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StartseiteBüchermarktPrivates Glücksstreben und politische Räson02.09.2008

Privates Glücksstreben und politische Räson

Dirk Kurbjuweit: "Nicht die ganze Wahrheit", Klett-Cotta Verlag

Der Fall ist so klassisch, wie er nur sein kann: Ein verheirateter Mann betrügt seine Frau mit einer jüngeren Arbeitskollegin, und seine gehörnte Gattin beauftragt einen Privatdetektiv, um ihm auf die Schliche zu kommen. "Nicht die ganze Wahrheit" ist insofern ein treffender Titel für Dirk Kurbjuweits Roman, denn das Spiel mit Lügen und Halbwahrheiten gehört nun einmal zu einem Seitensprungsdrama, zumal wenn die beteiligten Protagonisten Politiker sind, die das Spiel mit dem schönen Schein beherrschen müssen, um in der Mediengesellschaft Erfolg zu haben.

Ein Beitrag von Jochen Rack

Drei Mädchen hüpfen vor Freude. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Drei Mädchen hüpfen vor Freude. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Leonard Schilf, Jahrgang 54, steht als Vorsitzender der Regierungspartei ständig im Licht der Scheinwerfer, und das bedeutet, dass seine Ehe mit Ute Schilf als Ausweis seiner moralischen Integrität fungieren muss. Daher bedroht seine Affäre mit der 20 Jahre jüngeren Abgeordneten Anna Tauert nicht nur sein Privatleben, sondern auch seine politische Karriere. Das Vertrackte an Dirk Kurbjuweits Liebesroman liegt darin, dass Anna Tauert zwar in derselben Partei ist wie ihr Geliebter, in der Auseinandersetzung um die Reform der Sozialgesetze, die den politischen Hintergrund des Romans bilden, aber zur Fraktion der Rebellen gehört, die sich gegen den geplanten Sozialabbau sträubt. Herz und Kopf liegen im Widerstreit miteinander; als Geliebte will Anna sich Leonard Schilf gegenüber loyal verhalten, aber als Volksvertreterin fühlt sie sich ihrem Klientel verpflichtet. Ein Konflikt zwischen privatem Glücksstreben und politischer Räson, der dem Roman seinen Plot gibt. Anna rät Leonard Schilf von der Reform ab, doch kann ihn nicht auf ihre Seite ziehen. Als ein kritisches Portrait über sie in der Presse erscheint, argwöhnt sie ein Komplott des Kanzlers und verdächtigt ihren Geliebten, davon gewusst zu haben. Und als sie entdeckt, dass sie von Schilf schwanger ist, kompliziert sich die ganze Geschichte, weil Schilf es ablehnt sich, öffentlich zu dem Kind zu bekennen.

Erzählt wird die Geschichte von Schilfs gefährlicher Liebschaft aus der Perspektive des Privatdetektivs Arthur Koenen, der von der betrogenen Gattin auf ihren Mann angesetzt wird. Um Schilfs Verhältnis auf die Spur zu kommen, beschattet er ihn im Büro und zuhause, verfolgt ihn auf Wahlkampfveranstaltungen und beobachtet dabei genau den Alltag eines Politikerlebens und die Medienrituale der politischen Kaste. Nach einem Einbruch in Anna Tauerts Wohnung verschafft er sich Einblick in den E-Mail-Verkehr der beiden Liebenden und kann so die Geschichte aus ihrer intimen Perspektive erzählen und auch das am Politikerleben erkennen, was sonst vor der Öffentlichkeit verborgen wird.

Kurz darauf haben sie sich für eine Nacht getroffen, in seiner Wohnung, wie ich lesen kann. Am Tag nach dieser Nacht macht Leo eine kleine Reise nach Bayern, besucht dort einige Veranstaltungen. Er schreibt Anna aus Landshut, mitten in der Nacht. " Morgen früh um zehn politischer Frühschoppen. Alles sind da. Wieder sind alle da. Weißt du, dass es mir graut. Ich sitze hier in meinem Hotelzimmer, und es graut mir fürchterlich. Niemand weiß davon, niemand merkt etwas. Ich habe so viele Schlagzeilen über mich gelesen, aber nie war die richtige dabei: `Der Vorsitzende hat das große Grauen.´ Das ist die einzig wahre Schlagzeile über mich, Anna. Ich habe das Reden gelernt, doch die Angst davor bin ich nie losgeworden. Ich will nicht unter Menschen sein, nicht unter Menschen, die ich nicht kenne. Ich will nicht angeschaut werden, ich will nicht angefasst werden, ich will nicht da sein für all die Unvermeidlichen, ich will nicht, dass sie sich an mir bedienen können mit gierigen Blicken und feuchten Händen.

