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StartseiteEssay und DiskursSozialismus: Eine amerikanische Tradition?23.10.2016

Präsidentschaftswahlen in den USA (3/4)Sozialismus: Eine amerikanische Tradition?

Trump ist nicht das einzige große Rätsel des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes: Das andere ist Bernie Sanders. Wie konnte ein Politiker, der sich selbst als demokratischer Sozialist bezeichnet, so weit kommen in einem Land, das sich von seinen Gründungsideen eher als Antithese kollektivistischer Ideen versteht?

Von Jan-Werner Müller

Der Kandidat der Demokraten Bernie Sanders bei den US-Vorwahlen in Santa Monica / Kalifornien. (dpa / picture alliance / Mike Nelson)
Der Kandidat der Demokraten Bernie Sanders bei den US-Vorwahlen in Kalifornien. Er selbst bezeichnet sich als demokratischer Sozialist. (dpa / picture alliance / Mike Nelson)
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Der Beitrag zeigt, dass es, ganz anders als in Europa dargestellt, einflussreiche linke Traditionen gibt– vor allem, was in den USA als populism und progressivism bezeichnet wird– an die Sanders anknüpfen konnte. Zudem hat Occupy Wall Street tiefe Spuren in der politischen Kultur hinterlassen. Sogar europäische Sozialdemokraten könnten von dieser überraschenden Wiedergeburt der amerikanischen Linken noch etwas lernen.


Welche zwei politischen Begriffe wurden in amerikanischen Online-Enzyklopädien während des Vorwahlkampfs 2016 am häufigsten abgefragt? Die Antwort: Faschismus und Sozialismus.

Eine vormals kaum für möglich gehaltene Faschismusdebatte entspann sich an der Frage, ob Donald Trump, die große böse Überraschung dieser Präsidentschaftswahl, nicht vielleicht als eine Art Wiedergänger Mussolinis zu begreifen sei - wobei es nur die Hilflosigkeit der Kommentatoren zeigte, dass man sich, um die ideologische Ausrichtung Trumps zu charakterisieren, letztlich lediglich auf die Neuschöpfung "Trumpismus" einigen konnte: Trump ist ein Vertreter des Trumpismus - wer hätte das gedacht?

Hillary Clinton steht vor jubelnden Anhängern und breitet lächelnd die Arme aus. (afp / Timothy A. Clary)HIllary Clinton punktet vor allem bei weiblichen Wählerinnen und Wählern über 64. (afp / Timothy A. Clary)

Aber - und dies ist auf lange Sicht vielleicht ein viel interessanteres Phänomen - die Wähler fragten sich auch immer wieder, was "Sozialismus" eigentlich bedeuten soll. Diese Frage war offensichtlich eine eher unbeabsichtigte Folge des Überraschungserfolgs von Bernie Sanders, dem nominell parteilosen Senator aus Vermont. Sanders bezeichnet sich als "demokratischen Sozialisten" und hat vor allem junge Bürger - die um die Jahrtausendwende geborenen sogenannten "millenials" - mobilisiert.

Sanders genoss die Unterstützung von rund 70 Prozent der Demokraten unter 30; seine Rivalin Hillary Clinton schnitt hingegen am besten bei den über 64-jährigen ab: Dort war sie sich wiederum einer Zustimmung von 70 Prozent sicher. Noch erstaunlicher sind die Ergebnisse einer Umfrage, die bereits im Jahre 2011 stattfand. Dabei zeigte sich, dass 49 Prozent der unter 30-jährigen Amerikaner Sozialismus für gut befinden, wohingegen allein 46 Prozent eine ähnliche Meinung zu Kapitalismus hatten.

In diesem Jahr führte die "New York Times" eine Meinungserhebung allein unter Demokraten durch. Das Resultat: Ganze 56 Prozent von Anhängern der Partei haben ein positives Bild von Sozialismus.

