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Seit 07:05 Uhr Presseschau
StartseiteBücher für junge LeserDer Schwarzmaler mit der Schabkartontechnik08.02.2014

PorträtDer Schwarzmaler mit der Schabkartontechnik

Hannes Binder bebilderte bereits viele Kinderbücher, zum Beispiel eine Neuinterpretation von Heidi nach Johanna Spyri. Seine Bilder wirken wie Holzschnitt und betonen vor allem das Schwarze. Im Interview spricht Binder über seine Maltechnik und die bildlichen Portale für seine Geschichten.

Hannes Binder im Gespräch mit Ute Wegmann

Zu sehen ist eine Schwarz-weiß-Fotografie von Hannes Binder. Er steht in einem Türrahmen und lächelt frontal in die Kamera. (Foto: Yvonne Böhler)
Hannes Binder (Foto: Yvonne Böhler)

Ute Wegmann: Hannes Binder, sieben Comic sind zwischen 1988 und 2005 zu den Werken Glausers entstanden, der bekannteste "Der Chinese". Glauser, 1896 geboren, dem man ein wildes drogenabhängiges Leben nachsagt, starb sehr jung 1938 und war ein "Enfant terrible" der Literatur, lange in der Schweiz nicht anerkannt. Durch Ihre Bücher hat er neue Aufmerksamkeit bekommen. Gerade im letzten Jahr sind seine Werke und Briefe neu aufgelegt. Was ist interessant an Friedrich Glauser?

Hannes Binder: Es ist in erster Linie seine Art, zu erzählen, seine Settings. Die sind extrem filmisch: Wie er die Sachen umreißt, wie er sich seinem Objekt nähert. Und sehr viel Ironie ist dort zu finden. Und weil ich immer recherchierbare Stoffe gesucht habe, war Glauser ideal. Das war alles irgendwie noch aufzufinden. Und alles das zusammen mit seiner Sprache – er war Dadaist, das ging ins Surreale. Und es war am Anfang so zugespitzt, dass ich das nicht mal so zeichnen konnte. Es weist dann in eine andere Richtung, die man nicht erzählen will. Es sind genau die Sachen zwischen den Zeilen, die Details, die einen anziehen. Ich habe immer gesagt, es juckt mir in den Fingern, das ist ein Zwang, das zu zeichnen. Das war der Zugang. Und dann hatte ich das Glück, durch den Arche-Verlag, der Verlag, für den ich die Buchumschläge der Taschenbücher gemacht habe. Den Glauser gab es noch nicht im Taschenbuch und das war für mich der erste Versuchsballon, "Der Chinese". Das ist mehr oder weniger gut gelungen, er hat sich sehr gut verkauft, weil es so etwas noch nicht gab im deutschen Sprachraum, eine Literaturadaption.

Wegmann: Jetzt heißt der letzte Band "Nüüd appartigs". In Hochdeutsch bedeutet das?

Binder: "Nichts Spezielles", das kommt aus dem Französischen von apart. Die Deutschen glaubten lange, es heiße irgendwas Abartiges, damit hat es aber nichts zu tun. Übrigens die Neuauflage des Buches mit einer Zusatzgeschichte heißt jetzt nur noch "Glauser".

Wegmann: Das heißt jetzt "Glauser" vielleicht, weil es inhaltlich Glausers Blick auf die Anfänge des Dadaismus in Zürich zeigt. Also keine einzelne Geschichte. Inwieweit greifen Sie Dadaistisches in Ihren Bildern auf?

Binder: Das ist jetzt eine Art Illustration die 1 zu 1 emanzipiert oder parallel neben dem Text steht. Und ich wiederhole eigentlich den Text in einer Überhöhung. Zum Teil ist es auch ein bisschen in Bewegung gesetzt, aber nicht wie in Panels oder in Comics üblich, sondern es sind eigentlich die Essenzen des Textes im Bild.

Wegmann: Ist der Dadaismus oder auch Surrealismus eine kunsthistorische Epoche, die wichtig ist für Ihr eigenes Schaffen?

