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StartseiteBüchermarktPorträt eines verletzten Landes28.10.2013

Porträt eines verletzten Landes

Kettly Mars: "Vor dem Verdursten", Litradukt Verlag

Ein 48 Sekunden langes Erdbeben brachte Haiti 2010 in die Schlagzeilen. Es zerstörte die Infrastruktur und forderte 200.000 Todesopfer. Kettly Mars beschreibt die Folgen dieses Erdbebens für ihr Land: Sie erzählt von den Profiteuren der Krise und vom Leid der einfachen Menschen.

Von Cornelius Wüllenkemper

Die haitianische Schriftstellerin Kettly Mars beschreibt ihr Land nach dem verheerenden Erdbeben in erschütternden Szenen. (Philippe Bernard)
Die haitianische Schriftstellerin Kettly Mars beschreibt ihr Land nach dem verheerenden Erdbeben in erschütternden Szenen. (Philippe Bernard)

"Hinter unserem Grundstück im Quartier Frères in der Nähe von Pétionville gab es einen Fußballplatz, der noch in der gleichen Nacht in Beschlag genommen wurde. Nicht nur von Leuten aus dem Viertel, die kein Dach mehr über dem Kopf hatten, sondern auch von denen, die einfach Angst hatten. Niemand wollte mehr in seinem Haus schlafen, aus Angst vor Nachbeben. Überall in der Stadt entstanden spontane Camps."

Drei Jahre nach dem großen Beben, das 200 000 Tote und 1,5 Millionen Obdachlose hinterließ, steht Kettly Mars das Entsetzen noch ins Gesicht geschrieben. Das Schlimmste, sagt die Autorin, seien die tausenden von Verschütteten gewesen, die angesichts der mangelnden Ausrüstung nicht gerettet werden konnten. Die Katastrophe am frühen Abend des 12. Januar 2010 in nur 48 Sekunden große Teile von Haitis Hauptstadt Port au Prince, vom Slumviertel bis hin zum schneeweißen Präsidentenpalast. Das Erdbeben wirkt wie eine sarkastische Pointe der Geschichte Haitis, dem es seit seiner frühen Unabhängigkeit von Frankreich im Jahre 1804 an politischer Stabilität, zivilgesellschaftlichem Bürgerbewusstsein und wirtschaftlichem Aufschwung fehlt. Dessen Eliten sich entweder dreist an der klammen Staatskasse bedienen oder gleich das Land verlassen, um anderorts unbeschwert zu leben.

Gemessen an der Alphabetisierungsrate von knapp 50 Prozent hat der Inselstaat erstaunliche Exporterfolge an Malern, bildenden Künstlern und Schriftstellern, die nicht selten nach Frankreich oder in die USA auswandern, um dort über das krude Leid in der Heimat zu erzählen. Kettly Mars ist eine der wenigen Daheimgebliebenen. Im 2012 auf Deutsch erschienen Roman "Wilde Zeiten" brachte sie ihren Lesern die moralisch zwischenmenschliche Abstumpfung während der blutigen Diktatur unter Papa Doc in den 80er Jahren nahe. Wie das Erdbeben von 2010 Haiti und seine Bewohner verändert, die Not verschlimmert und das Machtgefälle verschärft hat, beschreibt Mars in ihrem neuen Roman "Vor dem Verdursten". Mehrfach besuchte die Autorin Canaan, eines der Notlager, die nach dem Beben entstanden sind, in den nicht die staatliche Ordnungsstruktur, sondern Kriminalität alle Lebensbereiche bestimmt.

"Ich fuhr in einem Tab-Tab-Taxi in Richtung Norden. Als wir in der Nähe von Canaan vorbeifuhren, sah ich aus der Ferne diese trübselige Landschaft, durchzogen von blauen Flecken. Ich fragte den Fahrer, was das ist, und er sagte mir: das ist Canaan, haben Sie noch nie davon gehört? In diesem Augenblick ist mir bewusst geworden, was es für diese Menschen bedeutet, selbst wenn sie arm sind, unter einer Plastikplane zu leben, die keinen Schutz gegen Wind, Sonne und Regen bietet, ohne jede Infrastruktur und Versorgung. Dieses Elend, das war einfach zu viel – ich musste darüber schreiben."

Kettly Mars Hauptfigur ist Fito Belmar, ein Mann im mittleren Alter, Vater einer Tochter, keinem amourösen Abenteuer abgeneigt. Ein erster Roman aus seiner Feder hat ihn zum Star gemacht, jetzt leidet er an einer Schreibblockade. Er hat das Erdbeben überlebt, hat einen Job als Stadtplaner für den Bau von Sozialwohnungen ergattert, ein Vertrag, der natürlich unter der Hand geschlossen wurde, der Fito zwar von gewissen Kreisen abhängig macht, ihm aber dennoch ein bisschen Macht und Sicherheit beschert. Den Glauben an den Wiederaufbau hat er dabei längst verloren.