Ein höchst erstaunlicher Befund

Ein höchst erstaunlicher Befund, den man auf verschiedene Weise zu erklären versucht hat. Bei den jüngeren Amerikanern scheinen sich kapitalistische Grundideen keiner besonderen Beliebtheit zu erfreuen, weil sie mit den Folgen der Finanzkrise groß geworden sind. Zwar wächst die amerikanische Wirtschaft inzwischen wieder - aber ohne dabei sichere Jobs zu generieren.

Wie eine Reihe von Studien gezeigt hat, ist die soziale Mobilität in den USA viel geringer als in vielen europäischen Ländern - ganz anders als der Amerikanische Traum dies suggeriert. Eine Untersuchung zeigte gar, dass es wahrscheinlicher sei, in der gleichen Einkommensklasse zu landen wie die eigenen Eltern, als mit ihnen in der gleichen Gewichtsklasse. Obwohl doch Letztere von der biologischen, nicht änderbaren "Grundausstattung", sprich: Dem Stoffwechselkreislauf, viel stärker abhängt als die berufliche Karriere, in welcher man es doch mit genügend Anstrengung noch stets weiter bringen kann als die Altvorderen.

Verstärkt wird dieses düstere Zukunftsbild einer Gesellschaft ohne echte Aufstiegschancen noch dadurch, dass auch ein guter College-Abschluss keinen guten Arbeitsplatz mehr garantiert. Gleichzeitig aber werden seit Jahren die Studiengebühren immer exorbitanter. Inzwischen ist das Sogenannte "student debt" - die Schulden fürs Studium - höher als alle Kreditkartenschulden in den USA zusammen genommen.

Unvorhergesehener politischer Nebeneffekt

Nur: Wie genau ergibt sich nun aus diesen durchaus verständlichen pessimistischen Grundeinstellungen - die ja auch jungen Menschen in Europa, vor allem Südeuropa, nicht ganz fremd sind - ein positives Bild von Sozialismus? Eine Theorie besagt, dass der inflationäre Gebrauch von "Sozialismus" als Schimpfwort seitens einer Republikanischen Partei, die sich ideologisch in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten stark radikalisiert hat, einen ganz unvorhergesehenen politischen Nebeneffekt gezeitigt hat: Gerade wer den Kalten Krieg nicht mehr bewusst miterlebt hat, wusste gar nicht, was Sozialismus als politische Doktrin eigentlich heißen sollte.

Und dann bekam er oder sie ständig von der amerikanischen Rechten eingebläut, dass beispielsweise Obama ein sozialistischer Präsident sei. Nur: Obama war ja aus Sicht vieler Bürger gar nicht so schlecht - er erfreut sich gerade gegen Ende seiner Amtszeit wieder hoher Beliebtheitswerte. Ergo: Sozialismus muss doch eigentlich ganz in Ordnung sein.

Hier möchte man einwenden: Gibt es nicht auch genug Amerikaner, die sehr wohl wissen, dass Sozialismus etwas mit kollektiver Verantwortung und gesamtgesellschaftlicher Solidarität zu tun hat - und dass solche Ideale sich doch mit der politischen Kultur und den Gründungsideen der USA eigentlich nicht so leicht vertragen? Schließlich war "Sozialist" ja auch nicht irgendein x-beliebiger Vorwurf, den die Republikaner vorgebracht haben; er sollte ja, in typisch populistischer Manier, vor allem suggerieren: Obama und andere Demokraten seien eigentlich "unamerikanisch".

Ist diese Assoziation von sozialistisch und unamerikanisch plausibel?

Es lohnt sich, an dieser Stelle etwas tiefer in die Geschichte der USA einzusteigen. Denn es hat in den Vereinigten Staaten durchaus sozialistische Denktraditionen und politische Bewegungen gegeben. Ebenso wichtig ist die Tatsache, dass Teile der amerikanischen Linken mit Begriffen bezeichnet werden, die in Europa etwas völlig anderes bedeuten, und das aus historischen Gründen:

"Populismus" war in den USA ursprünglich eine progressive Graswurzel-Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts bedeutende Erfolge für ärmere Schichten feierte und das bestehende Zwei-Parteien-System fast grundlegend transformiert hätte. "

Und "Liberalism" heißt seit den 30-Jahren nicht - wie größtenteils in Europa - so etwas wie "dem Markt gegenüber positiv eingestellt", sondern entspricht viel eher dem europäischen Begriff "sozialdemokratisch".

