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StartseiteForschung aktuellBetrügerischen Wissenschaftlern auf der Spur03.08.2017

ProfilingBetrügerischen Wissenschaftlern auf der Spur

Auch Wissenschaftler sind nur Menschen und werden mitunter dazu verlockt, ihre Ergebnisse zu beschönigen oder sogar zu fälschen. Aber was bringt sie dazu? Um herauszufinden, welche Umstände "wissenschaftliches Fehlverhalten" begünstigen, haben Forscher aus Stanford eine Art Profiling durchgeführt.

Von Anneke Meyer

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Steriler Handschuh mit Bakterien in einer Petrischale (imago / Ikon images)
Digital manipuliertes Bild eines sterilen Handschuhs mit Bakterien in einer Petrischale: "Zum Hobby gemacht, Veröffentlichungen auf Bildmanipulationen zu prüfen." (imago / Ikon images)
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Sie galten als brillante Forscher und waren allesamt Betrüger: Hwang Woo-suk, der Veterinärmediziner, der zugeben musste, dass es die geklonten humanen Stammzellen, für die er gefeiert worden war, niemals gab. Diederik Stapel, der Sozialpsychologe, der einen Großteil seiner berühmten Studien frei erfunden hatte. Paolo Macchiarini, der vermeintliche Starmediziner, der seine Patienten durch den Einsatz künstlicher Luftröhren zu Tode operierte.

Es sind solche aufsehenerregenden Fälle, aus denen sich das Stereotyp vom Wissenschaftsbetrüger ergibt: Er ist männlich, von der Fachwelt anerkannt und steht unter dem Druck an frühere Erfolge anzuknüpfen. Ein Klischee, das sich bei genauer Prüfung als falsch herausstellt:

"Wir haben beobachtet, dass erfolgreiche Wissenschaftler – also solche, die viel und in einflussreichen Fachzeitschriften veröffentlichen – seltener zu wissenschaftlichem Fehlverhalten neigen."

Prüfung von Bildmanipulationen asls Hobby

Daniele Fanelli gehört mit zu den Ersten, die wissenschaftliches Fehlverhalten systematisch untersuchen. Forschung, die unter dem gleichen Problem leidet wie eine amtliche Kriminalstatistik: Erfasst wird nur, wer erwischt wird. Wer fälscht seine Daten unter welchen Bedingungen? Gibt es den typischen Wissenschaftsbetrüger überhaupt? Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten.

Dass Danielle Fanelli und seine Kollegen in ihrer neuesten Studie auch Aspekte erfassen, die bislang im Dunkeln blieben, verdanken sie der ungewöhnlichen Leidenschaft einer der Co-Autorinnen:

"Aus Gründen, die nur sie selber so richtig versteht, hat sie es sich zum Hobby gemacht, Veröffentlichungen auf Bildmanipulationen zu prüfen. Innerhalb von drei Jahren hat sie in über 22.000 Artikeln Abbildungen von Zellen und Westernblots untersucht – das ist ihr Spezialgebiet."

263 Studien mit manipulierten Bildern

Rund 8.000 dieser Artikel dienten den Forschern als Grundlage für eine Art Profiling. Alle Veröffentlichungen waren in einem Zeitraum von zwei Jahren in dem Fachjournal PLOS ONE erschienen. Vier Prozent davon hatten fehlerhafte Abbildungen. 263 Studien, also insgesamt gut drei Prozent, enthielten Bilder, die aktiv manipuliert worden waren.

Ein Hinweis darauf, dass sie nicht unabsichtlich vertauscht, sondern Daten bewusst gefälscht waren. Um herauszufinden, ob die Autoren von Artikeln mit manipulierten Abbildungen bestimmte Merkmale teilen, verglichen die Wissenschaftler ihre Profile mit denen von Autoren der fehlerfreien Veröffentlichungen.

"Wissenschaftler, die erst seit einer kurzen Zeit publizieren und damit wahrscheinlich am Anfang ihrer Karriere stehen, scheinen am stärksten gefährdet, Daten zu manipulieren. Wir haben auch Männer und Frauen verglichen und ich denke wir können beruhigt sein: Wenn es um Betrug geht, sind wir alle gleich."

Gleichheit der Geschlechter, nicht aber der Nationen. Wie wahrscheinlich ein Forscher seine Daten manipuliert, hängt auch damit zusammen in welchem Land er arbeitet.

"Das ist ein heikler Befund, der sehr vorsichtig interpretiert werden sollte. Aber tatsächlich scheint es, als wäre die Hemmschwelle für wissenschaftliches Fehlverhalten in aufstrebenden Nationen wie zum Beispiel China und Indien niedriger."

Nichts bekannt über die Motive

Keine Folge der Nationalität per se, aber möglicherweise der herrschenden Wissenschaftskultur in einem Land. Länder mit einem stark hierarchisch geprägten Hochschulsystem schnitten im Mittel schlechter auf der Ehrlichkeitsskala ab, als solche mit flachen Hierarchien und einer ausgeprägten Kultur der offenen Kritik. Darüber hinaus arbeiteten Datenfälscher öfter in Ländern ohne offizielle Regeln zur guten wissenschaftlichen Praxis. Die Zusammenarbeit mit mehreren Co-Autoren scheint dagegen vor Schummelei zu schützen. Über die Beweggründe einzelner Betrüger sage all das aber wenig aus, räumt Daniele Fanelli ein.

"Wenn man so will, haben wir eine Art Profil unredlicher Wissenschaftler erstellt. Aber das sagt nichts über ihre Motive."

Ein Fazit zu ziehen, traut der Wissenschaftler sich trotzdem: Anerkannte Regeln zur guten wissenschaftlichen Praxis und eine Kultur der kritischen Zusammenarbeit sind gute Garanten für belastbare Forschungsergebnisse.

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