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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturMissbrauch eines Kirchengebäudes10.07.2017

Potsdamer GarnisonkircheMissbrauch eines Kirchengebäudes

Im Krieg zerstört, in der DDR abgerissen: Jetzt wird die Potsdamer Garnisonkirche wiederaufgebaut. Das ist allerdings umstritten. Kritiker sehen in der Kirche ein Symbol des preußischen Militärs und des NS-Regimes. Der Journalist Matthias Grünzig hat ein Buch über die Geschichte der Potsdamer Garnisonkirche geschrieben.

Von Sebastian Engelbrecht

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Blick auf die Freifläche der ehemaligen Garnisonkirche an der Breiten Strasse in Potsdam. Eine ausgestellte Fotografie der Kirche und ein Torbogen im Vordergrund erinnern. (imago/PEMAX)
Die Potsdamer Garnisonkirche stand wie keine andere in Deutschland für das Bündnis von Thron und Altar in Preußen. (imago/PEMAX)
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Es ist selten, dass nüchterne zeithistorische Bücher den Leser so erschüttern wie das Buch von Matthias Grünzig. Es bietet eine detaillierte Darstellung des systematischen Missbrauchs eines Kirchengebäudes für die Zwecke rechtsextremistischer Parteien und Gruppierungen. Kein Kirchenbau eignete sich allerdings auch so gut wie dieser für den Missbrauch.

Die Potsdamer Garnisonkirche stand wie keine andere in Deutschland für das Bündnis von Thron und Altar in Preußen. Patron der Militärkirche war bis 1918 der preußische König und deutsche Kaiser. Die Kirche wurde in der Zeit der Weimarer Republik eine Wallfahrtsstätte für Monarchisten, Rechtsextremisten, Nationalisten und Antisemiten - vom Bund der Frontsoldaten namens "Stahlhelm", der Schlägertruppe der Deutschnationalen Volkspartei, über NSDAP und SA bis zum "Alldeutschen Verband".

Der Geist von Potsdam

Matthias Grünzig beschreibt anhand von Quellen aus staatlichen und kirchlichen Archiven, wie die Feinde der Republik in dieser Kirche ideologisch überwinterten und sie für ihre lebensverachtende Propaganda nutzten.

"Der Geist von Weimar bedeutete Demokratie, Liberalität, friedliche Außenpolitik, er bedeutete auch eine Abgrenzung von den preußischen und deutschen Militärtraditionen. Und diesem Geist von Weimar setzten eben die Rechtsextremen den Geist von Potsdam entgegen. Der Geist von Potsdam stand eben für einen autoritären Staat, für eine harte Innenpolitik, für eine kriegerische Außenpolitik, und der Hort oder die wichtigste Geburtsstätte dieses Geistes von Potsdam war eben die Garnisonkirche."

Gründungsakt der nationalsozialistischen Diktatur

Minutiös gibt Grünzig wieder, wie sowohl die Zivilgemeinde als auch die Militärgemeinde in politischen und religiösen Veranstaltungen in der Garnisonkirche dem Nationalsozialismus den Boden bereiteten. Beispielhaft für einen Prozess der Radikalisierung vom Monarchisten zum rechtsextremen Nationalisten in der Weimarer Zeit steht Hofprediger Johannes Vogel.

"Er war bis 1918 kaiserlicher Hofprediger an der Garnisonkirche, dann nach der Novemberrevolution wurde er Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei, er hat sich dann einen Ruf erworben als eine Art Skandalpfarrer, der immer wieder skandalöse Hetzpredigten hielt, und 1926 schon hielt er eine Weiherede bei einer Fahnenweihe der NSDAP. Er sympathisierte also auch mit der NSDAP, er trat auch auf Wahlkampfveranstaltungen der NSDAP auf, und er versuchte also, diese unterschiedlichen rechten Organisationen ein bisschen zusammenzuführen. Das war so sein Ehrgeiz: eine Art rechte Einheitsfront zu schaffen."

Am 18. Januar 1921 sagte Vogel in einer Predigt  in der Garnisonkirche anlässlich der Feierstunde zum 50. Jubiläum der Reichsgründung:

"Der Judas ist’s im eigenen Lande, der uns verraten hat. Und alle erneuten Forderungen und Demütigungen, unser Volk glaubt es nicht, dass sie immer noch aus der Angst der Franzosen kommen, es ist bestellte Arbeit, der Judas ist’s im eigenen Lande, der fort und fort uns anzeigt und verrät!"

