jahr noch etwa 2,5 Tonnen CO2 freisetzen dürfte. Eine einzige Flugreise von Frankfurt nach New York bringt pro Person aber allein vier Tonnen CO2. Würden tatsächlich die fossilen Rohstoffe, die wir für diese Weltreisen brauchen, so besteuert, dass tatsächlich der ökologische Schaden abgebildet wird, würde kein Mensch pro Lebenszeit mehr als zwei Mal in ein Flugzeug steigen können und würde auch viel weniger mit dem Auto fahren. Darüber hinaus schürt die Reisetätigkeit Bürgerkriege, Frustration, Destabilisierung. Wir fallen in andere Kulturen ein. Und Menschen, die vormals stabil eingebettet in Tradition oder in kulturgegebene Formen der Versorgung waren, die Zufriedenheit und Anerkennung hatten, müssen sich jetzt behaupten in einer globalen Gemengelage und stehen entwürdigt da, wenn der Tourist aus dem Norden einfällt.

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