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Projekt Europa - Ende offen

Andreas Wirsching: "Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit", C.H. Beck

Von Niels Beintker

Europa 20 Jahre nach Maastricht - irgendwo zwischen Zusammenwachsen und Krise.
Europa 20 Jahre nach Maastricht - irgendwo zwischen Zusammenwachsen und Krise. (picture alliance / dpa - Roland Scheidemann)

Europa ist politisch und wirtschaftlich so eng verflochten wie nie zuvor. Noch vor 20 Jahren ein undenkbares Szenario, zeigt Andreas Wirsching in seiner Geschichte Europas seit 1989. Sein gespaltenes Fazit: Der Kontinent befinde sich im Spannungsfeld von Annäherung und Krise.

Das Ende der Geschichte ist noch offen. Die weitere Zukunft der Europäischen Union ist fundamental abhängig vom Vermögen der politischen Eliten, die gegenwärtige Finanz- und Schuldenkrise nachhaltig zu überwinden. Und das ist durchaus möglich, sagt Andreas Wirsching. Obgleich der Zeithistoriker betont, er sei kein Ökonom, glaubt er, das politisch geeinte Europa könne diese existentielle Bewährungsprobe bestehen – auch wenn eine spürbare Rückkehr nationaler Stereotype Anlass zur Sorge bereitet. Der Blick auf die Geschichte Europas in den vergangenen zwei Jahrzehnten stimmt Wirsching, wenn auch verhalten, optimistisch. Die politische Gemeinschaft war seit 1989 mit einer Vielzahl von Krisen konfrontiert und hat diese bislang alle bewältigen können.

"Der Vertrag von Maastricht, der ja nun ein dezidiert westeuropäisches Projekt gewesen ist, wurde unterzeichnet kurz nach dem Sturz des Kommunismus – so dass, kaum hatte man eine Europäische Union auf den Weg gebracht, die nächste Herausforderung da stand. Wenn man das zusammen nimmt, das ständige Krisenmanagement, die Pragmatik der konkreten Herausforderungen in Europa und die Versuche der Europäer, hierauf zu reagieren, dann ist die Bilanz ganz interessant. Sie ist jedenfalls nicht zu werten im Sinne von Fortschritt oder Krise. Sondern sie ist beides zugleich. Beides bedingt einander."

Andreas Wirsching, Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, deutet die Krisenerscheinungen in der jüngsten Geschichte Europas als ein Resultat der Konvergenz oder Verflechtung der Länder auf dem Kontinent. Sein Buch beschreibt den Prozess der politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Annäherung seit der welthistorischen Zäsur von 1989. Es dokumentiert die sozialen Entwicklungen im zusammenwachsenden Europa, resümiert die Diskussionen um eine europäische Identität und die Spannungen beim Zusammenwachsen einzelner Nationalstaaten zu einer supranationalen Gemeinschaft.

Da ist etwa die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, nach den Bestimmungen des Maastrichter Vertrages eine der grundlegenden Säulen der politischen Gemeinschaft. Große Konflikte wie der Streit um eine Beteiligung am Irakkrieg von 2003 oder die Frage nach der Unterstützung der libyschen Freiheitsbewegung im letzten Jahr zeigen: Das geeinte Europa, so Andreas Wirsching, ist in diesem Fall weit von seinem Ziel entfernt.

"Trotzdem würde ich sagen unterhalb dieser Schwelle im niedrig schwelligeren Bereich gibt es Fortschritte, auch da gibt es eine leichte Form des Zusammenwachsens insofern, als eben schon gemeinsame Aktivitäten, gemeinsame Maßnahmen der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik ansteigen. Es gibt weltweit immer häufiger die Situation, dass europäische Truppen stationiert werden, dass man sich dazu bereit findet, diese Truppen aufzustellen, zu finanzieren und als europäische Truppen zu stationieren."