Binder: Ich denke, beim Illustrieren ist der Surrealismus sehr geeignet als Mittel, weil er über die Realität hinausführt. Das sind die Möglichkeiten der Illustration, dass man wie vor der Zentralperspektive mehrere Sachen gleichzeitig ins Bild bringen kann. Und das wirkt dann surreal, das ist eine Nähe, die man gut nutzen kann.

Wegmann: Gibt es denn noch eine andere Epoche, die sie geprägt hat?

Binder: Ja, die Mörike- Zeit, das Biedermeier oder die Romantik, wenn man es durch eine Zeitlupe sich ansieht. Es steht mir schon nah. Das hat wiederum mit meiner Technik zu tun, die ja, weil es wie Stich wirkt, immer ein bisschen 19. Jahrhundert ist. Das ergibt die komische Fiktion. Wenn man das heute in einer Art darstellt, wie man es im 19. Jahrhundert gemacht hat, dann irritiert das irgendwie und das ergibt eine innere Spannung, die das ausmacht, was die Leute interessiert am Hannes Binder.

Wegmann: Jetzt müssen wir unbedingt über die Technik sprechen, die Sie uns erklären müssen. Es ist eine Nadelkratztechnik. Was ist das genau, was Sie da machen?

Binder: In Italien nennt man das Verfahren "Incisione finta", eigentlich beschissener Holzschnitt, vorgetäuschter Holzschnitt. Und es ist witzig, mein Vater hat tatsächlich Holzschnitte gemacht und ich habe ihm zugesehen als Kind. Es ist eine Ur-Arbeit und wenn man einen Fehler macht, ist das Holz weg. Und man kann sich massiv in die Finger schneiden. Das ist bei mir alles nicht so gefährlich und es geht auch viel besser weg. Es ist nur eine ganz dünne Schicht auf einem Karton, der mit einer Gipsfarbenschicht belegt ist und darüber ein dünner Film Schwarz. Und das schabe ich mit einem Messer weg und es entsteht eine weiße Linie. Das ist ja das Komische, man nennt mich immer den Schwarzmaler und meint das auch ganz im negativen Sinne, der, der alles so schwarz sieht. Im Gegenteil, es ist ein Weiß-Malen, was ich mache. Und es entsteht Licht. Die Gefahr bei dieser Technik besteht tatsächlich darin, den Moment zu erkennen, wo man aufhören muss, denn was weg ist, ist weg. Und wenn es all zu hell sein muss, dann kann ich es viel besser schwarz auf weiß zeichnen. Da bin ich ja ein Idiot, wenn ich mir zuerst die ganze Platte schwarz vornehme und dann alles wegkratze und mir die Arbeit mache. Aber das Faszinierende für mich ist, dass es ein Zeichnen mit Widerstand ist. Das schätze ich. Es gibt auch Abfall, es gibt den Staub, den muss man mit einem kleinen Besen wegschaffen. Und ich habe gearbeitet. Ich bin mit der Hand ermüdet am Abend. Ich kann mich zur Ruhe setzen. Ich habe Feierabend. Und das schätze ich. Es ist Handwerk.

Wegmann: Nun haben Sie es schon erklärt. Es sind Bilder überwiegend im Schwarz-weiß-Bereich. Ist denn Schwarz für Sie eine Farbe?

Binder: Schwarz ist keine Farbe. Man sagt ja immer auch bei den Schwarz-Weiß-Filmen: Es sind grafische Vereinfachungen der Realität, aber man sieht das ganze Spektrum von Farbe zwischen Schwarz und Weiß trotzdem. Man macht sie sich selbst im Kopf.

Wegmann: Man findet in Ihren Bilder durchweg, wenn wir jetzt mal über Motive sprechen, sehr viele reale oder real-scheinende Orte. Hat der Verweis auf die Realität, die Anbindung an Wirklichkeit eine höhere Priorität als Fantasieorte?

Binder: Bei vielen Geschichten liegt mir schon viel daran, die Authentizität mit beizubringen, also zusätzlich.

