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Polizeigewerkschaft: Hells Angels werden immer mächtiger

Niedersachsen-Chef des BDK fordert Verbot der Rockergruppe

Ulf Küch im Gespräch mit Peter Kapern

Emblem der Rockergruppe Hells Angels
Emblem der Rockergruppe Hells Angels (AP)

Die Hells Angels übernehmen das Rotlichtmilieu in Deutschland, befürchtet Ulf Küch, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter Niedersachsen. Auch die Anziehungskraft der Rockerbanden auf das rechtsradikale Spektrum bereitet dem Polizeigewerkschafter Sorge. Er fordert die Politik zum Handeln auf.

Peter Kapern: Zunächst wollen wir aber noch einmal zurückschauen auf eine spektakuläre Polizeiaktion von gestern. Da durchsuchten 1200 Polizisten, unter ihnen auch die GSG9, Domizile der Hells Angels in Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Der Rockerbande wird vorgeworfen, tief in die organisierte Kriminalität verstrickt zu sein. Es geht unter anderem um Menschen-, Waffen- und Drogenhandel.
Mitgehört hat Ulf Küch, der Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter in Niedersachsen. Guten Tag, Herr Küch.

Ulf Küch: Guten Tag.

Kapern: Herr Küch, Ihr Verband fordert ein Verbot der Hells Angels. Warum?

Küch: Ja, weil wir der Meinung sind, dass diese Organisation schon seit Langem zu dem Kreis der Gruppen gehört, die ganz zwischen die organisierte Kriminalität verstrickt sind.

Kapern: Welche Belege haben Sie dafür?

Küch: Also zum einen sicherlich die Vorfälle der vergangenen letzten Jahre. Wir haben verschiedene Tötungsdelikte gehabt, wir haben massive Auseinandersetzungen gehabt zwischen Bandidos und Hells Angels, auch mit den nachfolgenden Organisationen, den "Head Doggets" beispielsweise, die ja den Hells Angels zuzurechnen sind. Es geht da ganz deutlich um Platzkämpfe insbesondere im Rotlichtmilieu. Wir haben sie mittlerweile im Bereich der Security, getreu dem Motto, habe ich die Tür, habe ich das Lokal. Dort beobachten wir seit langen Jahren mit großer Sorge die Entwicklung. Und wenn wir dann mal den Blick über den großen Teich werfen, in die Vereinigten Staaten, ich denke, dann muss man zum Thema Hells Angels nicht allzu viel sagen. Es ist eine der höchst kriminellsten Organisationen, die in den Vereinigten Staaten tätig ist, ebenso wie die Bandidos, und auf europäischer Ebene sind sie beispielsweise in Dänemark oder Schweden. Die Auseinandersetzungen dort mit den Hells Angels zeigen ganz deutlich, es handelt sich hier um kriminelle Machenschaften.

Kapern: Nun sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, dass er von einem generellen Verbot der Hells Angels gar nichts hält. Was halten Sie von seinem Argument?

Küch: Also ich denke mal, das ist leider symptomatisch für die bundesdeutsche Politik gewesen - in einigen Bundesländern hat man ja offensichtlich die Zeichen der Zeit erkannt -, dass man immer noch der Meinung ist, man könne gegen diese Gruppen nichts unternehmen. Ich frage mich ernsthaft, ob eine kriminelle Organisation, die im Ausland als solche auch tätig ist, hier in der Bundesrepublik Deutschland kleine Vereine gründen kann, um sich dann ganz ungeniert in der Öffentlichkeit bewegen zu können. Ich denke, da muss ein bisschen mehr getan werden, als hier in der Bundesrepublik einfach das nur für Deutschland zu sehen. Man muss das Ganze international, also global sehen, und ich denke, dann wird auch der Bundesinnenminister feststellen, dass es sich hier nicht um eine motorradfahrende Gruppe handelt.

Kapern: Nun sagt aber der Bundesinnenminister, für ein Verbot müsse man hinreichend verfestigte Strukturen nachweisen können, was er offenbar nicht glaubt, leisten zu können. Glauben Sie, dass dieser Nachweis erbracht werden kann?