"Zwei Wörter stecken für mich hinter diesem Roman: das Unvermögen, die Unfähigkeit, mit der Situation umzugehen. Und außerdem die Ernüchterung. Nach dem Erdbeben, als wir drei Tage ganz auf uns gestellt waren, als die Hilfe noch nicht eingetroffen war, ist ein starkes Gefühl der Brüderlichkeit entstanden. Und das ist gerade für die haitianische Gesellschaft, die sehr exklusiv und geschlossen strukturiert ist, etwas Besonderes. Wir haben daran geglaubt, dass ein Wunder möglich wird, dass Haiti auf eine gewisse Art neu geboren wird, dass es nach all dem Leid nur noch bergauf gehen kann. Dieses starke Gefühl ist nach und nach in sich zusammengefallen. Fito erlebt ebendiese Ernüchterung."

Fito nutzt sein bisschen Einfluss und Einkommen, um seine dunkle Seite auszuleben. Die Ernüchterung über den Zustand des Landes, das allgegenwärtige Elend spiegelt Fito in dem, was er eine Droge nennt: junge Mädchen, Heranwachsende, die von ihren Müttern verkauft und von Zuhältern zur Prostitution gezwungen werden. Canaan, das Notlager im Norden der Hauptstadt Port au Prince, wo unter Plastikplanen die schrecklichsten Dinge vonstattengehen, als extreme Verdichtung der dunkelsten Seite Haitis.
Was man Kettly Mars in Frankreich an ihrem Roman vorgeworfen hat, ist womöglich seine stärkste Seite. Mars erzählt keineswegs ohne Emotion, aber ohne Urteil. Sie nimmt verschiedene Perspektiven ein, die der Mutter, die für "Teufelsgeld" ihre Tochter verkauft, die des Zuhälters, der selbst als Kind missbraucht wurde, die des jungen Mädchens, das aus der Zwangsprostitution im Lager flüchtet und auf das Überleben auf der Straße hofft, und schließlich auch die des Freiers Fito.

"Ich wollte weder ein moralisches Urteil fällen noch wollte ich mich dafür rechtfertigen, dass ich es wage, ein so schwieriges, delikates Thema wie die Pädophilie anzusprechen. Nicht nur in Haiti, sondern in der ganzen Welt ist das noch immer mit einer Art Tabu belegt. Wir wissen alle, dass es Sextourismus gibt, in Kuba, in Brasilien und anderswo. Fito ist ein ambivalenter Mensch, der einem fast leidtun kann. Er hat ja auch eine menschliche Seite, er liebt seine Tochter, er hat Freunde. Ich wollte zeigen, dass das Böse in uns schlummert und nicht immer ein ausschließlich abscheuliches Antlitz hat."

Die internationale Hilfe, von der Haiti nach dem Beben geradezu überrollt worden ist, spielt die zweite wichtige Rolle in Kettly Mars Roman. Denn das Beben hat nicht nur die dunkelste Seite der Armut zum Vorschein gebracht, sondern auch die ambivalente Rolle einer seit über 200 Jahren weitgehend erfolglosen Entwicklungshilfe.

"Natürlich bestand ein dringender Bedarf an Hilfe. Die haitianische Bevölkerung hat Nahrung und medizinische Versorgung erhalten, man hat Schulen gebaut – und natürlich war diese Hilfe sehr willkommen! Dennoch ist das Ganze ein Teufelskreis. Es geht um Vertrauen. Die internationalen Geldgeber vertrauen der haitianischen Regierung nicht, also arbeiten sie mit Hilfsorganisationen zusammen. Die wiederrum können nicht einfach die Regierung des Landes ersetzen. Und so landet man schließlich in einer Sackgasse."

"Vor dem Verdursten" ist ein Roman von ungeheurer aktueller Brisanz. Wir treffen auf Hollywood Stars, die mit ihren Hilfsprojekten Opfer ihrer Unkenntnis der wirklichen Bedürfnisse werden. Wir bekommen die eklatante Ineffizienz der haitianischen Verwaltung vorgeführt, die Seilschaften, in denen nur der eigene Vorteil zählt. Den Opportunismus von Haitianern, die noch aus der Katastrophe Profit schlagen. Wir erfahren von Journalisten, die mit vorgefertigtem Bild aus der haitianischen Hölle berichten, ohne jemals mit nur einem Haitianer gesprochen zu haben. Von NGOs, die sich und ihre Präsenz rechtfertigen müssen und denen das Erdbeben dazu einen trefflichen Vorwand liefert.

Kettly Mars hat es mit diesem kleinen Roman geschafft, die zahlreichen widerstreitenden Stimmen, das Gefühlskaleidoskop zwischen unzerstörbarer karibischer Lebensfreude und tiefstem Leid, den schmalen Grat zwischen Hilfsbereitschaft und Bevormundung, und die Bedeutung von Menschlichkeit in existentieller Not wie unter einem Brennglas in ihrer Geschichte zu verdichten. Am Ende, daraus spricht auch der unverwüstliche haitianische Optimismus, kuriert eine Krisen-Reporterin aus Japan Fito von seiner dunklen Sucht. Seine Schreibblockade löst sich, und endlich kann er mit neuer Liebe im Herzen über das Leid seines Volkes schreiben. Sein Roman trägt den Titel: "Vor dem Verdursten".

Kettly Mars: Vor dem Verdursten
Litradukt, Trier 2013, 124 Seiten, aus dem Frz. von Ingeborg Schmutte, EUR 12,90

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