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StartseiteBüchermarktProduktivkraft Kommunikation18.06.2004

Produktivkraft Kommunikation

Jürgen Habermas zum 75. Geburtstag

Man könnte meinen, dass die terroristischen Anschläge der radikal-islamistischen Internationale die wohlfeilen Theorien der Aufklärung zusehends erschüttern. Doch gerade unter dem Eindruck der verheerenden Attacken in New York haben ausgerechnet Jürgen Habermas und Jacques Derrida ihr Bekenntnis zu einer bedingungslosen Aufklärung bekräftigt. Unisono fordern beide eine Weiterentwicklung von Demokratie, Säkularisierung, Menschenrechten, Internationalem Recht und transnationalen Institutionen. Dabei hätte Jürgen Habermas, der am 18. Juni seinen 75. Geburtstag feiert, allen Grund, desillusioniert sein jahrzehntelanges Schaffen zu betrachten:

Von Klaus Englert

Jürgen Habermas (AFP)
Jürgen Habermas (AFP)

Ich gehöre zu den Leuten, die mit den Theorien der Aufklärung sympathisieren, für die Gewalt etwas theoretisch Uninteressantes ist. Offene Gewalt kann man als Folge zerstörter Kommunikationsverhältnisse anschauen: In dem Augenblick, wo eine normale Interaktion, in der man den anderen als eine zweite Person ansehen muß, und gewissermaßen damit als eine andere Person anerkannt hat, und diese Prozesse nicht mehr funktionieren, bleibt gar nichts mehr anderes übrig, als aufeinander einzuhauen. Das sind alles manifeste Gewaltphänomene, die eine Folgeerscheinung sind. Die muss man zurückverfolgen. Was ist schief gelaufen seit der Auflösung des Osmanischen Reichs? Bei aller moralischen Empörung, das ist keine Entschuldigung, Verstehen heißt nicht Verzeihen. Aber ohne Verstehen weiß man nicht, was man falsch gemacht hat und was man besser machen muss.

In den Zeiten eskalierender Gewaltprozesse zieht sich Jürgen Habermas auf seine aufklärerische Position zurück. Und die besagt: Solange man noch die Ursprünge der Gewalt verstehen will, besteht zumindest die Chance, die gerissenen Fäden des Kommunikationsprozesses wieder zusammenzufügen. Habermas hält also unbeirrt an seinem "hermeneutischen Verstehensmodell" fest. An der "Produktivkraft Kommunikation", wie er 1990 schrieb. Doch er fragt auch nach den Gründen der Gewaltexzesse, ebenso nach den Auswegen aus den Konflikten. Etwa in einem Gespräch mit der italienischen Philosophin Giovanna Borradori, abgeduckt in Philosophie in Zeiten des Terrors und Der gespaltene Westen. Der entgrenzte Kapitalismus – so Habermas in dem erwähnten Interview - müsse politisch gezähmt werden, um die "disparitäre Entwicklungsdynamik der Weltwirtschaft in ihren destruktivsten Folgen" wenigstens auszubalancieren. Auch in dieser Kritik versteht sich Habermas ganz als Kommunikationstheoretiker:

Die Spirale der Gewalt beginnt mit einer Spirale der gestörten Kommunikation, die über die Spirale des unbeherrschten reziproken Mißtrauens zum Abbruch der Kommunikation führt. Wenn aber Gewalt mit Kommunikationsstörungen anfängt, kann man wissen, was schief gegangen ist und was repariert werden muß, nachdem sie ausgebrochen ist.

Die Frage bleibt allerdings: Ist die - von Habermas verteidigte - "unverzerrte, auch von latenten Machtbeziehungen freie Kommunikationssituation" nicht doch reines Wunschdenken? Macht die tiefe Spaltung zwischen Okzident und Orient, zwischen säkularisiertem Westen und islamischem Osten deren Annahme nicht zunichte? Und wie kann Habermas überhaupt wissen, ob sich islamische Fundamentalisten jemals mit westlichen Demokraten an einen Tisch setzen wollen, um – wie er selber sagt – "einen gemeinsamen Deutungshorizont" zu erreichen? Momentan sieht es jedenfalls so aus, als ob den Islamisten dieser "gemeinsame Deutungshorizont" herzlich gleichgültig ist. Und das westliche Projekt der Aufklärung erscheint ihnen sowieso als Teufelswerk. Also doch ein "clash of civilizations"? Unbeirrt hält Habermas an seinem Kommunikationsmodell fest:

Ich finde, dass man sich überhaupt nur mit Argumenten streiten kann, und versuchen kann, sich wechselseitig zu überzeugen. Eine Gesellschaftstheorie, die so in Kommunikationsverhältnissen ansetzt, behauptet ja nicht empirisch ‚Es geht friedlich zu in der Welt‘. Eine der impliziten Behauptungen ist nur, dass die friedliche Kommunikation in unserer normalen Lebenswelt ernstlich Schaden nehmen würde, wenn ein gewisses Maß an Hintergrundeinverständnis, an gegenseitigem Vertrauen und der Fähigkeit, sich mit Worten, statt mit Waffen auseinanderzusetzen, schrumpft und immer weiter schrumpft.

Jürgen Habermas ist sich selbstverständlich darüber im Klaren, dass die islamischen und westlichen Teilnehmer eines solchen Gesprächs völlig verschiedene kulturelle Voraussetzungen mitbringen. Der Mohammedaner lebt in einer vorsäkularen Kultur, die mit religiösen Geboten durchsetzt ist. In ihr bilden Politik und Religion ein unentwirrbares Gemisch. Anders der westliche Gesprächspartner: Er weiß, dass es seit der Aufklärung kein religiös verbindliches Weltbild mehr gibt. Ihm ist klar, dass unsere moderne säkulare Gesellschaft keinen Platz für den christlichen Gott bereithält, der unserem Leben Sinn und Halt verleiht. Er folgert daraus: Wir selbst müssen die Perspektive des fehlenden Gottes einnehmen - müssen die normativen Orientierungen aus uns selber schöpfen. In diesem fiktiven Dialog schlägt sich Habermas uneingestanden auf die Seite des westlichen Gesprächspartners. Denn nur bei ihm sieht er das Grunderfordernis der Kommunikation eingelöst:

Wir müssen uns doch fragen, welches Milieu ist denn nötig, damit überhaupt terroristische Potentiale entstehen. So wenig man mit den Terroristen reden kann, so wichtig ist es, sich über dieses Milieu klarzuwerden. Sind da nicht doch Dispositionen, entweder die eine oder die andere Interpretation über uns zu stülpen – nämlich entweder uns als Kreuzritter einer konkurrierenden Glaubensmacht zu sehen oder als Manager einer vollkommen banalisierten Coca-Cola-Kultur.

Seit seiner Jugend zeigte sich Jürgen Habermas fasziniert von der aufklärerischen Funktion des Denkens. Als 16-jähriger begrüßte er 1945 das "reeducation"-Programm der amerikanischen Besatzungstruppen. Und 1996 – in seinem Buch Die Einbeziehung des Anderen – bezog er sich ausdrücklich auf die amerikanischen und französischen Menschenrechtserklärungen von 1776 und 1789. Schließlich, in seiner letzten Publikation Der gespaltene Westen fügt Habermas die amerikanische Völkerbundkonzeption hinzu, in der er das Erbe von Kants Weltfriedensprogramm erkennt. Dieses rechtsphilosophische Interesse ist bei Habermas nicht zufällig. Denn seit seiner Habilitation Strukturwandel und Öffentlichkeit, die er bei dem Marburger Politologen Wolfgang Abendroth abgelegt hatte, wurde Habermas auf ein Desiderat der marxistischen Theorie aufmerksam:

Ich hatte immer das Gefühl, dass eine adäquate marxistische Theorie der Demokratie fehlte.