Elf Jahre später, am 4. April 1932, standen bereits  Fackelträger der SA am Portal der Kirche. Anlass war eine Wahlkampfveranstaltung Hitlers in einem Potsdamer Stadion. NSDAP-Kolonnen huldigten danach in der Kirche dem preußischen König Friedrich II., dessen Grab sich in einer Gruft unter der Kanzel befand.

Das zentrale Kapitel des Buches ist dem "Tag von Potsdam", dem 21. März 1933, gewidmet. Matthias Grünzig hat mit größter Akkuratesse rekonstruiert, wie es zu diesem symbolträchtigen Gründungsakt der nationalsozialistischen Diktatur in der Garnisonkirche kam.

Handschlagsinszenierung in der Garnisonkirche

Das Reichstagsgebäude war Ende Februar 1933 in Flammen aufgegangen. Hitler inszenierte die Eröffnung des neuen Reichstags und den Handschlag mit Reichspräsident Paul von Hindenburg in Potsdam, in der Garnisonkirche. Am 2. März 1933 hatte Hitler erklärt:

"Es gibt kein höheres Symbol, als dass nach dem Verbrechen im Reichstage jetzt die nationale Regierung nach Potsdam geht, um an der Bahre des großen, unsterblichen Königs in der Garnisonkirche das neue Werk des Wiederaufbaues zu beginnen."

Vor Hitlers Handschlags-Inszenierung in der Garnisonkirche leistete der Evangelische Oberkirchenrat der damaligen preußischen Landeskirche Widerstand gegen das Vorhaben des Reichskanzlers. Sehr deutlich zeigt Grünzig anhand der kirchlichen Akten aber auch, dass der damalige Generalsuperintendent der Kurmark, Otto Dibelius, den Auftritt Hitlers umtriebig unterstützte.

"Die Regierung der nationalen Erhebung ist entschlossen, ihre von dem deutschen Volk übernommene Aufgabe zu erfüllen. Sie tritt daher heute hin, vor den Deutschen Reichstag, mit dem heißen Wunsch, in ihm eine Stütze zu finden für die Durchführung ihrer Mission."

Unbestechliche Chronik

Matthias Grünzig zeichnet ein Crescendo nach: von den Fahnenweihen, den militaristischen und antisemitischen Feierstunden in der Kirche bis hin zum "Tag von Potsdam". Der Wallfahrtsort nationalistischer Gruppierungen wurde zu einem Heiligtum nationalsozialistischer Mythologie.

Der Autor erhellt auch die Kontexte des Geschehens gut verständlich und auf der Basis eines ausführlichen Studiums der Akten. Er stellt die beteiligten politischen Organisationen im einzelnen vor und beschreibt die Arbeit der Militärseelsorge im NS-Staat. Grünzig blickt kontinuierlich auf die Potsdamer Stadtpolitik. Und am Ende bietet er einen Einblick in kirchliche Nachkriegsakten. Daraus geht hervor, dass die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg keine besonderen Anstrengungen machte, den Abriss der zerbombten Kirchenruine nach dem Krieg zu verhindern.

Der Verwalter des Bischofsamtes im Ostteil der Kirche von Berlin-Brandenburg, Albrecht Schönherr, schrieb am 18. Juli 1968 nach der Sprengung der Ruine an die Superintendenten seiner Kirche:

"Vor allem können auch und gerade wir Christen nicht am Ereignis vom März 1933 vorbeigehen. Zwar wird der Ungeist des Nationalsozialismus nicht dadurch überwunden, dass man Gebäude abreißt, die von ihm missbraucht wurden […]. Aber die Mitschuld, die wir alle an den Verbrechen des Nationalsozialismus haben, verbietet uns, den Untergang dieser Kirche mit falschen Emotionen zu begleiten."

Es ist das große Verdienst von Matthias Grünzig, die abgründige Geschichte der Potsdamer Garnisonkirche als unbestechlicher Chronist dokumentiert zu haben. Für die Diskussion um den Wiederaufbau der Kirche existiert damit eine solide und wegweisende Grundlage.

Matthias Grünzig "Für Deutschtum und Vaterland: Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert"
Metropol-Verlag, 383 Seiten, 24 Euro

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