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StartseiteCorsoKlangpolitik versus Gratiskultur31.07.2017

"popfest" in WienKlangpolitik versus Gratiskultur

Seit einigen Jahren hat sich das Wiener "popfest" als Plattform für Autorenpop aller Spielarten etabliert. Der kostenlose Eintritt und die besondere Festival-Atmosphäre machen es für jeden zugänglich. Doch gerade das ruft die Kritiker auf den Plan.

Von Paul Lohberger

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Besucher drängen sich vor der Bühne des popfests an der Wiener Karlskirche (popfest Wien/Simon Brugner)
Pop vor der Wiener Karlskirche: Das große Gratisfestival im öffentlichen Raum stößt auf Kritik (popfest Wien/Simon Brugner)
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Zebo Adam: "Das Schlüsselmoment war, als sich Maurice die Haare blond gefärbt hat. Das war das wichtigste Produktionstool. Aber das war nicht so plötzlich, "ich färb' mir jetzt die Haare blond". Sondern: Das war eine vierjährige Entwicklung. Und irgendwann ist es dann so weit."

Paul Gallister: "In Wahrheit haben wir ausprobiert, manche Demos klangen nach 60ern, manche nach 80ern, und irgendwie ist es eine Mischung aus allem geworden. Und wir sind alle Beatles-Fans, insofern war es naheliegend, ein gitarrenlastiges Produktionselement als Hauptteil zu verwenden."

Zebo Adam und Paul Gallister, die Produzenten von Bilderbuch und Wanda, tauschen sich öffentlich über ihre Arbeitsweisen aus. Diese seltene Konstellation organisierte Diskussionsleiter Thomas Mießgang für den Theorie-Teil beim Wiener popfest. Unter dem Titel "Politics of Sound" lud der Autor und Kulturtheoretiker die Produzenten Chrono Popp, Zebo Adam und Paul Gallister zum Diskussions-Panel.

Revolution durch Timbres und Textur

Thomas Mießgang: "Als wir uns im Vorgespräch unterhalten haben, hab' ich die These aufgestellt, dass die eigentlichen Sound-Revolutionen, deswegen heißt es ja 'Politics of Sound', im Bereich des Timbres und der Textur stattfinden - viele von den Titeln könntest du ja auf der akustischen Gitarre nachspielen."

Am Sonntagnachmittag ging es also um die Rolle eines Produzenten im digitalen Zeitalter - Fazit: Emotionen und Persönlichkeiten zählen mehr als die Technik. Diese entsprechend einzusetzen, helfen die Producer. Übrigens sind weder Wanda noch Bilderbuch jemals am popfest aufgetreten. Asynchron zu den Planungszyklen wurden sie so groß und populär, dass sie heute nicht mehr leistbar wären. Zudem wären Gratisaufritte so großer Acts auf dem Areal ein Sicherheitsrisiko.

Dafür war heuer wieder ein Freund von Wanda, der Nino aus Wien, auf der großen Seebühne zu sehen. Sein letztes Album wurde klangpolitisch auch von Produzent Paul Gallister betreut.

Klangpolitik spielt freilich auch auf anderer Ebene eine Rolle, in viel expliziterer Form. Dass die Musikstadt Wien ein Popfest fördert, in Sicht- und Hörweite des Musikvereins, wäre in den Anfangstagen des österreichischen Autorenpop respektive Austropop nicht denkbar gewesen. Der Titel "Glaubst i bin bled" der Worried Men Skiffle Group war 1970/71 ein Underground-Hit. Die Wiederentdeckung dieser Gründerzeit des Austropop stand am Beginn des Wiener popfests 2010. Thomas Mießgang kennt die Materie als Mitautor des Buches "WienPop".

"Da hat Klangpolitik noch eine ganz andere Resonanz. Wie geht die offizielle Kommunalpolitik mit Popkultur um? Sie geht natürlich heute freundlich und affirmativ damit um. Man könnte sagen, dass die gesamte Kulturlandschaft seit etlicher Zeit popkulturell kontaminiert oder infiltriert ist."

Kritik aus dem bürgerlichen Wiener Feuilleton 

Ein Symptom dieses Phänomens sind viele geförderte Kulturangebote im öffentlichen Raum. So kam aus dem bürgerlichen Wiener Feuilleton Kritik am popfest: Ein Gratisfestival in dieser Dimension würde eher das Publikum abstumpfen als die Szene fördern - und außerdem dem Musiknachwuchs den Markt ruinieren.

Ana Threat ist heuer Kuratorin. Als Musikerin in verschiedenen kleinen Acts ist sie selbst gewohnt, in Clubs vor einem Insider Publikum zu spielen. Die Kritik an der Gratiskultur kann sie nicht nachvollziehen, freie Warenproben wären ja auch in anderen Bereichen üblich.

Ana Threat: "Es kommt hier zu einer Exposure, erschließt sich vielleicht auch ein Publikum, das man sonst nicht hätte. Das Schöne an einem Festival wie dem popfest ist, dass es sehr niederschwellig ist. Übliche Szene-Codes, die gelten, wenn man in einschlägig bekannte Lokale gehen will und vielleicht nicht so cool ist oder sich cool fühlt, das fällt hier weg. Das popfest steht allen offen, auch wenn man neu ist und die 'inner workings of the city'... mit denen nicht so vertraut ist."

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