Die Möglichkeiten für transatlantische Missverständnisse sind also weit gespannt. Um sie ein wenig zu reduzieren, wird hier eine kurze Geschichte des amerikanischen Sozialismus angeboten. Und es werden die Ursprünge von "Populismus" und "Liberalismus" im - wohlgemerkt - amerikanischen Sinne erhellt.

Es wird aber auch noch einmal auf die Anhänger von Bernie Sanders zurückzukommen sein. Denn eine Frage, die nicht wenige linksgerichtete Kommentatoren in den USA umtreibt, ist: Was werden die sogenannten "Sandernistas", die Anhänger von Sanders Ideen und Politik, unter einer Präsidentin Hillary Clinton machen? Druck von unten, für eine linker orientierte Politik? Oder werden sie sich vielleicht ganz von der Demokratischen Partei abwenden, da Letztere sich de facto an Wall Street und andere Eliten, zum Beispiel an Spitzenanwälte, verkauft hat?

Könnten die "Sandernistas" das Vertrauen in das politische System der USA ganz verlieren und völlig neue politische Organisationsmöglichkeiten jenseits der repräsentativen Demokratie erproben? So wie dies zumindest einige Denker von Occupy Wall Street schon vor einem halben Jahrzehnt forderten?

Warum es in den USA keinen Sozialismus gibt

1906 veröffentlichte der große deutsche Ökonom und Soziologe Werner Sombart eine Studie, deren Titel unter Sozialwissenschaftlern fast schon zu einer Art geflügeltem Wort - besser: Einer Art geflügelten Frage - werden sollte: "Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?" Für den Soziologen hatte die Antwort vor allem mit der amerikanischen Mentalität zu tun. Sombart, der seinen Hang zu großen Verallgemeinerungen nicht immer bremsen konnte, beschrieb die Amerikaner - vor allem auch die Arbeiter - als große Optimisten, mit einem Lebensideal von "Vorwärtskommen" und einem Streben nach Quantitäten, das endlos sei, da Quantitäten immer endlos seien. Dazu kam der Glaube an die besondere Mission und Größe des Landes. Diese Arbeiter stünden dem sozialistischen Geist in seiner marxistischen Prägung, wie man ihn im kontinentalen Europa verstehe, äußerst fern.

Hinzu kam laut Sombart noch etwas: Den amerikanischen Arbeitern ging es im Vergleich zu den europäischen materiell viel besser. Sie konnten sich relativ teuer an die Kapitalisten verkaufen, während in Europa ein Überangebot sogar an Fachkräften herrschte. Sombart schlussfolgerte:

"An Roastbeef und Apple-Pie gingen alle sozialistischen Utopien zuschanden."

Auf Sombarts Untersuchung hat sich ein ganzer Forschungszweig in den USA begründet. Hier wird die eine große Frage immer wieder in neuen Varianten gestellt - nämlich die nach "American exceptionalism", nach dem angeblich absoluten Ausnahmecharakter der USA, der in deutschen Debatten bisweilen auch als Idee eines "Sonderweges" bezeichnet wird.

Das fehlende Stigma der Sonderklasse

Aber was war und ist eigentlich an den USA historisch so ganz anders? Die wohl lange am häufigsten von amerikanischen Wissenschaftlern gegebene Antwort lautete: Es gab in den Vereinigten Staaten nie Feudalismus. Und deswegen auch keinen Sozialismus.

Warum? Weil der Kontrast zwischen Feudalherren - also Aristokraten - und Bürgerlichen das Ursprungsmodell einer Klassengesellschaft ist, in welcher mit der Industrialisierung die Proletarier dann auch ihren Platz finden, einen in der unteren Klasse. Ohne ein Gefühl für Klassenunterschiede, so die Logik, gibt es auch keinen Sozialismus.

