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StartseiteWirtschaft und GesellschaftHoher Privatkonsum bei steigenden Staatsschulden21.04.2017

Portugals WirtschaftHoher Privatkonsum bei steigenden Staatsschulden

Schlechte Bewertungen von Ratingagenturen sorgen bei Portugals Regierung immer wieder für Verstimmung. Einzig das Urteil der kanadischen DBRS hält das Land bisher über Ramschniveau - und wird darum erneut mit Spannung erwartet. Denn dass Portugals Wirtschaft wächst, hängt vor allem mit dem Privatkonsum zusammen. In anderen Bereichen ist die Lage kritischer.

Von Tilo Wagner

Lissabons Einkaufsstrasse Rua Auguasta am 22.10.2010. (imago / Travel-Stock-Image)
Neben der boomenden Tourismusindustrie treibt vor allem die gestiegene Kaufbereitschaft der Portugiesen den Aufschwung voran. (imago / Travel-Stock-Image)
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In Portugal wächst wieder einmal die Kritik an den Ratingagenturen. Nachdem Moody’s, Fitch und Standard & Poor’s zuletzt die Kreditwürdigkeit Portugals unverändert auf Ramschniveau belassen haben, fühlt sich die portugiesische Regierung missverstanden.

Portugiesische Staatsanleihen als Investitionsrisiko

Finanzminister Mário Centeno wirft den Agenturen Willkür vor - mit ihren Urteilen sorgten sie dafür, dass portugiesische Staatsanleihen weiterhin als Investitionsrisiko betrachtet würden. Hinter dieser Argumentation mag auch ein Stück Enttäuschung stecken – ramschig fühlt sich die sozialistische Minderheitsregierung überhaupt nicht. Im Gegenteil: Sie ist fest davon überzeugt, dass Portugal die Finanzkrise längst hinter sich gelassen hat – und legt dafür beeindruckende Zahlen vor: Das Haushaltsdefizit lag im vergangenen Jahr bei nur 2 Prozent – der beste Wert in der 42-jährigen Geschichte der portugiesischen Demokratie. Die Arbeitslosigkeit ist innerhalb eines Jahres von über 12 auf nun mehr 10 Prozent zurückgegangen. Und die Wirtschaft soll in diesem Jahr laut Prognose der portugiesischen Staatsbank um 1,8 Prozent wachsen – das wäre der beste Wert seit sieben Jahren.

Kredite für Privatkonsum, aber kaum Kredite für Unternehmen

Neben der boomenden Tourismusindustrie treibt vor allem die gestiegene Kaufbereitschaft der Portugiesen den Aufschwung voran. Dafür hat auch die Regierung gesorgt: Gehalts- und Rentenkürzungen, die in den Krisenjahren beschlossen worden waren, wurden zurückgenommen. Also alles wieder im Lot – nur die Ratingagenturen liegen falsch? Der Wirtschaftsprofessor João César das Neves von der Katholischen Universität in Lissabon kann das Rating nachvollziehen. Er sieht eine große Gefahr für das Land. Portugal könnte in alte Gewohnheiten zurückzufallen, die für die schwere Finanzkrise der vergangenen Jahre mitverantwortlich waren.

Steigende Staatsschulden

"Das Land scheint sich gar keine Gedanken mehr zu machen: Schließlich sind wir gerade wieder in einer Konsumphase. Aber nur die Kredite für Privatkonsum und Immobilienkauf steigen, während die Ersparnisse der Familien zurückgehen, Kredite für Unternehmen kaum vergeben werden und die Investitionen sich auf einem historischen Tiefstand befinden. Der Tourismus boomt zwar, aber der Rest der Wirtschaft, der nicht direkt mit dem Konsum zusammenhängt, tut sich schwer."

Und noch ein anderer Faktor zeigt, dass Portugal immer noch mit den Folgen der Finanzkrise zu kämpfen hat. Trotz der bewiesenen Haushaltsdisziplin sind nämlich die Staatsschulden im vergangenen Jahr weiter gestiegen und machen mittlerweile 130,6 Prozent der Wirtschaftsleistung aus – das ist nach Griechenland der zweithöchste Wert in der EU.

Wirtschafts-Experte: Portugal ruhe sich auf EZB-Unterstützung aus

Das Misstrauen gegenüber Portugal zeigt sich auf den Finanzmärkten, wo das Land in den vergangenen Monaten hohe Zinsen für die Refinanzierung seiner Staatsschulden zahlen musste. Die Europäische Zentralbank hat den Kauf der portugiesischen Anleihen zwar seit Jahresbeginn gedrosselt. Doch ohne die Stützkäufe aus Frankfurt lägen die Zinssätze portugiesischer Staatsanleihen wesentlich höher. Aber, so Wirtschaftsprofessor Neves, das Land nutze die Unterstützung der EZB nicht wirklich, sondern ruhe sich darauf aus:

"Die EZB betäubt mit ihren Ankäufen praktisch die portugiesische Wirtschaft. Diese Betäubung müssten wir nützen, um einen chirurgischen Eingriff zu tätigen und unsere Wirtschaft neu aufzustellen. Doch wir verwechseln die Betäubung mit der Heilung, frei nach dem Motto: Es tut gerade nicht weh, also ist alles gut. Das Problem kommt dann zurück, wenn wir irgendwann aus der Betäubung aufwachen und nichts hat sich wirklich verändert."

Unabhängig von den Urteilen der Ratingagenturen könnte die Beruhigungspille der EZB für Portugal ohnehin bald vorbei sein. Denn sollte die Inflation in der Eurozone weiter anziehen, steht eventuell das gesamte Anleihekaufprogramm zur Disposition.

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