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StartseiteKultur heuteDampf im Kessel16.05.2018

Postkarte aus CannesDampf im Kessel

Dicke Wolken hängen über Cannes. Die graue Decke ist derart kompakt, dass sich in absehbarer Zeit die Sonne wohl nicht wird blicken lassen. Dafür machen die fliegenden Händler vor dem Festivalpalast ein gutes Geschäft mit dem Verkauf von Regenschirmen. Dicke Wolken hängen aber auch in den Kinosälen, beobachtet Dlf-Filmkritikerin Maja Ellmenreich.

Von Maja Ellmenreich

Der Rauch einer brennenden Zigarette aufgenommen (picture-alliance / dpa /   Karl-Josef Hildenbrand)
Selten wurde auf der großen Leinwand so viel gepafft und inhaliert, gequalmt und geschmökt (picture-alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
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Wir sind in der Heimat der Gauloises und Gitanes, wo man das Rauchverbot nicht ganz so ernst nimmt wie andernorts. Beim "Café au lait" in der Kinopause weht einem schon mal die Rauchwolke vom Nachbarn ins Gesicht - ganz zu schweigen vom omnipräsenten, elektronisch produzierten Vaper-Dampf.

Digitale Schwaden

Doch das ist alles nur ein laues Lüftchen gegen die Rauch-Orgien, die in diesem Cannes-Jahr auf der Wettbewerbsleinwand gefeiert werden. Da wird gepafft und inhaliert, gequalmt und geschmökt, dass man beim Verlassen des Kinos versucht ist, an der eigenen Kleidung zu schnuppern, ob darin nicht etwas hängen geblieben ist von den digitalen Schwaden.

So richtig los geht es am zweiten Tag in Kirill Serebrennikovs Punk-Hommage "Leto": Keine Einstellung ohne Glimmstängel. Wer den Schmutz ins Mikro bellen will, muss ihn vorher auch einatmen - ob am Strand, im Bett oder auf der Bühne. Nur in Gegenwart des Kleinkindes, da ist die Leningrader Babuschka streng, in Babynähe herrscht Rauchverbot. Ausnahmslos.

Die Spätfolgen des Nikotingenusses sind Jacques dagegen herzlich egal. Christophe Honoré zeigt in "Plaire, aimer et courir vite" seinen AIDS-kranken Protagonisten, wie er sich mit der linken Hand am Infusionsständer festhält, während er mit der linken eine der letzten Zigaretten seines Lebens zum Mund führt.

So viel geraucht wurde selten

Und so geht es in einem fort: Die Jazzbühnen von Paris versenkt Pawel Pawlikowski in wallenden Rauchwolken. Jia Zhang-Ke stattet jeden seiner chinesischen Mafiosi mit Knarre und Fluppe aus. Und Alice Rohrwacher lässt in "Lazzaro Felice" die Marquise als Zigarettenkönigin über Leibeigene und Tabakfelder herrschen.

So viel geraucht wurde selten auf der groβen Leinwand - ob zum Überleben, Genieβen, ob aus Langeweile, Verzweiflung oder aus Tradition. Und selbst auf dem klitzekleinen Bildschirm zeigen sich Rauchkringel: Der 87-jährige Jean-Luc Godard kann bei der Pressekonferenz per Videoschalte nicht von der Zigarre lassen und pafft in seinem Arbeitszimmer am Genfer See hemmungslos in die Mini-Kamera über dem Computer.

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