Zwar gab es in den USA auch horrende Ungleichheit - man denke nur an die Sklaverei und die Unterdrückung der schwarzen Minderheit, welche noch heute in vielen Teilen des Landes ein reales Problem ist. Aber es fehlte im Großen und Ganzen der Eindruck, die Gesellschaft bestehe aus fest gefügten Gruppen, die von der Logik des Kapitalismus an sich produziert würden.

Sombart bemerkte bereits: Die Arbeiter "sind auf der Straße, Bürger', ihrem Auftreten nach: working-gentlemen und working-ladies. Rein äußerlich fehlt das Stigma der Sonderklasse wie es fast alle europäischen Arbeiter an sich tragen."

Das völlige Fehlen von Feudalismus hatte angeblich noch eine andere langfristige Konsequenz: Die Sozialisten, so wird behauptet, besorgten sich ihre Ideale stets aus einer mittelalterlichen Vorstellungswelt. Genossenschaftliche Organisationsformen, Schutz des Einzelnen durch eine fest gefügte Gemeinschaft und letztlich: Brüderlichkeit - all das gibt es nicht in einem Land, das von Anfang an durch markigen, rauen Individualismus gekennzeichnet war. Dieser "rugged individualism", so der Gedanke, dominiert den ganzen politischen Diskurs der USA; oder, wie es der liberale amerikanische Historiker Richard Hofstadter einmal ausdrückte: "Die USA haben keine Ideologie; die USA sind eine Ideologie."

Unerwartete Schützenhilfe für diesen Gedanken fand Hofstadter bei niemand Geringerem als Friedrich Engels. Der engste Mitstreiter von Karl Marx bemerkte einmal, dass die Amerikaner quasi als Konservative geboren würden; das Land sei, mangels feudaler Vergangenheit, rein bürgerlich.

Aber ist dem wirklich so? Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Debatte über den Ausnahmecharakter der USA sich leicht ideologisch aufladen lässt. Die vermeintlich wissenschaftlich erwiesene Sonderstellung der Vereinigten Staaten wird Teil eines nationalistischen Narrativs, welcher den Amerikanern eine einzigartige Mission in der Geschichte verspricht - fast eine Zivilreligion. Umso einfacher, dass gar nicht mehr gefragt wird, mit welcher vermeintlichen "Normalität" man sich eigentlich vergleicht.

Dieses Problem findet sich schon bei Werner Sombart. Der deutsche Soziologe hatte gefragt: Warum kein Sozialismus in den USA?

Es liegt am Parteiensystem

Nur: Wo bitteschön gab es 1906 eigentlich real existierenden Sozialismus in Europa (oder gar anderen Teilen der Welt)? Das eigentliche Rätsel war: Warum fanden sich in den USA, trotz eines sich rasant entwickelnden Kapitalismus, der auch Marx tief beeindruckte, keine großen Arbeiterparteien wie die SPD in Deutschland oder eine Labour-Partei wie in Großbritannien? Also Parteien, die eng mit den Gewerkschaften verbunden oder gar aus diesen entstanden waren und sozialistisches Gedankengut propagierten? Arbeiter gab es schließlich genug - und ebenso Vereine und sogar Parteien, welche die Ideen von Marx und Engels mit Begeisterung vertraten.

Auch hier warten Historiker und Sozialwissenschaftler mit einigen auf den ersten Blick sehr plausiblen Erklärungen auf. Sie verweisen vor allem auf das Zwei-Parteien-System, das wiederum auf dem Mehrheitswahlverfahren gründet, bei dem nur ein Kandidat oder eine Kandidatin gewinnen kann.

Mit anderen Worten: Anders als in Ländern mit Verhältniswahlrecht haben es neue Parteien äußerst schwer. Das amerikanische Parteiensystem, als eine Art Duopol, ist extrem unflexibel; gleichzeitig sind die beiden großen Parteien aber sehr flexibel: Wenn eine dritte Partei als Herausforderer auftritt, eignet man sich selektiv deren Ideen an. So gibt es denn seit Mitte des 19. Jahrhunderts als national wirklich wichtige Parteien nur Demokraten und Republikaner - gleichzeitig haben sich deren Programme in den vergangenen 150 Jahren zum Teil dramatisch verändert.

