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StartseiteTag für TagDie Angst vor der Einsamkeit im Pfarrhaus17.01.2017

PriesterausbildungDie Angst vor der Einsamkeit im Pfarrhaus

Nur etwa ein Drittel der Priesteramtsanwärter in Deutschland lässt sich später auch tatsächlich zum Priester weihen. Das Zölibat und die Angst vor dem Verlust der privaten sozialen Kontakte gehören mit zu den Gründen, warum junge Männer dem Priesterberuf den Rücken kehren.

Von Samuel Dekempe

(Marc Herwig / picture alliance / dpa )
Für die Priesterweihe entscheidet sich nur ein Drittel der Anwärter (Marc Herwig / picture alliance / dpa )
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In Markdorf, fast am Bodensee, dort wo im Winter der Nebel hängt ist Johannes Treffert seit einem Jahr Vikar. Der 30-Jährige wurde vor eineinhalb Jahren zum Priester geweiht. Zu seiner Gemeinde gehören viele Dörfer, in denen es mehr Apfelbäume als Menschen gibt. In seiner kleinen Wohnung hängen Kreuze und religiöse Bilder an der Wand, im Regal neben dem Fernseher steht aber auch die komplette "Dr.-House"-Staffel.

Treffert tritt nach dem Zivildienst, mit 21, in das Freiburger Priesterseminar ein. Er will es ausprobieren und schauen, ob der Priesterjob etwas für ihn ist. Die Ausbildung ist jedoch ein Auf-und-Ab, immer wieder macht er sich Gedanken, ob er wirklich für die Kirche arbeiten will und die Ehelosigkeit wirklich die richtige Lebensform für ihn ist. Trotz aller Zweifel, die er vor der Weihe hatte, macht ihm der Beruf jetzt Spaß. Die Gemeinde am Bodensee ist aufgeschlossen, sein Pfarrer gibt ihm den nötigen Freiraum. Im Priesterseminar fiel es ihm dagegen nicht immer leicht.

"Man ist unter seinesgleichen, also alle Leute, die sich vorstellen können, Priester zu werden. Und man lebt dort ja auch miteinander: Man isst zusammen, man studiert, man hat Hausprogramm, man läuft mehr oder weniger zusammen zur Uni und da entsteht irgendwie so eine eigene Gruppe. Und so wird man auch an der Uni wahrgenommen. Das habe ich auch gemerkt und das war mir auch tatsächlich unangenehm zum Teil, weil ich nicht unbedingt in so Klischees reinpassen wollte oder so abgestempelt werden wollte: als die Komischen aus dem Priesterseminar. Im Haus entsteht auch so eine eigene Dynamik, klar hat jeder seine eigenen Fragen und man ist sich auch nicht immer sicher, ob man das wirklich wird. Aber insgesamt ist schon auch die Stimmung klar: Wir werden Priester und man versteht sich auch als solche und da entsteht schon auch so ein Zusammenhalt und eine Dynamik", sagt Johannes Treffert.

Er hat viele Freunde im Priesterseminar gefunden, verschiedene Menschen mit verschiedenen Biografien und Fragen an das Leben. Die Ausbildung im Seminar gehe jedoch darauf nicht ein, kritisiert er.

"Das Problem ist schon, dass die Menschen, die jetzt bereit sind Priester zu werden, vielleicht aus einem kirchlichen Milieu kommen und dass es vielleicht an manchen Punkten an so einer Offenheit fehlen könnte bei einigen. Und dass man da halt drauf achten muss, wenn [man] an der Ausbildung was ändert, dass es eben nicht die eine Priesterpersönlichkeit gibt, sondern, dass man einfach schauen muss, dass jemand menschlich bodenständig und umgänglich ist."

Man braucht auch soziale Kontakte außerhalb des Seminars

Johannes Treffert hat in den sechs Jahren Ausbildung viel gelernt, nicht nur für seinen Beruf, sondern auch für das Leben, sagt er. Die Priesterausbildung sei eben nicht nur eine Berufsausbildung sondern forme auch die Persönlichkeit.

"Aber das hat eben so den negativen Aspekt, dass dann dein Privatleben doch sehr eingeschränkt ist, beziehungsweise, dass halt viel vorgegeben ist. Und dass es tatsächlich ein Problem ist für viele die sich auch privat engagieren, die Hobbys haben oder sich auch irgendwo ehrenamtlich einbringen, sozial engagieren, dass die Probleme haben, das weiterhin zu tun. Das ist schon ein Punkt, den ich schade finde, weil ich glaube, dass gerade die Persönlichkeitsbildung und -entwicklung gerade in so Bereichen viel stärker oder viel lebensnaher geschieht, als wenn man das jetzt über Ausbildungselemente versucht zu vermitteln. Von daher bräuchte es, denke ich, in der Ausbildung mehr Freiheiten, einfach dass jeder den eigenen Weg gehen und suchen kann und dass man eher so diese Freiheit lässt, dass sich jemand selbst Bereiche aussucht, wo man sich engagiert und einbringt."

