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Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteBüchermarktProsafragment des Dichters Adolf Endler18.09.2008

Prosafragment des Dichters Adolf Endler

Adolf Endler: Nächtlicher Besucher, in seine Schranken gewiesen. Eine Fortsetzungs-Züchtigung, Wallstein Verlag 2008

"Vaterfigur für das Künstlerbiotop am Prenzlauer Berg", "großer alter DDR-Eulenspiegel", aber auch "kauzig-sarkastischer Nachwendeschalk" - das sind nur einige der Epitheta, die der Dichter Adolf Endler auf sich vereinigt. Von den offiziellen Literaturinstanzen totgeschwiegen und schikaniert, veröffentlichte der 1930 geborene Poet ein wenig im Osten, ein wenig im Westen, vor allem aber in den Samisdat-Pressen des DDR-Untergrunds. Ein neuer Text ist nun in der Reihe "Göttinger Sudelblätter" des Wallstein Verlages erschienen.

Vorgestellt von Dorothea Dieckmann

Berlin, Prenzlauer Berg (Deutschlandradio)
Berlin, Prenzlauer Berg (Deutschlandradio)

78 Jahre alt ist er mittlerweile, der wilde Dichter Adolf Endler alias Bobbi Bergermann alias Bubi Blazezak alias Eddy Endler und was der selbstgewählten Pseudonyme noch sind. Die zentralen Lebensdaten des notorischen Renegaten sind seine böhmisch-belgische Herkunft, die Übersiedlung des überzeugten Kommunisten in die DDR im Jahr 1955, der Ausschluss aus dem dortigen Schriftstellerverband im Jahr 1979 sowie, nicht zu vergessen, das Jahr 1989, das für die künstlerischen Aufrührer der DDR einen höchst ambivalenten Bruch bedeutete - in Endlers Begriffen: die Ersetzung der realsozialistischen Absurditätenshow durch das knallharte Geschäft der "westlichen Handelsleute." Seither wühlt Endler von Zeit zu Zeit neue alte Texte aus den Kartoffelsäcken, in denen sie überdauert haben. Was er diesmal zutage gefördert hat, trägt den obskurantischen Titel "Nächtlicher Besucher, in seine Schranken gewiesen - Eine Fortsetzungs-Züchtigung" und wird in einer Vorbemerkung des Verfassers folgendermaßen eingeordnet:

"Das Prosafragment (...), eigentlich eine wüste Schimpfkanonade, freilich nicht dem Publikum gewidmet, wurde irgendwann im Jahr 1980 in Ostberlin begonnen und irgendwann im Jahr 1985 mit einem "Finis" geschmückt. (...) Im Großen und Ganzen handelt es sich bei dieser sowohl polternden wie folternden Prosa um die hackmesserartige Abwehr damaliger Bemühungen, mich von meinem Weg als Kritiker und Satiriker abzubringen und am Ende wieder in den Schriftstellerverband zurückzulocken (...). Es war nichts anderes als die Aufforderung, Sarah Kirsch, Kurt Bartsch, Günter Kunert und auch den Bürgerrechtlern in den Rücken zu fallen."

Diese Einladung zum Verrat hat Adolf Endler zu einem Spott- und Rachemonolog inspiriert, der uns heute, zwanzig Jahre später, ein zur Kenntlichkeit verkehrtes Bild der DDR-Verhältnisse als Realgroteske liefert. Szenischer Kern ist das Auftauchen eines jungen Schleimers und Schnösels zu nachtschlafener Zeit im Domizil des würdevoll verwahrlosenden Poeten. Dieser rekapituliert die Vorwürfe des willfährigen Stasi-Erfüllungsgehilfen, nicht ohne ihm mit grimmiger Lust seine Folterwerkzeuge zu zeigen, etwa Wäscheklammern aus hochgiftiger Plaste, eine von der Großmutter geerbte Spritze zur Injektion von Zutaten in Marmorkuchen oder einen "ungewöhnlich stumpfen Hobel aus der Historischen Klappmesser-Manufaktur Ajaccio/Korsika". Damit nicht genug: Das Folterschemelchen, auf dem es sich der grüne Jüngling namens Arthur Socke unbequem macht, bietet grässliche Aussichten. Von der Decke tropft ihm eine gallig-klebrige, stinkende Flüssigkeit in den Nacken, durch einen Dielenspalt gewahrt er die "Lebensgemeinschaft Ulrike Lehmann / Bernt Kölz", die allen Errungenschaften und Herausforderungen des Sozialismus zum Trotz permanent Unzucht treibt, und eine Lücke in der Wand bietet den Anblick eines fanatisch über Druckwerke gebeugten Phantoms, in dem Endler die Inkarnation seiner geneigten Leserschaft erblickt. Doch noch während der Sitzung wird er selbst eines besseren belehrt, und er erkennt, weshalb es aus der Nebenwohnung stets mächtig und gesundheitsgefährdend zieht:

"Es war mir eigentlich von jeher nicht immer geheuer, mit welchem geradezu höllischen Eifer solche Leseratte, solcher Bücherwurm, solche Zeitschriftenwühlmaus sich in meine inhaltlich wie formal längst überholten Lokalspitzen aus den fünfziger und sechziger Jahren fraß (...) Ich versich're Sie, Arthur, der macht das extra (...)!; und lässt die zerrinnselnden Fensterscheiben trotz aller seiner Verbindungen und dunklen Kanäle nur aus Gehässigkeit nicht reparieren! (...) Weshalb wird das angeordnete systematische Tot-Schweigen eines Künstlers nicht als modifizierter MORD-VERSUCH gebrandmarkt und geahndet? -, HERABWÜRDIGUNGEN folgen einander so rasch und stets wachsend an Umfang und Giftigkeit, dass man sie kaum noch in den Herzkammern unterzubringen vermag! Wie sich entschädigen für das alles?"

Der treue nachbarliche Leser ist also ebenfalls nichts anders als ein treuer Spitzel, und die durchlöcherte "ständige Bleibe" des zum Äußersten gereizten Grantlers das tragikomische Herz der Finsternis in den kalten Zeiten institutionalisierter Verfolgung von Staatsfeinden. Entschädigen kann sich das renitente Opfer nur durch eine Hasssatire auf die Spitzel-Spezies, den "Clan von Unterhauptneben-Saboteuren der Weite und Vielfalt unserer Kunst und Literatur", und auf das Land selbst, dessen Zustand als massenwirksame Karnevalsveranstaltung charakterisiert wird. Kein Wunder, dass dabei die kulturelle Haupt- und Staatsautorität Johannes R. Becher mit dem Beinamen "Père Ubu" zum König der Absurdität gekrönt wird. Die Tirade kulminiert in der Schilderung, wie Endler von seinem verehrten Kollegen Günter Kunert quasi gesegnet wird - mittels einer beiläufigen Handauflegung, die ein Tattoo auf der Brust des Geehrten hinterlässt.

"Selbst bei höheren Opfern (...) würde ich es nie wieder hergeben mögen, dieses, wie ich es scherzhaft nenne, EXLIBRIS, auf meinen Brustkorb gezaubert von Günter Kunert, jenem sonst eher zu allerlei harmlos-spitzigen Schnurren aufgelegten strange man! Damals (...) begriff ich: Das sind die wahren Orden und Ehrenzeichen - neben Verwarnungen, Ausschlüssen, öffentlichen Anprangerungen, Boykotten u.ä. -, die uns verliehen werden in unserer Zeit!"

Die in grimmig verzweifelten Stunden fortgesetzte Schimpfkanonade endet mit einem für den heimgesuchten Dichter vernichtenden Finale. Ihre Lektüre läßt ahnen, dass sich das böse Vergnügen im mündlichen Vortrag noch wirkungsvoller entfalten würde. Man hört förmlich das Lachgebrüll des Insiderpublikums auf den konspirativen Wohnzimmerlesungen, mit dem sich jede Anspielung als Aha-Effekt entlädt. Selbst den westlichen Leser weht dabei ein Gefühl der Nostalgie an, wenn er an die Domestizierung des Prenzlauer Bergs zum teuren Bohème-Vorzeigeviertel denkt. Doch Adolf Endler selbst hat vor der Ostalgie gewarnt, der vor allem jene Ostedeutschen zum Opfer vielen, die sich den westlichen Versprechungen allzu leichtsinnig hingaben. Diese Unbeugsamkeit ist es, die Endler zu einer für Ost und West gleichermaßen widerständigen und glaubwürdigen Stimme macht.

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