Das eigentartige Schicksal des Wortes Populismus

Vor diesem Hintergrund lässt sich das eigentümliche Schicksal des Wortes "Populismus" in den USA besser verstehen. "Populism" bezog sich ursprünglich auf die Anfang der 90er-Jahre des 19. Jahrhunderts gegründete People's Party. Diese war aus der Farmers' Alliance hervorgegangen; ihre Anführer vertraten die Interessen der Farmer gegenüber Banken und den mächtigen Besitzern der Eisenbahnen.

Von beiden hingen die Bauern, welche ihr Glück im Westen der USA suchten, ganz besonders ab: Sie brauchten Kredite, um ihre Farmen aufzubauen, und sie brauchten Züge, um ihre Erzeugnisse in den bevölkerungsstarken Osten zu bringen. So setzten sich die Anführer der People's Party denn vor allem für billiges Geld ein sowie eine Verbesserung der Infrastruktur, bis hin zur Verstaatlichung der Eisenbahnen. Finanz- und Großkapital - oftmals schlicht als "the interests" bezeichnet - konstituierten die klar definierten Feindbilder der Kleinproduzenten.

Die Rhetorik dieser "Populisten" gemahnt denn auch an eine klassisch populistische Gegenüberstellung von Volk und Eliten. So war beispielsweise Mary Elizabeth Lease nicht gerade zimperlich, als sie schrieb:

"Der Wall Street gehört das Land. Wir haben es nicht länger mit einer Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk zu tun, sondern mit einer Regierung von Wall Street, durch Wall Street und für Wall Street. Die einfachen, aber doch so großartigen Menschen dieses Landes sind Sklaven, und die Monopolmacht ist der Herr."

Man wetterte gegen "Plutokraten, Aristokraten und all die übrigen Ratten”; viele der Slogans der Populisten könnten von Occupy Wall Street stammen:

"ninety and nine in hovels bare, the one in a palace with riches rare” - "99 sitzen in Bruchbuden, der eine jedoch in einem luxuriösen Palast".

Die amerikanischen Populisten des späten 19. Jahrhunderts waren zudem die ersten, die sich selber "Populists" nannten. Ursprünglich gab es kein Adjektiv, um Mitglieder und Anführer der People's Party zu beschreiben; die Wörter "Pops", "Populites" und "Populists" waren alle abwertend gemeint. Aber wie so häufig in der politischen Ideengeschichte wurde ein zuerst negativ gemeintes Label von den Geschmähten ins Positive gewendet; man steckte sich das abwertende Etikett schließlich selber an die Brust: "Populist" wurde zum Ehrabzeichen dafür, dass man wahrlich aufseiten des einfachen Volks stand.

Ein fataler Fehler

Die "Populists" waren vor allem im Mittleren Westen und Teilen des Südens stark. Zeitweise sah es so aus, als könnten sie die Demokraten als eine der beiden großen Parteien verdrängen. Aber aus Sicht von Historikern, die den Anliegen der Populists mit Sympathie begegnen, begingen die Populisten einen fatalen Fehler: Sie machten mit den Demokraten gemeinsame Sache.

1896 trat William Jennings Bryan im Namen der vereinigten "Dem-Pops" an - ein großer Redner, der die Massen begeistern konnte und der als "the Great Commoner" bezeichnet wurde, was soviel wie "der großartige gemeine Mann" bedeutet. Bryan verlor am Ende einer großen Wahlschlacht. Danach ging es mit den "Populists" bergab.

Mancher wohlwollende Historiker hat gar Franklin Roosevelts "New Deal" als eine Neuauflage von Populism interpretiert - die großen sozialdemokratischen Programme der 30er-Jahre, vor allem die Einführung der Sozialversicherung. Aber eigentlich ist den Populisten nie ein Brückenschlag zur amerikanischen Arbeiterschaft gelungen. Ihre Ideale wirkten rückwärtsgewandt, ja gegen die industrielle Moderne an sich gerichtet: Jeder sollte am besten ein für sich selbst verantwortlicher Farmer sein. Das schien immer weniger amerikanischen Bürgern im 20. Jahrhundert eine erstrebenswerte Vision.

Das Weiße Haus in der Stadt Washington (picture-alliance / dpa / Arno Burgi)Am 8. November 2016 entscheidet sich, wer ins Weiße Haus zieht. (picture-alliance / dpa / Arno Burgi)

Der ausgeprägte Individualismus dieser politischen Vision machte es zudem schwierig, so etwas wie kollektive Solidarität zu erzeugen.

Ein Synonym für linke Ideen

Diese Ursprungsgeschichte des Wortes "populism” erklärt, warum auch heute Populismus bei vielen Amerikanern als eine Art Synonym für "progressiv” und so auf jeden Fall als "links" erscheint.

Die Senatorin und frühere Harvard-Professorin Elizabeth Warren, die sich nach 2008 als Verfechterin von Konsumenteninteressen gegen große Banken einen Namen machte, wird regelmäßig als "Populistin" bezeichnet, ebenso wie der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio, der eine sozialere Stadt will als sein Vorgänger, der Milliardär Michael Bloomberg. Aber auch bei Hillary Clinton meinte mancher, hier und da eine "populistische Wende" feststellen zu können. Das hieß keineswegs - wie es der europäische Standardgebrauch des Wortes "Populismus" suggeriert - dass Clinton nun unterkomplexe Politikangebote machte oder dem Volk nach dem Mund redete.

Vielmehr sollte damit zum Ausdruck kommen, dass die Bewerberin der Demokraten Signale gab, eine eindeutig sozialdemokratische Politik verfechten und finanzkapitalistische Interessen zurückdrängen zu wollen. Oder, wie es in den USA häufig heißt: dass sie antrat, "Main Street" gegen "Wall Street" zu verteidigen.

Die Populisten hatten sich auch für das Wahlrecht von Frauen und für Schwarze eingesetzt, zu einer Zeit, als die Demokraten noch klar die Partei des alten Südens waren und viele Benachteiligungen für die schwarze Minderheit perpetuierten - auch lange, nachdem die Sklaverei offiziell abgeschafft worden war. Neben diesem Konflikt zwischen Populists und Demokraten gab es noch viele Spannungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen innerhalb der amerikanischen Arbeiterschaft an sich.

Die Rolle des alten Europa

Schon Werner Sombart hatte hier einen Grund dafür ausgemacht, warum es mit dem Sozialismus in den USA nicht klappen wollte; spätere Soziologen sind ihm gefolgt mit der These, es habe zwar eine Arbeitermasse gegeben, aber keine sich ihrer selbst bewusste Arbeiterklasse. Ethnische Spaltungen hätten das große solidarische Kollektiv verhindert; einzelne Gewerkschaften blieben oft in irische, deutsche und so weiter, aufgeteilt.

Zudem gab es auch noch zwei große Sicherheitsventile für den amerikanischen Kapitalismus. Die absolut Unzufriedenen konnten ja stets nach Westen ausweichen und dort ihr Glück suchen. Die besonders Unzufriedenen kehrten irgendwann in ihre Heimat zurück. Das alte Europa, so ließe sich überspitzt sagen, hat auch dazu beigetragen, Amerika vor der sozialistischen Revolution zu bewahren.

Und doch kann auch das nicht die ganze Story sein. Denn an Radikalität fehlte es eigentlich nicht wirklich. New York war zeitweise Hauptquartier der Ersten (sozialistischen) Internationale. Marx erwartete sich viel Revolutionäres von der scheinbar ungebremsten Entwicklung des Kapitalismus in den USA; Engels schrieb 1886 an einen Freund in New Jersey:

"Wenn wir uns in Europa nicht beeilen, kommen uns die Amerikaner bald vor."

Als die Pariser Kommune, das große kommunale Experiment der Linken, 1871 fiel, marschierten 70.000 Menschen auf den Straßen New Yorks, um der Märtyrer für sozialistische Ideen zu gedenken. Eine radikale politische Kultur gab es also sehr wohl. Und, wenn man schon wie Sombart große globalhistorische Vergleiche anstellen will: In Australien - ebenfalls eine klassische Einwanderergesellschaft, zumal eine mit noch höherem Lebensstandard für Arbeiter als in den USA - entstand zur gleichen Zeit eine Arbeiterpartei, die sich mit Gewerkschaften und auch den Farmern zusammentat. Diese spielt auch heute noch eine führende Rolle in der Politik des Landes.

Amerikanische Gewerkschaften und Sozialismus

Des Rätsels Lösung, warum es in den USA keine große sozialdemokratische Partei gibt, scheint bei den amerikanischen Gewerkschaften zu liegen. Diese entschieden sich Ende des 19. Jahrhunderts ganz bewusst gegen eine direkte Politisierung. 1895 verabschiedete die American Federation of Labor eine Resolution, dass Parteipolitik, ob nun "demokratisch, republikanisch, sozialistisch [ ... ] oder was immer sonst" keinen Platz in der Gewerkschaft haben solle. Die Gewerkschaft der Knights of Labor, die zeitweise 700.000 Mitglieder hatte (und auf die Friedrich Engels starke Hoffnungen setzte), wollte ebenfalls nichts mit sozialistischem Sektierertum zu tun haben. Man fürchtete um die Einheit der Gewerkschaften, sollten bereits existierende ideologische Konflikte in die Organisationen der Arbeiter importiert werden. Nicht zuletzt hatte man Sorge, Zerwürfnisse zwischen religiösen Arbeitern und atheistischen Sozialisten könnten die Macht der Gewerkschaften insgesamt schwächen.

Das, was später als "business unionism" und nicht klassenkämpferische Arbeiterparteien triumphierte, hatte nicht zuletzt auch damit zu tun, wie doktrinär manche Sozialisten auftraten. Engels kritisierte, dass die aus Deutschland in die USA eingewanderten Theoretiker den USA allein ein Credo verkündeten, aber keinerlei Konzessionen an die Realitäten im Lande machten - sich noch nicht einmal dazu herabließen, Englisch zu lernen.

Noch zwei andere Faktoren spielten eine Rolle, warum Gewerkschaften und Parteipolitik nicht zueinander fanden. Weiße Männer hatten in den USA bereits das Wahlrecht; deswegen sahen die Gewerkschaften keinen Grund, eine umfassende Gesellschaftskritik zu vertreten, wie es beispielsweise die weitgehend von der Politik ausgeschlossenen deutschen Sozialdemokraten taten. Gleichzeitig - dies ist der zweite Faktor - wurden Sozialisten und auch Anarchisten unter den Arbeitern zum Teil brutal vom Staat und von einzelnen Unternehmen verfolgt. Eine weitere Repressionswelle gab es nach dem Ersten Weltkrieg, und dann noch eine in den 50er-Jahren, als Senator Joseph McCarthy ganze Berufszweige von vermeintlichen Kommunisten zu säubern versuchte.

Einer dieser Repressionswellen fiel Eugene V. Debs, der Spitzenkandidat der Sozialistischen Partei, zum Opfer. Er wurde 1918 ins Gefängnis gesteckt, weil er zur Kriegsdienstverweigerung aufgerufen hatte. Bei den Wahlen von 1912 war es Debs gelungen, fast sechs Prozent der Stimmen auf sich zu vereinigen. Aus dem Gefängnis trat er 1920 noch einmal als Kandidat an - auf dem Wahlzettel stand nur: "Gefängnisinsasse 9653". Immerhin holte er dennoch gut drei Prozent auf Bundesebene.

Danach wurden im Übrigen die Ideen der Socialist Party teilweise von den Demokraten übernommen, die sich unter Roosevelt um eine - aus deutscher Sicht - als sozialliberal zu bezeichnende Synthese politischer Vorstellungen bemühte - weswegen das Wort "liberal" denn seit den 30er-Jahren bis heute für so etwas wie "linksliberal" und eben gerade nicht für "marktfreundlich" oder gar "neoliberal" steht.