Ein anderes Beispiel wäre der lange und schwierige Weg zur Integration nach innen, zu einer wirklichen politischen Union. Das Nein von Franzosen und Niederländern bei den Volksabstimmungen über eine europäische Verfassung im Jahr 2005 ist noch immer präsent – und die diesen Misstrauensvoten folgenden öffentlichen Klagen über eine tiefe Krise Europas. Die Kehrseite allerdings – jene Konvergenz, von der Andreas Wirsching spricht – stellt sich trotzdem als eine Erfolgsgeschichte dar: Europa ist ungeachtet der noch keineswegs endgültig vollzogenen Einigung längst zusammen gewachsen, in politischer, wirtschaftlicher und auch in rechtlicher Hinsicht.

"Und dann kommt vielleicht das Wichtigste sogar: Europa wächst von unten zusammen. Europa ist ein Raum von annähernd 500 Millionen Einwohnern – wenn man die Europäische Union nimmt –, den sich die Europäer gewissermaßen auch erschließen. Das ist ein Innenraum geworden, der größtenteils ja ohne Grenzkontrollen passierbar ist und durchreisbar ist, der nun in der Tat schon ein im hohen Maße ein zusammengewachsener Raum geworden ist für die Europäer."

Der thematische Bogen im Buch von Andreas Wirsching ist groß. Seine Geschichte des geeinten Europas ist vor allem eine politische Analyse, ausgehend von großen Zäsuren wie etwa den Revolutionen in Ost- und Mitteleuropa, den jugoslawischen Bürgerkriegen oder der mit Hilfe der NATO ermöglichten Beilegung des Kosovo-Konfliktes – eine nach wie vor prekäre Befriedung, wie Wirsching urteilt.

Gleichwohl beschreibt der Historiker auch andere Dimensionen der Geschichte Europas, zum Beispiel die erheblichen sozialen Verschiebungen oder den Wandel von Lebensformen im Zeitalter der Globalisierung. Die verschiedenen Diskurse über den Islam in Europa nimmt Andreas Wirsching zum Anlass, um über die generellen Vorbehalte gegenüber religiösen Traditionen in einer immer mehr säkularen Lebenswelt nachzudenken. Den Islam selbst beschreibt er als europäische Realität.

"Was ich ziemlich fatal finde, ist, dass bei etwa 16 Millionen Muslims, die in der Europäischen Union leben, so getan wird, als würde praktisch hier noch irgendeine Wahl bestehen zwischen einem Europa ohne Islam und einem Europa mit Islam. Sie müssen von den Realitäten ausgehen. Und das ist nun auch nicht so etwas außergewöhnliches. Europa hat sich immer durch Migration, durch Austausch mit anderen Kulturen auch immer wieder neu konstituiert, geradezu neu erfunden, so dass man das auch zunächst einmal entdramatisieren muss. Das setzt allerdings voraus, dass das aufgeklärt-individualistische Wertesystem, für das Europa steht, dass das nun auch wirklich verteidigt wird."

Mit Blick auf die noch ungelöste Finanz- und Wirtschaftskrise kann eine Bilanz der jüngsten Geschichte Europas nur vorläufig sein – und Andreas Wirsching ist, zumal als Historiker, auf angenehme Weise zurückhaltend mit allzu großen Zukunftsprognosen. Diese strukturelle Voraussetzung schmälert den Ertrag seiner Analysen aber keineswegs. Diese Darstellung der europäischen Geschichte in den letzten 20 Jahren ist ein kluger und überzeugender historischer Kommentar – ein Buch, das mit seinem großen Überblick, einer besonnenen, unpathetischen Argumentation und gestützt auf einen breiten Materialfundus unter den vielen anderen Studien zum Thema herausragt. Politisch interessierte Beobachter werden – als Miterlebende – viele Facetten und Wegmarken dieser hoch komplexen Epoche kennen. Trotzdem können sie Andreas Wirschings "Geschichte Europas in unserer Zeit" mit Gewinn lesen.

Andreas Wirsching: "Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit"
C.H. Beck, 487 Seiten, 26,95 Euro
ISBN 978-3-406-63252-5

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