Habermas‘ Denken kreist immer wieder um die Begriffe Recht und demokratischer Staat, wenn er versucht, das "Projekt der Moderne" im Sinne von Kants Aufklärung fortzuschreiben. Deswegen auch sein Versuch, die kommunikative Vernunft gegen alle Formen des Irrationalismus zu verteidigen. Darauf geht Rolf Wiggershaus in seiner Rowohlt-Monographie über Habermas ein. So etwa auf seine ambivalente Stellung während den Studentenunruhen: Denn einerseits - als Nachfolger Max Horkheimers - galt Habermas als Statthalter der Kritischen Theorie, andererseits war er einer der schärfsten Kritiker der revoltierenden Studenten um Rudi Dutschke, denen er "voluntaristische Ideologie" und "linken Faschismus" vorwarf. Habermas setzte sich vollends zwischen alle Stühle, als er seinen Lehrern Adorno und Horkheimer in einer Vorlesung von 1984 attestierte, ihre Dialektik der Aufklärung verrate eine "hemmungslose Vernunftsskepsis" 1986 legte sich Habermas im sogenannten "Historikerstreit" mit Ernst Nolte an, weil dieser in einem FAZ-Artikel die Meinung vertrat, Auschwitz müsse doch wohl als Reaktion des Archipel GULAG gedacht werden.

Schließlich, gegen alle politische Spielarten des Irrationalismus, machte sich Habermas immer wieder für die rechtlichen Grundlagen demokratischer Selbstbestimmung stark. In den gerade erschienenen Büchern Der gespaltene Westen sowie Wahrheit und Rechtfertigung reaktiviert er sogar Kants Idee der "weltbürgerlichen Verfassung", um sich vehement für übernationale Institutionen wie Europäische Union, UNO und Internationaler Strafgerichtshof einzusetzen:

Die Idee des weltbürgerlichen Zustandes überträgt die Positivierung der Bürger- und Menschenrechte auf die internationale Ebene. Der innovative Kern dieser Idee liegt in der Konsequenz der Umformung des internationalen Rechts, als eines Rechts der Staaten, in ein Weltbürgerrecht als ein Recht von Individuen.

Jürgen Habermas, der in den letzten Jahren mit internationalen Preisen überhäuft wurde, erhielt im Oktober 2001 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In seiner Dankesrede warnte er – mit Blick auf die terroristischen Attentate - davor, "das Projekt der Moderne verloren zu geben." Nach seiner Rede kam er auf die Stellung der Religion in den säkularisierten, demokratischen Gesellschaften zu sprechen:

Die Spannung zwischen Religion und säkularer Gesellschaft besteht auch bei uns fort. Und es scheint mir wichtig zu sein, klarzumachen, dass dieser Säkularisierungsprozess zwei Seiten hat: Die eine Seite ist selbstverständlich ein Reflexionsansinnen an die religiöse Seite, sich auf ihre Stellung in der säkularen Gesellschaft in Hinblick auf Wissenschaft, Staat, aber auch konkurrierende Religionsgemeinschaften klarzuwerden. Das ist die eine Seite. Aber die andere Seite des Säkularisierungsprozesses ist, dass der auch bei uns entgleisen kann. Ich meine, wir sind in der glücklichen Lage, die Trennung von Staat und Kirche, die eben in der islamischen Welt weitgehend fehlt, erreicht zu haben. Aber auf diesem Kissen sollte man sich nicht ausruhen. Ich denke, dass unsere Gesellschaft drauf und dran ist, moralische Grundeinstellungen zu verspielen.

In seiner Frankfurter Paulskirchen-Rede machte Jürgen Habermas deutlich, was möglicherweise den Konflikt der Kulturen und Religionen entkrampfen könnte:

Moralische Empfindungen, die bisher nur in religiöser Sprache einen hinreichend differenzierten Ausdruck besitzen, können allgemeine Resonanz finden, sobald sich für ein fast Vergessenes, aber implizit Vermißtes eine rettende Formulierung einstellt. Eine Säkularisierung, die nicht vernichtet, vollzieht sich im Modus der Übersetzung. Das ist es, was der Westen als die weltweit säkularisierte Macht aus seiner eigenen Geschichte lernen kann.

Jürgen Habermas
Der Gespaltene Westen. Kleine politische Schriften X
Suhrkamp, 194 S., EUR 10.

Ders.
Wahrheit und Rechtfertigung. Philosophische Aufsätze
Suhrkamp, 363 S., 13€.

Rolf Wiggershaus
Jürgen Habermas
Rowohlt, 155S., EUR 8,50

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