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StartseiteKultur heuteSuperschwein gehabt!19.05.2017

Postkarte aus CannesSuperschwein gehabt!

In der Beziehung zwischen Netflix und dem Filmfestival in Cannes ist der Wurm drin: Der marktbestimmende Streaminganbieter setzt auf seine Abo-Kunden, das einflussreichste aller Filmfestivals hält am Gemeinschaftserlebnis im Kinosaal fest. Bei der Pressevorführung der Netflix-Produktion "Okja" zeigte sich der Wurm gleich am frühen Morgen wieder.

Von Maja Ellmenreich

Filmwerbung für die Netflix-Produktion "Okja" beim Filmfestival in Cannes 2017. (Deutschlandradio / Maja Ellmenreich)
Filmwerbung für die Netflix-Produktion "Okja" beim Filmfestival in Cannes 2017. (Deutschlandradio / Maja Ellmenreich)
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Knapp über den weiß-blonden Augenbrauen von Tilda Swinton hörte die Leinwand auf. Das obere Drittel des Filmbildes war nur auf der schwarzen Umrandung zu erahnen. Es dauerte nicht lange, bis die versammelten Journalisten zu meutern begannen: Buh-Rufe und Fußstampfen mischten sich in die energetisch aufgeladene Anfangsmusik von Bong Joon Hos Wettbewerbsbeitrag "Okja". Doch der Film lief unbeirrt weiter. Saßen die Techniker des Großen Filmtheaters im Festivalpalast vielleicht schon auf der anderen Straßenseite im Café bei Croissant und Americano? Quasi nach Filmstart verreist?

Die ersten aufgebrachten Zuschauer standen auf, um auf den Missstand aufmerksam zu machen. Bissige Kommentare ließen nicht lange auf sich warten: Boykottierte die Festivalleitung auf diese Weise den Filmerfolg? War der Beginn von "Okja" so kompliziert, dass er gleich zwei Mal gezeigt werden musste? Oder war sich Netflix doch noch nicht ganz sicher, ob der Film auf der großen Leinwand oder auf dem kleinen Smartphone-Display zu sehen sein sollte?

Sechs lange Minuten, begleitet von lautstarken Tumulten, mussten vergehen, bevor die Leinwand wieder schwarz wurde und die Lautsprecher verstummten. Ein bemitleidenswerter Mitarbeiter des Festivalpalastes kraxelte auf die Bühne und stand staunend vor der riesengroßen Leinwand, deren Format sich plötzlich verkleinerte. Drückte da jemand in der Regie hilflos auf alle Knöpfe, in der Hoffnung, es möge sich per Zufall die richtige Einstellung finden?

Und dann: Alles auf Anfang! Zurück zum großen Netflix-Logo, zurück zu Tilda Swintons einzigartigem Gesicht, das dieses Mal durch einen akkurat geschnittenen Haarpony ergänzt wurde, zurück vor allem aber zu "Okja", dem titelgebenden Riesenschwein, einer Mischung aus Elefant, Hundebaby und Flusspferd. Dieses herzensgute Superschwein, das im Laufe der knapp zwei Filmstunden viel Leid erfahren soll, dieses Superschwein hat der Vorführung am Ende dann doch Glück gebracht. Oink!

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