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StartseiteDLF-Magazin Ponypause bei den Piraten15.12.2011

Ponypause bei den Piraten

Berliner Abgeordnete entspannen mit Kinder-TV-Serie

"My Little Pony" ist eine bald 30 Jahre alte Zeichentrickserie über die Freundschaften einer Handvoll Ponys. Bei den Piraten im Berliner Landtag hat sie es in die Geschäftsordnung geschafft: Jeder Pirat kann, etwa in einer hitzigen Diskussion, beantragen, eine Folge der Kinderserie zu schauen, um die Gemüter zu beruhigen.

Von Philip Banse

Ein lustiges Völkchen, die Berliner Piraten - und wenn's mal hitzig wird, schieben sie eine Folge "My little Pony" ein. (picture alliance / dpa - Emily Wabitsch)
Ein lustiges Völkchen, die Berliner Piraten - und wenn's mal hitzig wird, schieben sie eine Folge "My little Pony" ein. (picture alliance / dpa - Emily Wabitsch)

Berlin, 15. November, Fraktionssitzung im Berliner Landtag. Die Piraten sind sich nicht einig, wen sie in die Ausschüsse des Abgeordnetenhauses entsenden wollen. Dann meldet sich der Parlamentarische Geschäftsführer Martin Delius zu Wort:

"Ist es möglich einen Antrag auf Ponytime zu stellen?"
"Ja."
"Dann stelle ich den GO-Antrag auf Ponytime."

Sitzungsleiter und Fraktionschef Andreas Baum ist nicht begeistert:

"Ponytime? Ich bin dagegen."
"Du bist dagegen? Ok, dann müssen wir darüber abstimmen. Wer ist für den Antrag, den ich gerade gestellt habe auf Ponytime?"
"Ich mache um 18.30 Schluss, ne, ist klar. Vier dagegen und fünf dafür. Na, gut, dann macht mal Ponytime."
"Welche Staffel?"
"20."
"Die gibt es nicht!"
"Eins. Sucht die mal jemand raus?"


Ein Beamer projiziert das YouTube-Video an die Wand. 15 Berliner Landtagsabgeordnete unterbrechen ihre Fraktionssitzung, um sich eine Kinder-Fernsehsendung anzuschauen - 20 Minuten lang.

Auszug aus "My little Pony":

""Ich fragte, wozu Freundschaft gut sein kann, doch botet ihr die Freundschaft mir an. Abenteuer, Spaß und Spiel und etwas fürs Herz und von allem ganz viel."

"My Little Pony" ist eine bald 30 Jahre alte Zeichentrickserie über die Freundschaften einer Handvoll Ponys, die sich durch die quietschbunte Fantasiewelt von Equestria tanzen, zicken und zaubern.

Auszug aus "My little Pony":

"Nur weil vielleicht jemand ein paar Zaubertricks drauf hat, ist sie doch nicht besser als all die anderen Ponys."
"Vor allem, weil ich doch diejenige bin, die besser ist als all die anderen Ponys."

"Ich als Versammlungsleiter empfehle Ponytime jeder Partei. Das hilft, das entspannt die ganze Atmosphäre, das führt wieder zur Vernunft. Man kommt mal runter, denkt an was anderes, sieht Kinderfernsehen. Das ist schon eine gute Idee."

Sagt der Versammlungsleiter des Bundesparteitags der Piraten, Philip Brechler, besser bekannt als Plaetzchen. Sein Fraktionschef Andreas Baum ergänzt:

"Es hat durchaus inhaltlich mit Dingen zu tun, die wir auch bei den Piraten bearbeiten: Vertrauen, Freundschaft etc. Wo einem vielleicht noch mal klar wird: Okay, der da gerade neben mir sitzt und mit dem ich so eine krasse Differenz hatte oder Meinungsverschiedenheit, ist aber grundlegend eigentlich auf meiner Seite und lass uns doch gucken, wie wir unsere Schnittmengen irgendwie finden und uns auf was einigen können."

Auszug aus "My little Pony":

"Es tut mir so leid! Bitte, bitte hasst mich nicht!"
"Dich hassen?! Wieso sollten wir dich denn hassen, Herzchen? Deine Magie ist doch ein Teil von Dir, mein Zuckermäuschen. Wir mögen Dich so wie Du bist. Wir sind stolz darauf, dass ein so begabtes Einhorn unsere Freundin ist."

Die Uralt-Serie "My little Pony" ist ein Stück Internet-Kultur. Und wie so viel Internet-Kultur begann alles bei 4chan, einer anarchischen Webseite, wo jeder Bilder posten kann, anonym und unkontrolliert. Irgendwann tauchten die pastellfarbenen Ponys auf, wurden kommentiert, montiert und mutierten zu Ikonen der Netzkultur:

"Dadurch, dass sie Freundschaft schließen und zusammen denken können, lösen sie ihre Probleme. Und das ist es, was eigentlich das Netz auch ausmacht. Verschiedenste Charaktere denken zusammen und lösen sie. Und das ist eigentlich das gleiche - nur abgebildet auf Ponys."

Sagt Fraktionsmitarbeiter und Pony-Experte Stephan Urbach - der seinen Ponys auch den Weg wies in die Geschäftsordnung der Berliner Piratenpartei:

"Auf einem Parteitag haben Lotte und ich gedacht: Hm, bisschen aggressive Stimmung hier, man sollte mal ein bisschen 'My Little Pony' gucken."

Im Juni war das, als es bei der Berliner Mitgliederversammlung der Piraten hoch her ging. Die Piraten Alx42, Herr Urbach, Lotte und Plaetzchen beschlossen, das gute Karma der bunten Ponys für ihre Partei zu erschließen - und haben "die Geschäftsordnung gehackt", wie sie es formulieren. Der heutige Abgeordnete Alexander Morlang stellte den Antrag: In die Geschäftsordnung möge aufgenommen werden, dass jeder Pirat bei Mitglieder-Versammlungen einen Antrag auf Ponytime stellen kann. Stimmt die Versammlung diesem Antrag sodann zu, gelte:

"Eine von der Versammlungsleitung als passend empfundene Folge der Serie 'My Little Pony: Friendship is Magic' wird abgespielt."

Dieser Pony-Antrag lag allerdings nur schriftlich vor, wurde nie verlesen. So wusste eigentlich kaum jemand, worüber da jetzt abgestimmt wird, erinnert sich der Landtagsabgeordnete Heiko Herberg in seinem Internetradio Klabautercast:

"Was irgendwie zu Erheiterung geführt hat. Die Hälfte der Leute war noch nicht da, noch gar nicht bereit und auf einmal kommt so ein Antrag und - peng - war das Ding drinne."

Auszug aus "My little Pony":

"Ich finde, das ist bis jetzt der beste Trick gewesen."

Bisher wurde bei den Berliner Piraten nur zwei Mal Ponytime beantragt. Die süßen Vierbeiner hätten sich bewährt, sagt Fraktionschef Andreas Baum. Ponytime müsse man jedoch mit Bedacht einsetzen und dürfe nicht überdosieren - wie bei der Ponytime-Premiere in jener Fraktionssitzung vom 15. November:

"Wir haben die nicht ganz durchgehalten, muss ich sagen. Die haben sich einfach alle drauf geeinigt, gegen die Geschäftsordnung zu verstoßen und einfach früher wieder zu beginnen."

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