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Präsidentschaftskandidaten wollen Waffenlobby nicht verprellen

Nach Amoklauf in Aurora

Von Marcus Pindur, Büro Washington

Der Amokläufer von Aurora löst in den USA eine Waffengesetz-Debatte aus.
Der Amokläufer von Aurora löst in den USA eine Waffengesetz-Debatte aus. (AP)

Es wird sich nichts ändern. Der New Yorker Bürgermeister Bloomberg forderte nach dem Massaker von Aurora, es sei an der Zeit, dass die beiden Leute, die Präsident der Vereinigten Staaten werden wollen, aufstehen, und sagen, was sie tun wollen.

Genau wird nicht passieren. Niemand, der zur Wahl steht, will die Waffenlobby verprellen. Hinter ihr steht nämlich eine Mehrheit der Wähler. 49 zu 44 Prozent, einer CNN-Umfrage zufolge. Insbesondere in vielen Swing States ist die Zahl der Waffenbesitzer groß. Soweit die politische Seite des amerikanischen Waffenrechtes.

Der individuelle Waffenbesitz ist aber auch ein tief verwurzelter Teil der gesellschaftlich-ideologischen Verfasstheit der USA. Er ist eng mit dem Gründungsmythos verknüpft. Vor über 200 Jahren wurde aus dem Siedler mit Gewehr innerhalb von Minuten der bewaffnete Milizionär, der sogenannte Minuteman, der gegen die Engländer zog. Dass der Verfassungstext dabei das Recht auf Waffenbesitz "innerhalb einer wohlgeordneten Miliz" vorsieht, das fällt seit Langem unter den Tisch. Der Besitz von militärischen Sturmgewehren ist unzeitgemäß, unvernünftig und im Zweifelsfall tödlich. Aber: Waffen sind eben auch libidinös besetzt. Sie vermitteln Macht, Überlegenheit, Sicherheit - in einer Gesellschaft, die tendenziell freier und unsicherer ist als unsere.

Wir Deutschen neigen dazu, das amerikanische Waffenrecht als Beleg für eine generelle Irrationalität der amerikanischen Gesellschaft zu halten. Da sollte man allerdings vorsichtig sein.

Erklärt man nämlich einem Amerikaner, dass man in Deutschland auf vielen Autobahnkilometern ungehindert mit 200 oder 250 Stundenkilometern rasen darf, dann begegnet man in der Regel der gleichen Mischung aus Ablehnung und Faszination, mit der viele Deutsche über Waffen in Amerika reden. Das ist doch lebensgefährlich, das ist doch unvernünftig, hört man dann.

Und dann erklärt man dem Amerikaner, ja das ist es. Die deutsche Automobilindustrie ist aber ein gesellschaftlich-ideologisches Symbol für den deutschen Wiederaufstieg nach dem Krieg. Und Rasen auf der Autobahn ist libidinös besetzt. Es vermittelt ein Gefühl von Macht und Kontrolle und Freiheit - in einer Gesellschaft, in der eben vieles kontrolliert und nicht so frei ist wie in den USA.

Autobahnrasen und Waffenbesitz ist natürlich nicht dasselbe. Aber es wurzelt in ähnlichen Bereichen der kollektiven und individuellen Psyche.

Beides ist unzeitgemäß, unvernünftig, im Zweifelsfall tödlich. Und beides ist ein kraftvolles Symbol dafür, worüber sich die jeweiligen Gesellschaften definieren. Im amerikanischen Fall die selbst erkämpfte Freiheit, im Deutschen der wirtschaftliche Aufstieg, der den politisch-moralischen Absturz vergessen machen sollte. Beides ist libidinös besetzt. Und deshalb wird beides, das amerikanische Waffenrecht und das deutsche Recht auf Rasen noch lange Bestand haben.



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