Wegmann: Noch mal zurück zur Farbe: Würden Sie sagen, dass sich die Technik an bestimmte Themen bindet, an bestimmte Genres?

Binder: Ja, sicher, das mit sich. Es ist ein Zwielicht, also der Kontrast Schwarz/Weiß, den kann man ausspielen. Schwarz wird schwärzer durch Weiß und diese Tatsache limitiert natürlich. Ich bin in den Krimis ganz gut. Oder so etwas wie die Kaminfegergeschichte. Auch Klassiker. Aber wo es schwierig wird, ist bei Kinderbüchern, wo das Gebot besteht, sie müssten farbig sein. Bilderbücher für Kinder müssen farbig sein. Ich kann natürlich die Schabkartonzeichnungen kolorieren, aber es bleibt kolorierte Zeichnung, es ist nie Peinture. Es ist nie malerisch, es bleibt vor allem eine Zeichnung. Es hat damit zu tun, dass ich offensichtlich mehr interessiert bin an der Form als an der Farbe.

Wegmann: Wenn man die Grafic Novels von Hannes Binder kennt, ist man plötzlich besonders überrascht, auch bunte Illustrationen zu finden. Im Jahr 2008 erschien bei Nagel & Kimche "Heidi" von Johanna Spyri (1880), neu erzählt von dem Schweizer Schriftsteller Peter Stamm. Mit ihren Bildern. Farbige Bilder.

Binder: Die Farbe wird nachträglich mit Lasurfarben eingefärbt. Das ist ein Zusatz. Das hat schon seine Tücken, weil das Gemisch von Kreide und Leimgranulat, das die Weißschicht ausmacht, stößt gewisse Farben ab. Das war irritierend. Ein richtiges Rot stand einfach nicht auf diesem Kreidegrund, das verblasste sofort wieder.

Wegmann: Ich möchte versuchen, mal ein Bild ein wenig zu beschreiben: Aufsicht aufs Haus des Alpöhi. Und durch eine kreisrunde Luke auf eine glücklich lächelnde Heidi, die im Stroh liegt und den Himmel betrachtet, während unten der Großvater die Ziegen füttert. Auf diesem Bild ist die Welt ist rund, wie die Luke, so wie es sich gehört. Ein Zusammenspiel von Mensch und Natur, Jung und Alt. Es stimmt alles.

Heidi und Alpöhi und Tier und Berge - gleich Harmonie gleich Glück.

Binder: Ja, das ist ein Anliegen, das erste Anliegen, meine Perspektive hineinzubringen. Es gibt ja 1000 – das ist jetzt vielleicht übertrieben –, aber sehr viele Heidi-Darstellungen. Und ich frage mich dann, was kann ich noch neu machen, meine Perspektive der Geschichte. Und auch hier Authentizität, es nicht irgendwo anzusiedeln, sondern da, wo es stattgefunden hat. Es ist vielleicht sogar mein Lieblingsbild, weil die Heidi ist unglaublich aufgehoben in dem Nest aus Heu und hört vor dem Einschlafen alle möglichen Geräusche, die beruhigen. Das sehen wir, weil wir außen sind. Das war meine Perspektive, dass man nach innen sieht und das Außen mit dabei hat.

Wegmann: Jetzt haben Sie das Bild ganz in Hellblau gehalten. Warum?

Binder: Das ist so die Dämmerung. Und schon nicht allzu dunkel sein wollen ist etwas, was ich mir verinnerlicht habe. Und so wird es dann hellblau und nicht ganz dunkelblau.

Wegmann: Ein Bild zeigt, wie Sie die Einsamkeit, Sehnsucht und das Leiden Heidis darstellen. Erdrückend hohe Häuserwände mit geschlossenen Fenstern setzen sich bis ins Zimmer Heidis fort. In einer extremen Untersicht bricht über den Häusern ein Licht hervor und das Dach des siebenstöckigen Hauses verändert sich zu schneebedeckten Berggipfeln. Einsamkeit und Trost in der Natur zu finden, da treffen sich viele der Figuren, mit denen Sie sich in den Büchern beschäftigt haben. Ist das Ihr Thema?

