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Privates und öffentliches Glück

Jahrestagung des Bundes Deutscher Architekten in Mainz

Von Beatrix Novy

Öffnung in den öffentlichen Raum ist ein wichtiges Thema moderner Architektur.
Öffnung in den öffentlichen Raum ist ein wichtiges Thema moderner Architektur. (C archimappublisher)

Der öffentliche Raum führt im Gegensatz zum Privaten ein Schattendasein, wenn es um die Verantwortung für ihn geht, meinen die Experten. Für Architekten ist das eine große Herausforderung. Wie gestaltet man eine funktionierende Verbindung vom privaten Wohnraum in die Öffentlichkeit?

Zum Wesen der Architektur gehört es – und das wird oft festgestellt, noch öfter beklagt -, dass an ihr keiner vorbei kann. Sie wirkt nach innen wie nach außen, jeder ist ihr visuell ausgeliefert, sie baut Privates und prägt den öffentlichen Raum. So kommt es, dass die Debatten innerhalb der Architektur und auch die Architektur selbst zyklisch den Schwerpunkt wechseln: Da geht es mal mehr um die Stadt oder um die Siedlung, mal um das Quartier – etwa unter dem Stichwort "Soziale Stadt" -, und dann wieder mal um das Wohnen; aber natürlich hängt alles immer mit allem zusammen. So kann eine Tagung des Bundes Deutscher Architekten bei privaten Wohnräumen und –träumen beginnen und enden in der Forderung, beim Bauen immer nach dem Kontext, der Umgebung zu fragen.

Das zu tun, beteuern zwar noch die größten Egos unter den aufmerksam rezensierten Weltarchitekten, aber was sie bauen, sieht selten danach aus. Überdies geistert seit Le Corbusiers Zeiten die Mär, Architekten bauten gern ultramodern, lebten aber selbst vorzugsweise in geschmackvoll sanierten Altbauten. Deshalb begann die Tagung damit, dass einige von ihnen zeigten, wie sie selbst leben. Was ein vielfältiges Bild hergab: vom Baumhaus bis zum Olympiadorf in München, in Wahrheit eine Monstersiedlung, vom ästhetisch angepassten Neubau in der Eifel bis zur säkularisierten Kapelle.

Wobei die letzte Referentin und einzige Altbaubewohnerin das Stichwort gab für die eigentliche Diskussion: Sie zeigte im Bild einzig ihren Balkon, das Mini-Terrain des Übergangs zur Straße, zum Außenraum: Symbol urbanen Wohnens. Aber auch alles, was die Wohnung schützend abschließt und –schirmt, Zäune, Fenster, Jalousien, ist gleichzeitig ein Übergang zum Außen, und um solche Schnittstellen zwischen privat und öffentlich ging es dann in den Einlassungen des Bamberger Soziologen Gerhard Schulze. Der führte als erstes den Tagungstitel ad absurdum: "Homestory – Die Suche nach dem eigenen Glück". Der Ort der Glückssuche, erklärte Schulze, ist aber die ganze Lebenswelt, wohingegen der beliebte Slogan "Wohnträume werden wahr" in der einschlägigen Werbung nur die Höhle meint, mit dem Gegenbild von Stress und Hektik da draußen. Merkwürdig, dass diese Ideologie des Cocooning in der Wirklichkeit der übernutzten Bürgersteige so wenig Entsprechung findet: Wie der öffentliche Raum in den letzten Jahren geradezu boomt, zeigt ja allein der Blick auf die Public Viewings der Fußball-EM. Und dennoch führt die Allmende, wie Schulze den öffentlichen Raum idealistisch nannte, im Gegensatz zum Privaten ein Schattendasein, wenn es um die Verantwortung für ihn gehe.

Von hier aus zweigen viele Fragen der Baukultur ab: Wie das Private ins Öffentliche weiten und gleichzeitig die nötige Distanz wahren? Wer in einem gut durchmischten alten Stadtteil aus der Haustür mitten ins Geschehen fällt, hat dieses Problem nicht. Architekten, die neue Wohngebiete bauen, haben es sehr wohl, 1000 Beispiele missratener Freiflächen, vom Abstandsgrün bis zum betonüberhangenen Hauseingang, zeugen davon. Nicht dass es an guten Lösungen fehlte, das bewiesen die Thesen und Beispiele des leider verhinderten Schweizer Architekten Jacques Blumer, dem es darum geht, den Außenraum als soziale Bühne herstellen, was er im Gemeinwesen ja immer auch war.

Wie organisiert man Gemeinschaft? Wo ist die Grenze zur Zwangsbeglückung? Warum pflanzen die Leute die schönen Glaswände zu, aus denen sie rausgucken, die sie mit der Welt verbinden sollten? Was tun gegen Verwahrlosung? Alles Fragen, die, seit Architekten in den Siedlungen der 20er-Jahre das Gemeinschaftliche in Architektur ausdrücken wollten, nicht verstummt sind. Sie klingen immer gleich, aber bei jedem Durchlauf des Themas schwingt etwas Neues mit , denn jedesmal hat sich die Welt weitergedreht, haben sich die gesellschaftlichen Bedingungen geändert.

So hätte eigentlich zur Sprache kommen müssen, wie anders heute das Wohnen selbst gestaltet werden müsste: für Patchwork-Familien, Teilzeit-Bewohner, Jobnomaden. Wie sich neue Lebensformen in den letzten 30 Jahren ihren Weg suchten, in Baugruppen, Mehrgenerationenhäusern, Alten-WGs. Und wie viel Architektur-Erfahrung diese Projekte schon abgeworfen haben.

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