Christian Hess leitet das Freiburger Priesterseminar seit zweieinhalb Jahren. In der Zeit hat er schon viele Seminaristen kommen und gehen gesehen. Auch für ihn ist es wichtig, dass sich die angehenden Priester außerhalb der Seminarenmauern engagieren:

"Wir haben hier so viele Ausbildungswege wie Studenten und das heißt für mich, dass ich auch schaue, wie auch Engagement außerhalb des Seminares möglich ist: Das ist dann nicht nur ein Gnadenakt von meiner Seite, sondern das ist sogar notwendig für unser Haus, dass wir solche Impulse von außerhalb bekommen."

Kurse zum Thema Kindesmissbrauch durch Priester 

Erst kürzlich wurden die Richtlinien des Vatikan zur Ausbildung von Priestern geändert. Vor allem der Kinderschutz soll einen höheren Stellenwert erhalten. Vorgesehen seien Unterrichtseinheiten, Seminare und Kurse um Kindesmissbrauch durch Priester entgegenzuwirken. Homosexuellen wird jedoch weiterhin der Zugang zur Weihe verwehrt. Die Kirche könne "jene nicht für das Priesterseminar und zu den heiligen Weihen zulassen, die Homosexualität praktizieren", heißt es in dem Schreiben der Kleruskongregation. In der Ausbildung solle es jedoch weiterhin darum gehen, Priester mit einer menschlichen, geistlichen und pastoralen Reife auszubilden.

Anwärter: Seminar bereitet nicht auf die Einsamkeit vor

Auch Matthias Leis trat nach Abi und Zivildienst ins Freiburger Priesterseminar ein. Auch er wollte es ausprobieren und fühlt sich in der Hausgemeinschaft wohl. Auch wenn er seine Entscheidung immer wieder hinterfragt, bestätigen ihn die ersten Jahre der Ausbildung in seiner Entscheidung für den Priesterberuf. Mit dem Praxissemester ändert sich dann jedoch alles. Ein halbes Jahr arbeitet er in einer Mannheimer Gemeinde mit. Er ist beim Ortspfarrer untergebracht, wohnt dort nicht allein, dennoch:

"Dieses große Umfeld des Priesterseminars, dieses Familiäre war plötzlich nicht mehr in dieser großen Form da. Ich habe mich super mit dem Priester verstanden, aber gleichzeitig hat es mir gezeigt, dass es nicht meine Lebensweise ist. Man hat seinen vollen Arbeitstag schon auch gehabt, war abends auf Sitzungen unterwegs, hier und dort vielleicht auch noch mit der Jugend unterwegs und kommt dann abends alleine ins Pfarrhaus, der Kollege war dann noch unterwegs und dann war ich alleine da und saß da, keine Möglichkeit irgendwie einen Austausch zu bekommen erstmal. Dann ist die Frage: Was machst du? Gehst du nochmal alleine um die Häuser? Die meisten in meinem Alter waren bei ihren Familien, waren im Sportverein und ich saß dann manchmal auch echt allein vor dem Fernseher und das war ein ganz starker Kontrast zum Priesterseminar," sagt Matthias Leis. Die Ausbildung im Priesterseminar habe ihn nicht auf das Allein-Sein vorbereitet. In ihrer jetzigen Form sei sie nur noch für die gut, die mit dem Allein-Sein sowieso klar kommen, introvertiert sind und auch später so leben könnten.

"Und für jemanden, der das eben nicht schafft und schon auch ein Beziehungsmensch ist, der wird es in der Gemeinde als Priester schwer haben, der braucht Menschen um sich herum. Und da braucht er nicht nur irgendwelche Gemeindemitglieder, dann braucht er sehr enge Beziehungen, sehr enge Freunde, wirklich jemanden der ihn auffangen kann und vielleicht auch mehr geben kann, als nur irgendein Gespräch."

"Zölibat kann man nicht trainieren"

Dagegen sieht der Regens des Freiburger Priesterseminars Christian Hess die Kandidaten durch die Ausbildung gut auf das Allein-Sein vorbereitet:

"Zölibat kann man jetzt nicht trainieren, wie die Vorbereitung auf den nächsten Freiburg-Marathon, aber man kann sich durchaus auch der Frage stellen, wie ich später einmal Leben möchte. Dafür gibt es viele Kurse auch in der Ausbildung. Man kann es vielleicht damit vergleichen wie sich Ehepaare auch auf die Ehe vorbereiten, da gibt es auch solche Kurse. Aber das Thema Allein-Sein wird nicht ausgespart, wir versuchen auch Denkanstöße zu bieten, wie ich später mit anderen auf dem Weg bin, aber man muss sich eben selbst auch darum bemühen. Jeder ist in dieser Hinsicht seines eigenen Glückes Schmied."

Matthias Leis hat sein Glück gefunden: Noch während des Praxissemester lernt er seine Freundin kennen. Zurück im Priesterseminar tritt er aus, schließt das Theologiestudium aber ab. Bei der Kirche ist er geblieben: Er wird nun Pastoralreferent.

 

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