Binder: Ich hab nie darüber nachgedacht, es war nie so absichtsvoll. Es ist diese Konstruktion: Heidi erlebt plötzlich Räume und die sind beengend und sie kannte keine Räume, das war eben diese große Freiheit.

Wegmann: Heidi ist einsam in dem reichen Haus in der Stadt. Friedrich Glauser war einsam und ebenso Antonio Ligabue. So der Titel einer Grafic Novel. Von der Qual eines Künstlerlebens lautet der Untertitel des Buches über den eigenwilligen Maler Toni. Was zurückbleibt: Man erinnert sich an die große Einsamkeit eines Einzelgängers, eines Künstlers, der isoliert lebte. Ein Mensch, der die Tiere und die Natur liebte, sich aber nie den Menschen öffnen konnte. Der Künstler und die Gesellschaft, Akzeptanz und Ablehnung – will die Grafic Novel auch eine Auseinandersetzung mit diesen Themen anstoßen?

Binder: Ich denke, die Grafic Novel hat die Möglichkeit, Bilder vorzugeben, die im Unterbewussten vielleicht nicht unbedingt anklingen.

Wegmann: Der Schweizer Künstler Hannes Binder ist heute Gast im Büchermarkt: Wir hören jetzt das Gedicht "Um Mitternacht" von Eduard Mörike aus dem Jahr 1827, gelesen von Thomas Balou Martin.

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun,
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr,
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet's nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort,
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Wegmann: Eine Nacht, die sich über die Erde legt und den Tag mit hinüber in die Zeit nach Mitternacht nimmt. Dieses komplexe Gedicht zu interpretieren, dessen bedarf es einer ganzen Sendung. Sprechen wir über die Bilder, die Sie gefunden haben. Stadt und Landschaftspanoramen, alte neben neuer Architektur, verkehrsüberlastete Hochstraßen, die Städte zerschneiden, Musikanten in einer mittelalterlichen Kleinstadt, ein Filmteam in einer Bergkulisse – alte Welt und neue Welt nebeneinander, wie die müde Mutter Nacht neben ihren Kindern, den Quellen, die vom einzigartigen Tag, vom einzigartigen Heute erzählen und nicht müde werden wollen. Ein Zusammenspiel von Jung und Alt, von Licht und Schatten. Was reizt den Künstler Hannes Binder an diesem Gedicht am meisten?

Binder: Es war der erste Satz: "Gelassen stieg die Nacht ans Land." Dieses gelassen: "Lehnt träumend an der Berge Wand." Die Herausforderung war, dass ich keine allegorischen Figuren des 19. Jahrhundert zeichnen konnte, sondern es eben umsetzen musste. Aber die Stunde um Mitternacht, wo es kippt, dafür Bilder zu finden, war die Herausforderung. Man sieht auf der ersten Doppelseite links Wasser und rechts eben Land. Sie muss ja an Land, diese Nacht. Ich geh immer gern von einer stehenden Situation aus, ich suche mir das, wo steigt sie an Land? Und habe das an der Limmat gefunden, in einer ganz modernen Überbauung, am Wassr, Zürich-West. So hab ich das Portal gefunden. Die Berge waren dann eben die Architektur, wo sich die letzten Sonnenstrahlen noch irgendwie fangen und dann wird es Nacht.

Wegmann: Ein weiteres Buch möchte ich nicht unerwähnt lassen:

"Ich ging in Schuhen aus Gras". Das Gedicht von Heinz Janisch, der Anfang gelesen von Thomas Balou Martin.

Ich ging in Schuhen aus Gras, durch eine Stadt aus Stein.
Alles war fremd.
Groß standen Blumen und Sträucher und Bäume an meiner Seite.
Tiere hörte ich, und sah sie auch.
Kleine und große, schöne, geheimnisvolle, und solche zum Fürchten.
Der Himmel verfärbte sich, und Wege gab es viele.