Schilfs private Tragik liegt aber nicht nur darin, dass er anders auftritt, als er sich fühlt; gravierender für sein Leben ist eine Verfehlung am Anfang seiner politischen Karriere, die ihn, wenn sie herauskäme, das Amt kosten würde. Als Konen diese ganze Wahrheit über Schilf entdeckt, hat er ein Druckmittel gegenüber ihm in der Hand ...

Dirk Kurbjuweits fesselnder Politik-Krimi spielt zur Zeit der Regierung von Kanzler Fred Müller, den man unschwer als Alter Ego von Gerhard Schröder erkennen kann. Als alter Weggefährte Müllers sieht sich der Parteivorsitzende Leonard Schilf seinem Chef gegenüber in unverbrüchlicher Treue verbunden; in seiner Jugend hat er sich aus kleinen Verhältnissen kommend in der Partei nach oben gearbeitet und verkörpert als einer, der an Hausbesetzungen und Anti-AKW-Demonstrationen teilgenommen hat, die bundesrepublikanische Protestgeneration, die spät die existentielle Faszination politischer Macht entdeckt hat.

Wie alle Totalitäten ist auch totale Aufmerksamkeit gefährlich. Aber ist es nicht faszinierend, sich in diese Gefahr zu begeben? Jeder Satz kann das Ende unserer Karriere sein, jede Recherche in unserer Biografie könnte Dinge zutage bringen, die uns unsere Ämter kosten. Das ist Leben auf dem Vulkan, Anna. Alles hat Bedeutung, verstehst du? Ich sage, dass Kapitalisten wie Heuschrecken über das Land herfallen, und schon entbrennt eine große Diskussion. Das Wort bekommt Flügel, es hebt ab, und wo es hereinfliegt, verändert es Gespräche, Gedanken. Das ist doch großartig. Wer kann das haben? Doch nur wir. Wir herrschen über Wörter, wir herrschen über Wahrheiten.

Dirk Kurbjuweit erweist sich in seinem Roman als Analytiker der politischen Macht ebenso wie als einfühlsamer Psychologe der Liebe. Nicht zufällig hat sein Held und Erzähler, Arthur Koenen, eine Studie über das Küssen verfasst. Als Privatdetektiv entspricht Koenen ganz und gar nicht den Klischees, die über sein anrüchiges Metier im Umlauf sind: Kein skrupelloser Schnüffler, dem die menschlichen Folgen seiner Enthüllungen gleichgültig wären, sondern ein mit seinen Opfern sympathisierender Beobachter, der sich in das Schicksal seiner Figuren einmischt und sie wie ein Regisseur nach seinem moralischen und menschlichen Vorstellungen zu dirigieren sucht. Er verhehlt seine Sympathie für das Liebespaar nicht, aber als Anwalt von Wahrheit und Klarheit, wie er sich selber sieht, will er auch die Ehe Schilfs verteidigen. Da es von seinen Ermittlungen abhängt, ob seine Auftraggeberin Ute Schilf sich von ihrem Mann trennen wird oder nicht, entscheidet er sich dafür, ihr nur die halbe Wahrheit über Leonard Schilf zu erzählen, um die Ehe zu retten.

Ich lasse die Mails weg, in der Anna ihre Liebe beschreibt. Ein Jammer, sie hat so schön über ihre Liebe geschrieben. Aber ich will nicht, dass Ute Schilf das liest. Ich muss Anna schützen. Zweiundneunzig Mails fallen so weg für die Erzählung. Wenn ich schon mit meiner Arbeit ihre Liebe zerstöre, dann will ich wenigstens vermeiden, dass ihre siegreiche Rivalin allzu viel Intimes weiß über sie. Ute Schilf wird siegreich sein, da bin ich sicher. Nach allem, was ich von Leo gelesen habe, wird er sich für seine Frau entscheiden. Und sie kriegt eine Mappe, die ihr diese Entscheidung leichtmacht.

Dirk Kurbjuweit beschreibt überzeugend die Anatomie einer Dreiecksbeziehung, die dadurch zusätzliche Spannung bekommt, dass der als Beobachter engagierte Privatdetektiv sich im Lauf seiner Ermittlungen selber in Anna Tauert verliebt. Eine höchst überraschende Wendung am Schluss aber verhindert, dass sich die Liebesgeschichte nach der geschickt geplanten Regie des Detektivs auflöst. "Nicht die ganze Wahrheit" ist ein perfekt konstruierter Politik-Krimi, dessen beste Szene sicherlich der Besuch Anna Tauerts beim Kanzler darstellt, in der Kurbjuweit durchaus nicht unkomisch die subtilen Erpressungsversuche schildert, mit dem der Kanzler seine Gegnerin auf seine Seite zu ziehen versucht.

Dirk Kurbjuweit: Nicht die ganze Wahrheit
Nagel & Kimche, 19,90 Euro

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