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StartseiteTag für TagZerstörte Kulturstätten demonstrieren IS-Macht30.06.2015

Profit und PropagandaZerstörte Kulturstätten demonstrieren IS-Macht

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" macht immer wieder durch spektakuläre Sprengungen von Kulturdenkmälern auf sich aufmerksam. Mit Bulldozern werden antike Statuen im Irak oder in Syrien niedergerissen, Bauwerke von unschätzbarem Wert gesprengt. Ganze UNESCO-Welterbe-Stätten fallen der Zerstörungswut des Islamischen Staats zum Opfer. Was steckt dahinter?

Von Carsten Dippel

Rauch steigt aus der syrischen Stadt Kobane auf, die am 25.6.15 wieder umkämpft ist. (AFP)
Gerade die religiösen Stätten werden, wenn sie nicht in das Weltbild passen, komplett zerstört (AFP)
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Mit jeder neuen Eroberung der radikalislamischen Terrormiliz droht ein weiteres Kulturdenkmal aus dem Gedächtnis der Welt zu verschwinden. Das eigentliche Ausmaß der Zerstörung ist jedoch im Schatten von Palmyra, Ninive oder Nimrod zu beobachten, nur wird es von der Weltöffentlichkeit weit weniger wahrgenommen, sagt Margarete van Ess. Sie ist im Deutschen Archäologischen Instituts die wissenschaftliche Direktorin der Orientabteilung.

"Es werden Kulturgüter zerstört, die Andersdenkenden lieb und teuer sind und das sind zunächst mal die religiösen Bauwerke der lokalen Bevölkerung, das heißt, Moscheen leicht andersdenkender Bevölkerungsgruppen, das sind Kirchen, das sind Grabmäler aus dem Mittelalter und der Neuzeit, das sind dann aber auch archäologische Stätten und Museen, an denen die Weltöffentlichkeit hängt."

Politik der Zerstörung

Der Islamische Staat greift kulturelle Zeugnisse jedweder Couleur an. Es geht darum, aus einer ethnisch wie religiös vielschichtigen Gesellschaft einen homogenen Volkskörper nach extremer Auslegung des Islams zu formen: Eine Politik der Zerstörung, die sich gegen alles richtet, was nicht in das eigene Weltbild passt. Der Vernichtungseifer trifft die kulturelle und religiöse Identität der multi-ethnischen Gesellschaft des Iraks und Syriens ins Mark.

"Gerade die religiösen Stätten werden, wenn sie nicht in das Weltbild passen, komplett zerstört. Moscheen werden gesprengt, Grabmäler werden gesprengt, mit Bulldozern zusammengefahren, die werden komplett zerstört. Wenn ich das recht sehe, ist im Irak inzwischen keines der religiös wichtigen Bauwerke noch vorhanden im IS-Gebiet, das von irgendeiner größeren kulturellen Bedeutung ist. Das ist alles zerstört worden."

Margarete van Ess, die die Außenstelle Bagdad des Deutschen Archäologischen Instituts leitet, kennt den Irak durch ihre Forschungsarbeit als Archäologin gut. Erst vor Kurzem ist sie trotz der gefährlichen Lage ins Kurdengebiet im Nordirak gereist.

"Da wird im Moment viel Erde umgewühlt, nach Objekten die man verkaufen kann. Dadurch entstehen im Moment weit größere Zerstörungen, als durch das, was uns medienwirksam vorgeführt wird. Man nutzt das ganz gezielt, um Geld zu machen. Die archäologischen Stätten sind dann auch beseitigt, weil sie kaputt sind, aber man versucht immer noch, den größtmöglichen Profit daraus zu ziehen."

Instabilität lässt Verbrechen blühen

Viele Raubgrabungen, so beobachten die Experten, führt der IS nicht selbst durch, sondern erteilt an ausgewählte Personen quasi die Erlaubnis.

"Die jetzige Instabilität in der Region bedeutet, dass das Verbrechen blüht, einfach weil es keine Staatlichkeit mehr gibt und diese Raubgräber müssen dann einen gewissen Prozentsatz aus den Einnahmen ihres Handels abtreten an ISIS. So funktioniert das derzeit."

Auf den ersten Blick scheint der religiöse Eifer wenig zum knallharten Geschäft mit Raubgut zu passen. Blinde Zerstörungswut auf der einen, die Finanzierung und Etablierung der eigenen Macht auf der anderen Seite. Eine krude Mischung aus Propaganda und Geschäft. Margarete van Ess, die renommierte Archäologin, zur Frage, ob Religion letztlich doch nur instrumentalisiert werde?

"Es ist sicher beides. Man muss ja sehen, dass das Gedankengut von ISIS aus dem Salafismus kommt, und diese religiöse Ausrichtung verbietet es, an bestimmten Stätten zu gedenken, die vielleicht in irgendeiner Form an etwas erinnern könnten, was nicht der reinen islamischen Denkweise entspricht. Also, es ist zunächst einmal ursprünglich eine religiöse Ausrichtung gewesen, die dazu geführt hat, dass zerstört worden ist. Das wird jetzt aufgegriffen, umgebaut in neues Gedankengut und dann verknüpft mit dem, was sich in den letzten 100, 150 Jahren weltweit als Kulturbegriff etabliert hat. Und dagegen geht man vor. Das ist auf der einen Seite natürlich ein religiöser Anspruch und auf der anderen Seite geht es aber so weit, dass es nicht mit dem Islam vereinbar ist."

IS demonstriert seine Macht

Die Zerstörung kultureller Zeugnisse, nicht zuletzt aus religiöser Motivation, hat es zu allen Zeiten gegeben. Eine völlig neue Qualität sind jedoch die medialen Möglichkeiten, mit denen die Anhänger des Islamischen Staats ihr Zerstörungswerk propagandistisch ausschlachten können.

"Soweit wir das erkennen können, würde es im Moment schon eine Gefahr bedeuten, Regionen oder Stätten zu benennen, die kulturhistorisch wertvoll erscheinen. Wir würden davon ausgehen, dass die dann demnächst zerstört würden. Es gibt bestimmte Dinge, wie zum Beispiel UNESCO-Weltkulturerbestätten, da kann man damit rechnen, dass die Weltöffentlichkeit sofort entsetzt reagiert. Diese Stätten werden offensichtlich gerade gezielt ausgewählt, um zu schockieren. Das heißt, das Ganze ist ein Propagandaakt und nicht unbedingt eine tatsächlich religiös ernst zu nehmende Zerstörung."

In jedem Fall demonstriert der IS damit seine Macht. Was zum einen neue Jünger anlockt, schüchtert auf der anderen Seite ein. Deshalb nimmt der IS gerade jene religiösen Zeugnisse ins Visier, die tief im Bewusstsein bei den Menschen einer Region verwurzelt sind. Es droht, das kulturelle Gedächtnis ganzer Landstriche ausgelöscht zu werden. Margarete van Ess:

"Wenn die Bevölkerung es nicht schafft, sich dagegen aufzulehnen, dann bedeutet das tatsächlich erst einmal kulturelle Tabula rasa, da wird quasi nichts übrig bleiben. Für mich ist das tatsächlich etwas, was wir hier landläufig unter dem Mongolensturm verstehen, ja ich weiß es nicht, was dann übrig bleiben wird. Also für mich ist das ein extrem nihilistischer Ansatz und ich kann nur sagen, ich verstehe nicht, wie man so leben kann, wie man so leben will und ich glaube auch nicht, dass es funktionieren wird."

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