Wegmann: 2013 bei Atlantis erschienen. Das Gedicht von Heinz Janisch erzählt von einer für das entdeckende Kind fremden, einer erstaunlichen, manchmal auch angsteinflößenden Welt, in der es sich bewegt, einerseits naturverbunden und naiv mutig, zuweilen auch unsicher, mit wenig Halt, in "Schuhen aus Gras". Zuhause findet man Vertrauen und Sicherheit, die – hier den Jungen – reifen lassen für den Sprung in die Welt. Ihre Bilder, anfangs schwarz-weiß, spiegeln Fremdes und Gefahr und Versuchung. Farbig werden sie, wenn wir die Lebenswelt des Jungen, die vertraute Welt betreten. Letztendlich entpuppt sich der Ausflug in die große Welt als Traum, angeregt durch ein Buch, das der Junge durchblättert – Piranesis Traum, der Titel. Sie haben das im Gedicht thematisierte zu einem Traum verdichtet und mit der Welt Giambattista Piranesis, einem italienischen Künstler und Architekten des 18. Jahrhunderts zusammengebracht. Piranesis Werk ist geprägt von Einsamkeit und Monumentalität verkörpernden Stadtpanoramen und Landschaftsbildern. Haben Sie das gleich assoziiert beim Lesen des Gedichts? Oder wie sind Binder, Janisch und Piranesi zusammengekommen?

Über Hannes Binder
Geboren 1947 in Zürich, Schweiz. Er absolvierte ein Kunstgewerbestudium, verbrachte als junger Maler und Grafiker einige Jahre in Mailand und Hamburg und lehrt seit 2005 Illustrationsgeschichte an der Hochschule für Kunst und Gestaltung in Luzern. Viele Preise hat Hannes Binder gewonnen oder er war nominiert, unter anderem im Jahr 2008 für den Hans-Christian-Andersen-Award. Eine besondere Technik zeichnet seine Bilder aus. Das, was auf den ersten Blick an Holzschnitt oder Radierung erinnert, erweist sich als Schabkartontechnik.

Binder: Also Piranesi kam sehr zum Schluss. Ich ging sehr lange schwanger mit der Geschichte. Sie hat mich auf Anhieb angezogen, von der Stimmung her, aber ich musste wieder dieses Portal finden. Was ist das, was bedeutet das, Schuhe aus Gras? Wie ich dann die Lösung gefunden hatte, "durch eine Stadt aus Stein", der Kontrast Gras Stein, da wurde es schon architektonisch und dann geht es so weiter. Das Kind liegt, ich weiß gar nicht, ob es im Gedicht so träumt. Das war wohl nicht vorgesehen.

Wegmann: Nein, das haben Sie gemacht.

Binder: Ich habe eine Volte zugesetzt. Ich habe dann in der Fantasiewelt, die großen Treppen, die Silhouetten, dieses Pflanzliche, da habe ich dann plötzlich in meinem geistigen Auge den Circo massimo von Piranesi gesehen, diese Fantasiearchitektur gesehen. Wenn man Little Nemo kennt, Winsor Mc Cay, und hält das neben Piranesi, dann denkt man, McCay hat alles bei Piranesi abgekupfert. Die Perspektiven, die Städtebilder. Das war die Idee, hier auszuwuchten und Piranesi einzubauen und das dann eben als Traum zu deklarieren.

Wegmann: Diese Sendung darf nicht zu Ende gehe, ohne das wir über "Die Schwarzen Brüder" sprechen. Ein Kinderbuch von Lisa Tetzner und Kurt Held aus dem Jahr 1940, nacherzählt von Hans ten Doornkaat mit Hannes-Binder-Bildern. Eine Grafic Novel, die bereits 2002 viele Preise gewann, jetzt aber pünktlich zum Erscheinen des Kinofilms im März neu aufgelegt wurde. Zur Geschichte: Ende des 19. Jahrhunderts herrscht in den Schweizer Bergdörfern Not, Eltern wissen nicht, wie sie ihre Kinder versorgen sollen und schicken sie gegen Geld nach Mailand, wo sie als Kaminfeger eingesetzt werden und großen Gefahren ausgesetzt sind. So ergeht es auch dem 12-jährigen Giorgio. In atmosphärisch sehr starken Schwarz-Weiß-Bildern beginnt die Geschichte in den Bergen, zeigt die Armut im Dorf und in ebenso dichten Kompositionen. Im Wechseln von großen und kleinen Bildtafeln und Einzelsequenzen sehen wir Giorgios Aufbruch nach Locarno während des langersehnten Regens. An vielen Stellen erzählen Sie die Geschichte mit Bildern weiter. Wie haben Sie das erarbeitet?

