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StartseiteMarkt und MedienPrawda verkündete die sowjetische Sicht der Wahrheit05.05.2012

Prawda verkündete die sowjetische Sicht der Wahrheit

Sprachrohr der KPdSU feiert 100. Geburtstag

Die "Prawda", das einstige Zentralorgan des Zentralkomitees der KPdSU, hat sich über den Zusammenbruch der Sowjetunion gerettet. Ihre Auflage ist allerdings von einstmals elf Millionen auf gut 100.000 Exemplare geschrumpft.

Von Thomas Franke

Heute wie damals versteht sie sich als Kampfblatt der Arbeiterklasse. Foto (dpa/Ulf Maurer)
Heute wie damals versteht sie sich als Kampfblatt der Arbeiterklasse. Foto (dpa/Ulf Maurer)

"Teure Pravdisten", schreibt ein Leser der Prawda zum 100 Geburtstag: "Wir wünschen Ihnen kräftige Gesundheit, Schaffenserfolge, Standhaftigkeit, Mut, Optimismus und festen Glauben an die Unabwendbarkeit des Wiederaufbaus unseres gemeinsamen Hauses, der Sowjetunion."

Äußerlich ist die Prawda ganz die alte. Auf der Titelseite die beiden Leninorden und der Orden der Oktober-Revolution. Darunter steht "Zeitung gegründet 5. Mai 1912 von W. I. Lenin". Dann der Schriftzug "Prawda". Darüber klein und kursiv: "Proletarier aller Länder vereinigt Euch."

In der aktuellen Ausgabe geht es um die Demonstrationen am 1. Mai und um den Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg, am 9. Mai.

Derzeitiger Chefredakteur ist Boris Komotzkij, 56 Jahre alt, Mitglied des Präsidiums des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation und Spezialist für Parteiprogrammatik und PR. Außerdem sitzt er in der Staatsduma, dem Parlament.

"Die "Prawda" ist heute wie früher das Organ der Kommunistischen Partei. Sie hat weder die Bestimmung, noch die Ideen oder die Leser gewechselt."

So sieht es auch in seinem Büro aus. Nippes: Marx, Lenin, ein kleiner Hugo Chaves, ein kleiner Stalin. Die "Prawda" verkündete die Erfolge der Sowjetunion und beschönigte das immer schwerer werdende Leben. Verbrechen und Katastrophen wurden ganz verschwiegen. Trotzdem war vieles besser, meint Chefredakteur Komotzkij:

"Früher, als es noch Zensur gab, war es so: Wenn etwas in der Zeitung stand, hieß es, das muss stimmen, sonst wäre es nicht durch die Zensur gekommen. Jetzt aber kann man drucken, was man will. Und niemand weiß, ob es stimmt oder nicht. Und daher ist das gedruckte Wort sehr diskreditiert. Niemand wundert sich über irgendwas, niemand ist begeistert, alle sagen – na und?"

1912, als Lenin die "Prawda" gründete, herrschte noch der Zar. Es gab Zensur. Die Prawda war das Blatt der Umstürzler. Nach der Revolution 1917 war sie dann etabliert.

Morgens am Kievskij Vokzal, dem Kiewer Bahnhof in Moskau. Am Zeitungskiosk liegen Fernsehzeitschriften, Groschenromane, Zeitschriften für den Kleingärtner und den Panzerfreund, Boulevardzeitungen. Ein älterer Mann betrachtet die Auslage.

Die "Prawda", die "Wahrheit", war das Zentralorgan der KPdSU und Pflichtlektüre, selbst wenn der Stil langweilig und unlesbar war. Die "Iswestija", die "Nachrichten", war das Verlautbarungsblatt der Regierung.

"Es gab damals einen Witz: In der "Wahrheit" findet man keine Nachrichten und in den "Nachrichten" ist keine Wahrheit."

Mit der Prawda wurden Zigaretten gedreht und Pos abgewischt. 1964 verbesserte sich die Papierqualität. Zum Zigarettendrehen taugte sie anschließend nicht mehr.

Als die Sowjetunion auseinanderbrach, schien auch das Ende der "Prawda" gekommen. Hunderte Mitarbeiter wurden in Pension geschickt oder entlassen. Ein zu Geld gekommener griechischer Investor sprang ein - und wieder ab. Er wollte das Blatt liberalisieren, die Redakteure wollten das nicht. Die Redakteure beschuldigten den Griechen, er hätte die Leninorden gestohlen. Chefredakteur Komotzkij winkt ab:

"Die Orden sind im Safe. Das stimmt also nicht. Es ist alles in Ordnung."

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