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StartseiteEuropa heutePressefreiheit oder ein Fall von Antisemitismus?24.08.2009

Pressefreiheit oder ein Fall von Antisemitismus?

Verstimmung in den schwedisch-israelischen Beziehungen

Ein Artikel des schwedischen Journalisten Donald Boström sorgt für Missstimmungen zwischen Schweden und Israel. Boström spricht darin von Organdiebstahl, den Israelis möglicherweise an Palästinensern begangen haben. Israels Außenminister legte deshalb Protest ein.

Von Tomas Lundin

(dradio.de)
(dradio.de)

Der Ton wird zunehmend schriller und die Regierung in Jerusalem verlangt nun ein Einschreiten der schwedischen Regierung. Gestern kam nun die Abfuhr des schwedischen Regierungschefs Fredrik Reinfeldt: Nein, keine Entschuldigung und kein Eingreifen. Gewiss, man könnte das Ganze als einen Sturm im Wasserglas bezeichnen, ginge es nicht um prinzipielle Fragen der Pressefreiheit und der freien Meinungsäußerung - und da scheiden sich die Geister.

Worum geht es? Am 17. August berichtete der freiberufliche Journalist Donald Boström über ein Ereignis auf der Westbank vor 17 Jahren. Er beobachtete damals, wie die Leiche eines fünf Tage zuvor erschossenen 19-jährigen Palästinensers von israelischen Spezialtruppen auf die Straße abgeladen wurde - vor seinen Augen. Das Foto, das Boström schoss, zeigt einen toten Körper, der aufgeschlitzt und notdürftig wieder zusammengenäht ist. Dass es sich um eine Obduktion gehandelt haben könnte, hält er für unwahrscheinlich, denn die Todesursache war ja offensichtlich.

In dem Artikel geht es weiterhin um einen Rechtsfall in den USA, bei dem jüdische Rabbis des Organdiebstahls beschuldigt werden. Ergänzt wird das Ganze mit dem Hinweis auf den akuten Mangel an Organspendern in Israel.

Die Geschichte ist schlecht unterfüttert, sie spielt bewusst oder unbewusst mit Vorurteilen, viele finden sie geschmacklos und reißerisch - und es ist gut zu verstehen, dass die Aufregung in Israel groß ist.

Aber was um Gottes Willen hat Israels Außenminister Avigdor Liebermann dazu veranlasst, beim schwedischen Kollegen Carl Bildt Protest einzulegen und zu verlangen, dass dieser den Artikel verurteilt? Schweden, kritisiert er, verhalte sich ähnlich wie zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges, als das formal neutrale Land bereit war, Hitler-Deutschland weit entgegen zu kommen um nicht selbst okkupiert zu werden.

Man mag Liebermann zugute halten, dass er wohl eher die eigene Innenpolitik und das israelische Publikum im Auge hat als die schwedische Regierung. Aber was heißt es, wenn Liebermann sich wütend darüber beschwert, dass die schwedische Regierung so etwas erlaubt habe? Erlaubt? So als wäre es die Aufgabe einer Regierung, Medienberichte zu genehmigen oder zu verbieten.

Die Antwort aus Schweden kam postwendend. "So funktioniert unser Land nicht - und so soll es auch nicht funktionieren", teilte der schwedische Außenminister Carl Bildt mit, zwar bemüht den diplomatischen Konflikt mit Israel zu entschärfen - Ja, er habe Verständnis für die Aufregung in Israel, Ja man muss sich gegen Antisemitismus zur Wehr setzen - in der Sache aber hart. In seinem Blog im Internet schrieb er letzten Donnerstag unter der Rubrik "Prinzipien und Praxis": "Die Meinungs- und Pressefreiheit ist im schwedischen Grundgesetz stark verankert. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Demokratie."

Auch in Schweden ist den Medien natürlich nicht alles gestattet. Handelt es sich zum Beispiel um Beleidigung einer Volksgruppe, so sind die Justiz und der Ombudsman für Presseethik gefragt. Aber geht es um schlechtes Urteilsvermögen, Geschmacklosigkeit oder verbale Angriffe auf die Werte einer Gesellschaft - so der Konsens in Schweden - hilft nur eine offene, kritische und freie Debatte.

Diese Sichtweise ist tief verankert in den nordischen Gesellschaften. Sie ist auch der Hintergrund des Karikaturenstreits vor vier Jahren, als die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlichte und einen Proteststurm in der ganzen islamischen Welt auslöste - damals wie heute prallen unterschiedliche Auffassungen über die Grenzen der Meinungsfreiheit aufeinander, damals wie heute muss es heißen: Finger weg von der Pressefreiheit!

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