Binder: In der geschriebenen Version fängt das sehr kontemplativ an mit Naturbeschreibungen. Dieses ideale Bergdorf, die große Armut wird beschrieben, das braucht auch viel Platz. Und das geht nicht, wenn man in Bildern erzählt, da braucht es Handlung. Es muss etwas passieren. Deshalb fang ich mit der sehr dramatischen Szene an: Mit der Schlange, die beim Heu holen an den Steilhängen auftaucht. Da habe ich die Dramatik, von der ich erhoffte, dass sie die jungen Leser bei der Stange hält, dass sie weiterlesen. Aber es gibt schon die Zusammenfassungen in der Bewegung, die das Bild dem Wort voraus hat. Also ich kann sehr dramatische Sachen in einer Seite, in einer Sequenz zusammenfassen. Und was mir gefallen hat, ist eben die Bewegung des Kaminfegers im Kamin rauf und runter. Das hat sehr viel mit dem Bergsteiger zu tun. Und das Schwarz-weiß natürlich. Das liegt nicht nur meiner Technik sehr nah, sondern es ist eine Schwarz-weiß/Gut-Böse-Geschichte. Es ist für die Kinder ganz einfach, die Bösen zu erkennen. Das hat dazu geführt, dass es eine neue Erzählweise erforderte. Ich musste die heile Welt mit dem Düstersten des Schwarz zusammenbringen. Giorgio erinnert sich dann immer im Kamin, wo es beengend und ohne Licht ist, an seine helle, sonnendurchflutete Heimat und ans Weiß des Schnees. Das war die Regieidee. Die Erinnerung passiert in dieser beengenden Hitze.

Wegmann: Nun haben wir über eine kleine Auswahl der Bücher gesprochen, die Sie mit Ihren Schabkartonbildern ausgestattet haben. Was wird denn als Nächstes von Ihnen erscheinen. Worauf können wir uns freuen?

Binder: Es wird ein Buch erscheinen im Frühling. Das ist eine Grafic Novel, da geht es jetzt in meine Familiengeschichte zurück. Mein Urgroßvater war Kammmacher und sein Sohn wollte Künstler werden, das ist so das Spannungsfeld.

Wegmann: Wie wird es heißen?

Binder: Die Chronik des Zeichners. Und man ahnt es natürlich, es hat sehr viel mit dem Zeichner Hannes Binder zu tun. Die Geschichte des Urgroßvaters, die immer wieder mit Seitenzweigen auf den Hannes Binder verweist, der eben Illustrator geworden ist.

Wegmann: Und dieser Illustrator - der Schweizer Künstler Hannes Binder - war heute zu Gast im Büchermarkt. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch, Hannes Binder.

Literaturübersicht:

  • Der Chinese, von Friedrich Glauser, Arche Verlag
  • Glauser, Geschichten von Friedrich Glauser, Limmat Verlag.
  • Heidi, nach Johanna Spyri von Peter Stamm, Verlag Nagel & Kimche
  • Antonio Ligabue, von Giuseppe Zironi, aus dem Italienischen von Sarah Pasquay, Jacoby & Stuart
  • Um Mitternacht, von Eduard Mörike, Bajazzo Verlag
  • Ich ging in Schuhen aus Gras, von Heinz Janisch, Atlantis Verlag
  • Die Schwarzen Brüder, nach Lisa Tetzner und Kurt Held, von Hans ten Doornkaat, Verlag Sauerländer

Die Chronik des Zeichners, von Hannes Binder, Limmat Verlag

Alle Bücher sind illustriert von Hannes Binder.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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