Küch: Ich denke, einige Bundesländer haben es ja sehr schön jetzt vorexerziert, beispielsweise Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und auch Hessen. Die haben dort einzelne Vereine sich mittlerweile herausgenommen, haben geguckt, was haben die gemacht, und haben entsprechende Verbote erteilt. Die Hells Angels gehören als Gesamtes in sich zusammen, und ich denke, wenn man immer noch nicht das begreifen sollte, dann möge man sich doch bitte mal die Veranstaltung in der Kanzlei des Herrn von Fromberg anschauen. Dort sind zwei wichtige Führer von Rockern in der Bundesrepublik aufgetreten, sprechend für die gesamte Organisation: Herr Hanebuth für die Hells Angels und der Herr Maczollek für die Bandidos. Ich denke, mehr muss man nicht sagen dazu. Das heißt, diese Organisation hat zwei Spitzen, das sind diese beiden besagten Herren, und wenn diese Organisationen hier in der Bundesrepublik auffällig sind, kriminelle Aktivitäten zeigen, dann, meine ich, muss man spätestens nach dieser Veranstaltung in der Kanzlei in Hannover davon ausgehen, dass es eine zentral organisierte Gruppe ist.

Kapern: Der Begriff Rockerclub, Herr Küch, der klingt ja ein wenig verniedlichend, so als seien da ein paar, na ja, sagen wir mal, schwere Jungs unterwegs, die hin und wieder mal über die Strenge schlagen. Wie tief sind denn die Bandidos und die Hells Angels in die organisierte Kriminalität verstrickt?

Küch: Wenn Sie sich die Bereiche angucken, wo die Hells Angels und auch die Bandidos ganz offen agieren, und Sie schauen sich die örtliche Rotlichtszene an, aber auch das Security-Gewerbe und zum Teil auch das Gaststättengewerbe, dann werden Sie feststellen, Sie stoßen immer auf die gleichen Namen und auf die gleichen Personen, und insofern gehen wir davon aus, dass bis auf wenige Ausnahmen mittlerweile das Rotlichtgebiet oder das Rotlichtmilieu insgesamt in der Bundesrepublik Zug um Zug in die Händen der Hells Angels gerät, und das kann nicht richtig sein.

Kapern: Und wenn man über organisierte Kriminalität redet, dann denkt man zuerst einmal an die verschiedenen Mafia-Organisationen. Sind die Hells Angels da wirklich vergleichbar, was die Dimensionen der illegalen Geschäfte angeht, die die betreiben?

Küch: Sie mit der Mafia zu vergleichen, das ist sicherlich so nicht möglich. Sie sind eine Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, durch, sagen wir mal, nicht marktgerechte Aktionen sich an die Spitze eines Bereiches zu katapultieren, und ich sage, wenn Erpressung, Mord und Totschlag dazu gehören, um eine Marktposition zu erreichen, die führend ist, dann handelt es sich ganz eindeutig um kriminelle Organisationen und dann ist letztlich vollkommen egal, wie sie heißen.

Kapern: Wenn die Hells Angels nicht verboten werden, was bedeutet das dann für den Kampf gegen die organisierte Kriminalität?

Küch: Es ist zumindest für die Ermittlungsbehörden sehr viel schwieriger, ihnen habhaft zu werden. Allerdings muss man natürlich auch dazu sagen: sie sind ja eine Organisation, die mit einem vollkommen übersteigerten imponierenden Männlichkeitsgehabe unterwegs ist, und wir sagen immer bei der Polizei so schlechthin, nehmt ihnen mal die Kutte, dann steht dahinter ein ganz normaler Mensch. Also diese Symbole zeigen sie sehr hoch und da gibt es leider dann auch Affinitäten insbesondere in den rechtsradikalen Bereich hinein. Deswegen haben wir also auch schon Auffangbecken feststellen müssen in den letzten Jahren, dass sich viele Menschen, die so dem rechten Spektrum zugehören, geradezu magisch angezogen fühlen durch diese Rituale innerhalb dieser Rockergruppen.

Kapern: Ulf Küch war das, der Landesvorsitzende in Niedersachsen des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Herr Küch, vielen Dank, dass Sie sich heute Mittag Zeit für uns genommen haben, und Sie, meine Damen und Herren, bitte ich um Verständnis für die nicht ganz optimale Telefonleitung.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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