Mittwoch, 22.11.2017
StartseiteCampus & KarriereÄrzte gehen in Hungerstreik02.10.2017

Polnisches GesundheitssystemÄrzte gehen in Hungerstreik

Die Arbeitsumstände für polnische Krankenhausärzte sind extrem belastend. Einige von ihnen geben an, über 300 Stunden pro Monat zu arbeiten, um über die Runden zu kommen. Trotzdem müssen Frauen fast ein Jahr lang auf eine anstehende Brustkrebsbehandlung warten. Doch jetzt formiert sich vehementer Protest.

Von Florian Kellermann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Neurologen öffnen das Cranium an einem OP-Modell.  (imago/Westend61)
In Polen verzögern sich wichtige Behandlungen, weil Ärzte überarbeitet sind: Vor einigen Wochen starb ein Arzt vor einem Schichtdienst an einem Herzinfarkt. (imago/Westend61)
Mehr zum Thema

Ärztemangel in der Uckermark Schwierige Suche nach neuen Versorgungskonzepten

Ärztemangel und Pflegenotstand Gebremste Integration

Ärztemangel Jeder vierte Haus- und Facharzt will bis 2020 schließen

In ganz Polen machen die jungen Krankenhausärzte seit heute ihren Protest sichtbar: Sie tragen T-Shirts, mit denen sie ihre Unterstützung für einige Mediziner ausdrücken, die in Warschau in den Hungerstreik treten wollen. Grzegorz Antkowski, Vertreter der Vereinigung junger Ärzte im Krankenhaus in Leszno:

"Mit verschiedenen Aktionen werden wir den Hungerprotest unterstützen. Ärzte werden gemeinsam Blut spenden - als Symbol dafür, dass wir einen Teil von uns opfern müssen, damit unser Gesundheitssystem überhaupt funktioniert und unseren Patienten geholfen wird."

Die jungen Ärzte wollen nicht mehr hinnehmen, wie wenig sie verdienen. Im Durchschnitt seien das rund 500 Euro brutto im Monat, erklären sie. Sie fordern eine deutliche Erhöhung, fast auf den doppelten Betrag. Verhandlungen mit Gesundheitsminister Konstanty Radziwill in der vergangenen Woche scheiterten.

Um trotz ihres geringen Verdienstes über die Runden zu kommen, hätten fast alle Mediziner in Polen mehrere Arbeitsstellen, sagt Krzysztof Halabuz, Arzt in Warschau:

"Ich bin in der Abteilung für allgemeine Chirurgie angestellt, da arbeite ich täglich von 8 Uhr bis 15 Uhr, außerdem habe ich Schichten im Rahmen meiner Spezialisierung als Notarzt und übernehme in einem anderen Krankenhaus Nachtdienste. Normalerweise arbeite ich über 300 Stunden pro Monat. Das Gesetz verbietet das eigentlich, aber seit etwa zehn Jahren können Ärzte eine sogenannte Opt-out-Klausel unterschrieben, mit der sie auf Freizeit verzichten."

"Uns fehlt schon eine ganze Generation"

Auch fast alle gestandenen Ärzte arbeiten nicht nur dort, wo sie angestellt sind. Als Pseudo-Selbständige übernehmen sie zusätzliche Schichten in anderen Krankenhäusern. Wie gefährlich das ist, wurde allen Polen vor wenigen Wochen bewusst: Ein Chirurg starb im Krankenhaus in Wloszczowa, im Süden von Polen. Der Arzt hatte einen freiwilligen 24-stündigen Dienst hinter sich und eine weitere, diesmal obligatorische, Schicht vor sich. Erst am Nachmittag sollte er abgelöst werden. Der 59-Jährige erlitt einen Herzinfarkt, er konnte nicht gerettet werden.

Die meisten älteren Ärzte haben sich jedoch damit abgefunden - zumal sie, wenn sie zusätzliche Schichten übernehmen, für polnische Verhältnisse gut verdienen. Viele Junge dagegen wählten einen anderen Weg und wanderten ins Ausland ab, sagt Joanna Matecka von der Vereinigung der jungen Krankenhausärzte. In Deutschland etwa könnte deutlich mehr verdienen:

"Uns fehlt schon eine ganze Generation. Wir haben junge Ärzte und Ärzte, die über 50 Jahre alt sind. Diejenigen, die zwischen 35 und 50 Jahre alt sind, sind vor einiger Zeit in Massen ausgewandert. Und viele von den Jungen wollen auch gehen."

Erhebungen der Ärztekammer zufolge denkt jeder vierte junge Arzt in Polen daran auszuwandern.

Gehaltserhöhung löst nicht das Grundproblem

Denen, die seit heute protestieren, ist klar: Sie haben einen langen Weg vor sich. Denn mit einer einmaligen Gehaltserhöhung für sie ist das Grundproblem nicht gelöst: Das Gesundheitswesen sei über Jahre hinweg sträflich vernachlässigt worden, sagt Grzegorz Antkowski aus Leszno:

"Polen gibt nur 4,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die öffentlich zugängliche Gesundheitsversorgung aus. In westlichen EU-Ländern, aber auch in der Slowakei und Tschechien, sind es zwischen sechs und elf Prozent. Es ist erniedrigend für das medizinische Personal, wenn ein Kind auf einen dringenden Besuch beim Kardiologen vier Monate warten muss. Eine Frau wartet 37 Wochen auf die Behandlung eines Brustkrebses."

Es geht den Ärzten also auch um eine Veränderung des gesamten polnischen Gesundheitssystems. Der Hungerstreik, den einige Mediziner heute antreten wollen, ist deshalb nicht befristet.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk