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StartseiteTag für Tag"Salafismus - das ist wie Punk" 20.12.2016

Prävention"Salafismus - das ist wie Punk"

Islamischer Extremismus präsentiert sich als jung, cool und nonkonformistisch. Gezielt werden auch Mädchen angeworben. Das Versprechen: Hier würden die inneren Werte der Frau respektiert. Das Bochumer Projekt #Selam will die Radikalisierung junger Musliminnen verhindern.

Von Samuel Acker

Der radikale Salafistenprediger Pierre Vogel (l) bei einer Kundgebung in Offenbach am Main (Hessen).  (dpa/ picture alliance / Boris Roessler)
Der Salafistenprediger Pierre Vogel (l) bei einer Kundgebung in Offenbach am Main (Hessen). (dpa/ picture alliance / Boris Roessler)
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Es könnte ein relativ alltägliches Video auf Youtube sein: Ein Mädchen rezitiert singend den Koran. Allerdings trägt das gerade mal neunjährige Mädchen schon einen schwarzen Hijab, der nur noch das Gesicht freilässt. Und neben ihr sitzt nicht irgendein freundlicher Imam, sondern Pierre Vogel, einer der bekanntesten Radikal-Salafisten Deutschlands. Das Mädchen in dem sieben Jahre alten Video ist Safia S. Vor zehn Monaten sticht die damals 15-Jährige dann in Hannover mit einem Messer auf einen Polizisten ein. Sie verletzt ihn lebensgefährlich.

Wie radikalisiert sich ein Mädchen wie Safia? Damit setzt sich Piotr Suder vom Bochumer Verein IFAK für multikulturelle Jugendarbeit auseinander. Salafistischer Extremismus sei in Deutschland schon seit dem 11. September bekannt – aber noch nie seien die männlichen und weiblichen Anhänger so jung gewesen.  "Womit wir es jetzt zu tun haben ist eine Art von Coolness. Manche nennen das tatsächlich Jugendkultur. Weil es auch um bestimmte Symbole und Verhaltensweisen geht, welche die Jugendlichen zusammenschweißen. Wo ein eigener Slang entsteht, und einfach mittlerweile auch ne kritische Masse erreicht ist."

Besserer Schutz vor Extremismus

"Neo-Salafismus" nennen das Suder und sein Kollege Rasheed Issa. Diese Bewegung muss nicht zwingend dschihadistisch sein, kann es aber schnell werden. Suder und Issa arbeiten beim mit Bundesmitteln mitfinanzierten Projekt #Selam. Sie wollen Mitgliedern der muslimischen Community Tipps und Werkzeuge an die Hand geben, um Jugendliche vorm Abrutschen in den Extremismus zu bewahren. Es sei verstärkt zu beobachten, dass sich neo-salafistische Gruppen um Frauen bemühen, sagt Rasheed Issa.

"Die jungen Mädchen werden durch Frauen angeworben, ja. Und die werden genau darauf geschult, mit welcher Argumentation die zu sprechen haben. Fangen wir an mit der Bekleidung zum Beispiel, die sind zunächst liberal wie jeder, ohne Kopftuch und so weiter. Und die werden dann überredet ein Kopftuch zu tragen, und plötzlich erlebt man auch dass es eine komplette Verschleierung gibt".

Besonders anfällig für die Lockversuche der Neo-Salafisten seien Mädchen aus schwierigen Verhältnissen: Scheidungskinder oder solche mit schlechten Schulnoten. Die Islamisten bieten hier schnelle Anerkennung. Zudem versprechen sie den Mädchen: Hier seit ihr mehr als euer Körper.

Issa: "Sie glauben auch, dass der Westen die Frauen nicht gleichberechtigt stellt. Man sieht hier an den Bushaltestellen die Werbungen, wo die Frauen halbnackt stehen. Und das ist ein Gegensatz zu ihre Einstellungen."     
So verkaufen sich die Neo-Salafisten als Gemeinschaft, in der die inneren Werte der Mädchen wichtiger seien. In der Realität sind sie keineswegs weniger sexistisch. Eine weibliche Sittenpolizei des sogenannten "Islamischen Staats", die Al-Khaanssa-Brigade, hat vor einem Jahr ein "Manifest" über die Rolle der Frau veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem:

"Die Hauptaufgabe der Frau besteht darin, zu Hause bei ihrem Ehemann und ihren Kindern zu bleiben. Wenn die Frau ihre fünf Pflichtgebete verrichtet, ihren Monat Ramadan fastet, ihre Vulva schützt und ihrem Ehemann gehorcht, dann wird ihr gesagt: Du darfst das Paradies durch die Tür betreten, welche du möchtest."

"Sex vor der Ehe ist verboten, da müssen sie eine Alternative haben"

Dem IS-Manifest zufolge sollen Musliminnen vor allem eins: Kinder bekommen. Denn so vergrößern sie die Umma, die islamische Nation. Im heiratsfähigen Alter seien die Frauen dabei bereits mit neun Jahren. Und auch in Deutschland, sagt Bildungstrainer Rasheed Issa, gebe es solche neo-salafistischen Kinder-Hochzeiten.

Issa: "Sex vor der Ehe ist verboten, da müssen sie eine Alternative haben. Und die Alternative bedeutet "ehrliche Ehe". Und darum schließen solche Imame bei Jugendlichen mit 15 Jahren oder teilweise auch mit 14 die Ehe."
 
Ein Imam, der das Sensibilisierungs-Training von #Selam durchlaufen hat, ist Tuncay Nazik. Er arbeitet in einer islamischen Gemeinde in Herne bei Bochum. Nazik wird nun Jugendliche aus seiner Gemeinde darin ausbilden, wie sie gefährdete Glaubensbrüder und -schwestern erkennen können. Er glaubt, das Problem bestehe auch darin, dass viele muslimische Familien sich nicht gut mit der Religion auskennen – aber konservative und patriarchalische Strukturen mit dem Islam begründen.

"Es wird nicht islamisch gelebt, aber wenns um Mädchen geht, wenns um Machtansprüche geht, dann kommt Islam ins Spiel. Der Mann sagt zum Beispiel dann, wenn die Frau sich bisschen erhebt, dann sagt er: Guck mal, du bist untergeordnet – so sagt der Koran! Und wenn es ein Mädchen ist: Guck mal, du darfst keinen Freund haben, so sagt die Koran!"

Neo-Salafismus: Ein Mittel, um sich abzugrenzen

Das führe dazu, dass sich einige Mädchen komplett von der Religion abwenden – und andere ihr Heil in einer extremistischen Ausrichtung suchen, die ihnen verspricht, die Speerspitze der islamistischen Weltrevolution zu sein. Neo-Salafismus sei für manche Mädchen quasi der neue Punk: Ein Mittel, um sich vom "konformistischen" Rest der Gesellschaft abzugrenzen.

Nazik: "Man kann die Eltern und die Gesellschaft jetzt nur mit dschihadistischen Gedanken schockieren. Piercing oder Tattoo –  juckt niemanden. Aber wenn jemand sagt: "Ich werde nach Syrien ausreisen" (lacht kurz), dann werden schon alle aufmerksam werden."
 
Nach Syrien ausreisen wollte vermutlich auch Safia S., das salafistisch-radikalisierte Mädchen aus Hannover, das einen Polizisten mit einem Messer lebensgefährlich verletzte und nun vor Gericht steht. Wie das ARD-Magazin "Panorama" recherchierte, soll die Teenagerin in Kontakt mit IS-Vertretern gestanden haben. In einer Chatnachricht an einen Freund schrieb die 15-Jährige von der Türkei aus:
 
 "Ich spreche mit Brüdern aus Syrien. Hohe Angestellte von Regierung. Sie haben mir gesagt, ich soll nach Deutschland zurückkehren. Damit mache ich Überraschung für den Ungläubigen. Sie haben mir gesagt, es hat einen größeren Nutzen."

Diese Unterscheidung – wir, die edelsten der Muslima, dort die Ungläubigen, Unwürdigen – gibt gerade Mädchen aus schwierigen Verhältnissen eine unglaubliche Aufwertung, sagt Rasheed Issa. Dass sie selbst zu den Waffen greifen, sei aber ungewöhnlich – ihre Rolle ist im Neo-Salafismus eine andere.

"Die Aufgaben der Frauen war immer klar und deutlich, die haben die erzieherische Aufgabe in der Gesellschaft. Es gibt zum Beispiel auch den Spruch, dass der Paradies unter den Füßen der Mütter liegt. Und dass bedeutet, dass die Mütter eine große Wertschätzung in der Religion hat."

Ständige Gefahren im Internet

Es gebe in jeder Religion oder Gesellschaft Frauen, die sich mit einem solchen eher konservativen Wertebild identifizieren, schreibt die Islamwissenschaftlerin Hamide Mohagheghi. Doch wie verhindert man, dass solche Mädchen und junge Frauen in die Fänge von radikalen Neo-Salafisten geraten? Für Ruhrpott-Imam Tuncay Nazik ist wichtig, dass traditionelle Muslime, die in Deutschland friedlich leben, stärker akzeptiert werden.

"Also ein Appell an die Gesellschaft: Die integrierten Muslime müssen nicht nur die Alkohol trinkenden oder Sauerbraten essende Muslime sein – es können auch betende Muslime, kopftuchtragende Muslime, Muslime mit Bart (sein). Praktizierende Muslime können auch integriert sein, und meiste Muslime sind auch so."
 
Bildungstrainer Rasheed Issa glaubt, dass der Umgang mit dem Internet und Sozialen Medien eine riesige Rolle spielt. Dort würden sich die Jugendlichen viel schneller radikalisieren als in den Gemeinden.

"Das heißt, wenn ich eine religiöse Frage habe, dann google ich mal. Dann spuckt er mir so viele Antworten. Und die ersten Antworten sind natürlich mit salafistischen Hintergrund. Und da ist die Gefahr, wenn Jugendliche das nicht erkennen. Und die erkennen das natürlich nicht, weil die auf der Suche sind."
 
Umso wichtiger sei es daher, dass daher Jugendliche selbst, die mit Projekten wie #Selam ausgebildet werden, ihre Glaubensbrüder- und Schwestern vom radikalen Weg abhalten. Denn dadurch dass Dschihad und Neo-Salafismus "cool" geworden sind, habe man es als "uncooler Erwachsener" deutlich schwerer, diese Ideologien zu entkräften.  
  

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