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StartseiteInterview"Jeden Kauf von Sex verbieten"14.10.2014

Prostitution"Jeden Kauf von Sex verbieten"

In der Bundesregierung wird zur Zeit eine Bestrafung der Freier von Zwangsprostituierten diskutiert. Schwester Lea Ackermann von der Hilfsorganisation "Solwodi" begrüßt die Idee im Deutschlandfunk: "Es wäre ein kleiner Anfang, ein Signal." Aber sie formulierte auch noch drastischere Forderungen.

Lea Ackermann im Gespräch mit Christine Heuer

Lea Ackermann (dpa / picture-alliance / Erwin Elsner)
Lea Ackermann von der Organisation "Solwodi" fordert, dass die Frauen selbstbestimmt sind und wählen können. (dpa / picture-alliance / Erwin Elsner)
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Ackermann, die für Solwodi ("Solidarity with Women in Distress", zu deutsch: "Solidarität mit Frauen in Not") arbeitet, nannte die Bestrafung "das Mindeste, was man tun kann". Sie will noch schärfere Gesetze. "Wir gehen weiter, wie in Schweden soll jeder Kauf von Sex verboten werden."

Das ein Verbot das Problem nicht beseitige, wisse sie. "Wir verbieten ja auch den Diebstahl und wissen, dass geklaut wird. Frauen und Mädchen werden ausgebeutet, das ist ungeheuerlich. Frauen müssten auf die Barrikaden gehen, dass sie als Ware gehandelt werden." Besonders kritisierte sie sogenannte Flatrate-Bordelle: "8,90 Euro für eine Frau, ein Bier, ein Würstchen - können Sie sich was Schlimmeres vorstellen?"


Das Interview in voller Länge:

Christine Heuer: Strengere Regeln, aber kein Verbot der Prostitution - so will die Bundesregierung gegen die schlimmsten Aspekte des angeblich ältesten Gewerbes der Welt vorgehen. Ein neues Gesetz ist auf dem Weg. Union und SPD haben sich unter anderem, so ist zu hören, auf eine Erlaubnispflicht für Bordelle, stärkere Kontrollen und eine Meldepflicht für Prostituierte geeinigt, vor allem aber darauf, den Freiern von Zwangsprostituierten mit Strafe zu drohen.

Am Telefon ist Schwester Lea Ackermann, Vorsitzende und Gründerin von Solwodi. Das steht für „SOLidarity with Women in Distress", übersetzt „Solidarität mit Frauen in Not", eine Hilfsorganisation, die sich unter anderem um Zwangsprostituierte kümmert. Guten Morgen, Schwester Lea.

Lea Ackermann: Guten Morgen.

Heuer: Die Große Koalition will die Regeln für Prostitution verschärfen. Darüber reden wir gleich ausführlich. Als erstes aber möchte ich Sie fragen, was sich denn die Frauen von der Politik wünschen, mit denen Solwodi arbeitet. Was ist das dringendste Anliegen der Betroffenen, um die es geht in dieser Gesetzgebung?

Ackermann: Das dringendste Anliegen ist, dass die Frauen selbstbestimmt sind, dass sie wählen können und dass sie vielleicht in einem Beruf anders ihr Leben verdienen können.

Heuer: Also ein Ende der Zwangsprostitution?

Ackermann: Auf jeden Fall.

Heuer: Nun will ja die Große Koalition Freier von Zwangsprostituierten bestrafen. Das zeichnet sich ab, auch wenn man noch nicht weiß wie. Hören denn mit einer solchen Strafandrohung Frauenhandel und Zwangsprostitution auf?

Ackermann: Das ist das Mindeste, was man tun kann. Es ist doch ungeheuerlich, wenn die Frauen signalisieren, dass sie das nicht wollen, dass sie nicht freiwillig da sind, und die Freier gehen darüber hinweg, und manchen, denen ist das furchtbar egal, und für andere ist das genau der Kick. Unsere Forderungen gehen eigentlich weiter. So soll wie in Schweden und den nordischen Ländern jeder Kauf von Sex unter Strafe gestellt werden. Kein großes Strafmaß, sodass die Freier mal nachdenken, was sie da anrichten. Es werden junge Mädchen, Frauen, die hilflos sind, ausgebeutet in unserem Land. Das ist so ungeheuerlich, ich kann es Ihnen gar nicht sagen. Und ich kann nicht verstehen, dass nicht alle Frauen auf die Barrikaden gehen, dass sie als Ware gehandelt werden.

"Es wäre ein Signal"

Heuer: Bestraft werden soll aber nur, Schwester Lea, wer weiß, was er tut, wenn er zur Zwangsprostituierten geht. Ist es nicht furchtbar leicht, sich da herauszureden?