Und doch wurden die Demokraten nie zu einer klassischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Das hatte langfristige Folgen: Die Stärke des Wohlfahrtsstaates hing in den meisten westlichen Ländern von dem Erfolg dieser Parteien ab.

Engels hatte bereits geschrieben: "Der erste große Schritt [ ... ] ist immer die Konstituierung der Arbeiter als selbstständige politische Partei, einerlei wie, sobald es nur eine distinkte Arbeiterpartei ist."

Stattdessen gab es Einzelerfolge in verschiedenen Bundesstaaten und auf kommunaler Ebene.

Der Ruf nach einer politischen Revolution

Und dann gab es da viele Jahre den einsamen Sozialisten Sanders aus Vermont. Der ist sicherlich von seinem eigenen Erfolg 2015 und 2016 überrascht worden. Sanders forderte in seinen Wahlkampfreden für die Präsidentschaftskandidatur nichts Geringeres als eine "politische Revolution". Aber eigentlich offerierte er eine Mischung aus sozialdemokratischen Ideen. Sein Modell ist der dänische Wohlfahrtsstaat. Der dänische Premier fühlte sich bei einem Gastvortrag in Harvard allerdings verpflichtet klarzustellen, dass Dänemark eine Markt- und keine Planwirtschaft habe.

Der US-Senator von Vermont und frühere Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders bei einer Rede im Wells Fargo Center in Philadelphia am ersten Tag des Nominierungsparteitag der Demokraten am 25. Juli 2016.  (picture alliance /dpa /EPA /Shawn Thew)Der frühere Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten, Bernie Sanders (picture alliance /dpa /EPA /Shawn Thew)

Zudem vertritt Sanders eine Reihe von wichtigen, aber nicht sonderlich unkonventionellen Forderungen, die politische Partizipation der Bürger in den USA zu stärken. Wie so viele will er, dass nicht mehr wenige Unternehmen und Privatleute mit Unsummen von Geld die amerikanischen Wahlkämpfe verzerren; zudem will er den Wahltag zu einem bundesstaatlichen Feiertag machen, damit mehr Amerikaner am Urnengang teilnehmen können.

Die "Sandernistas" sind keinem Personenkult um Sanders aufgesessen. Auch ohne den Senator aus Vermont werden sie wohl an Themen dranbleiben, die mit der Occupy-Bewegung immer stärker geworden sind, vor allem das der Ungleichheit und der stagnierenden Einkommen unterer Schichten. Konkret wird man wohl versuchen, wie Sanders einen Mindestlohn von 15 Dollar in der Stunde durchzusetzen. Hillary Clinton fordert im Gegensatz dazu einen Mindestlohn von 12 Dollar. Wenn der Sanders-Effekt darin besteht, dass Clinton nicht, wie zuletzt im Wahlkampf, moderate Republikaner umgarnt, sondern, einmal an der Regierung, wirklich sozialdemokratische Perspektiven beispielsweise bei Kinderbetreuung und Hilfe mit Studiengebühren eröffnet, werden die "millenials" den Demokraten vielleicht die Treue halten. Und wenn nicht? Dann wird das andere Erbe von Occupy wohl virulent: der Ruf nach horizontalem, konsens-orientiertem politischen Handeln jenseits aller etablierten Parteiorganisationen.

Was das heißen soll, weiß im Moment keiner ganz genau; es wird darauf ankommen, worin genau lokale Ungerechtigkeiten bestehen. Und ob es etwas mit Sozialismus im klassischen Sinne zu tun haben wird, weiß ebenso niemand.

 

Jan-Werner Müller, geboren 1970, ist Professor am Department of Politics der Princeton University und derzeit Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Er veröffentlicht regelmäßig Artikel zum aktuellen politischen Zeitgeschehen. Im Suhrkamp Verlag erschien zuletzt sein Essay "Was ist Populismus?".

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