Ackermann: Natürlich! Natürlich ist es furchtbar leicht. Aber es wäre mal ein kleiner Anfang. Es wäre ein Signal. Sie müssen ja auch bedenken, dass Gesetze Signalwirkung haben. Wir verbieten ja auch den Diebstahl und wissen, dass trotzdem in großen Kaufhäusern geklaut wird.

Heuer: Also Symbolik. Nun glaubt die CDU, mit der Strafe für die Freier würden Männer abgeschreckt und der Markt würde so ausgetrocknet. Glauben sie das auch? Ist das nicht naiv?

Ackermann: Das ist ein Anfang in die richtige Richtung. Bisher hat man gar nichts gemacht. Und wenn Sie das sehen, das Elend, es ist ein größerer Sklavenmarkt als im 18. Jahrhundert. Es sind junge Mädchen, die zu uns kommen, aber auch ältere. Das ist egal. Wir haben ein junges Mädchen von 15 Jahren bekommen, die ist aus einem Kinderheim geholt worden und drei Jahre hier in Deutschland angeboten worden, auch in Flatrate-Bordellen. Das ist doch unglaublich, unmenschlich. Das sind wirklich große Straftaten!

Heuer: Menschenunwürdige Praktiken, Sie sprechen das gerade an, Flatrate-Sex zum Beispiel. Die will die Regierung auch verbieten.

Ackermann: Ja! Dass sie das nicht schon lang tut? Für 8,90 Euro eine Frau, ein Bier, ein Würstchen. Können Sie es sich noch schlimmer vorstellen?

Heuer: Nein, kann ich nicht. Ich finde das genauso schrecklich wie Sie. Aber die Frage ist doch: Lässt sich so etwas gesetzlich verbieten? Wie soll man das kontrollieren?

Ackermann: Es gibt doch auch Mord, den man gesetzlich verbietet, und man schafft damit nicht alle Morde aus der Welt. Ich meine, man muss Gesetze machen, um den Menschen zu sagen, das geht nicht. Es muss natürlich auch begleitend was geschehen. Es muss natürlich die Polizei aufgestockt werden. Man muss sich auch überlegen, wie sollen diese Bordelle kontrolliert werden. Deshalb wäre es wesentlich einfacher, den Kauf von Sex unter Strafe zu stellen, und dann wären so große Bordelle und all das gar nicht mehr möglich. Heute kann sich nicht mal eine Stadt dagegen wehren, wenn ein Großbordell in ihr errichtet wird. Die Stadträte haben nicht das Sagen. Das ist doch unglaublich. Die Bürger können auf die Barrikaden gehen, das Großbordell wird gebaut. In Saarbrücken haben sie es erlebt und jetzt sind andere Städte dran.

Heuer: Sie sind und haben das jetzt auch zweimal in unserem Gespräch gesagt dafür, die Prostitution ganz zu verbieten. Als Beispiel gilt da immer Norwegen. Dort ist die Prostitution grundsätzlich verboten. Aber ist sie verschwunden?

Ackermann: Es ist der Kauf von Sex verboten. Es ist ein ganz neues Bild der Frau und des Mädchens. Die sind nicht käufliche Ware. Das ist schon mal sehr, sehr gut. Wir können alle Probleme, die die Menschheit hat, ja doch nicht auslöschen. Wir können doch die Krankheiten nicht abschaffen. Und trotzdem haben wir doch nie aufgehört, dagegen zu kämpfen!

"Es ist mehr kriminelles Tun an den Frauen geschehen"

Heuer: Wir können die Krankheiten nicht abschaffen. Aber Kritiker einer schärferen Regelung zur Prostitution führen ja immer ins Feld, dass mit der Illegalität die Frauen noch rechtloser werden, weil sie gar keinen Zugang mehr zur Hilfe haben.

Ackermann. Das ist Quatsch! Das ist absoluter Quatsch! Die Illegalität in unseren Städten und überhaupt in diesem ganzen Geschäft ist genauso groß und noch größer, seit Prostitution ein Beruf wie jeder andere ist. Es ist doch nicht weniger geworden, es ist mehr geworden. Es ist mehr kriminelles Tun an den Frauen geschehen.

Heuer: Die Regierung, sagen Sie, ist auf dem richtigen Weg, aber es reicht einfach noch nicht aus?

Ackermann: Genau so würde ich sagen, ja.

Heuer: Schwester Lea Ackermann, Vorsitzende und Gründerin von Solwodi, einer Hilfsorganisation, die unter anderem Zwangsprostituierten hilft. Schwester Lea, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Ackermann: Bitte schön. Guten Morgen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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