Dienstag, 19.06.2018
 
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Protest gegen AgrarindustrieDie Gallier aus Südtirol

Die Bürger des Bergdörfchens Mals in Südtirol haben abgestimmt: Sie wollen, dass in ihrer Gemeinde keine Unkrautvernichtungsmittel mehr verwendet werden. Der österreichische Autor Alexander Schiebel schildert in seinem Buch "Das Wunder von Mals" den Kampf der Bürger gegen eine Allianz aus Bauernbund, Landesregierung und Agrarindustrie.

Von Matthias Bertsch

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Die Angabe "Glyphosat" steht auf der Liste der Zusammensetzung eines Unkrautvernichtungsmittels. (imago stock&people)
Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu erregen. (imago stock&people)
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"Pestizide! Überall auf der Welt sind sie auf dem Vormarsch. Überall? Nein! Ein von unbeugsamen Vinschgern bewohntes Dorf in Südtirol hört nicht auf, diesem Eindringling Widerstand zu leisten."

Es klingt ein bisschen wie die Einleitung bei Asterix und Obelix - und das soll es auch. Denn diese Geschichte ist eine moderne Variante vom Kampf der widerspenstigen Gallier gegen die römische Besatzungsmacht: "Eine 5000-Seelen-Gemeinde, angeführt von einem Dutzend Querdenker, fordert eine übermächtige Allianz aus Bauernbund, Landesregierung und Agrarindustrie zum Kampf heraus."

Ähnlich wie bei den Asterix-Comics sind auch beim Wunder von Mals die Sympathien klar verteilt: Auf der einen Seite die Agrarindustrie, die die endlosen Apfelplantagen in Südtirol regelmäßig in einen Pestizidnebel einhüllt. Auf der anderen Seite die Bürger des kleinen Ortes Mals, die in einer Volksabstimmung 2014 mit einer klaren drei-Viertel-Mehrheit Nein gesagt haben zu Glyphosat & Co. Sie fordern, Pestizide auf dem Gebiet ihrer Gemeinde vollständig zu verbieten.

Am Anfang ist das Nein

"Ganz am Anfang hab ich an ein Buch von Camus gedacht, 'Der Mensch in der Revolte', und da argumentiert Camus, dass die Revolte etwas anderes ist als die Revolution. Es ist einfach ein Mensch, der bei einer Sache nicht mehr zusehen will, der also irgendwie in die Enge getrieben sagt: bis hierher und nicht weiter. Also es gibt diesen Akt des Nein."

Ein Nein, in dem auch ein Ja steckt, so Autor Alexander Schiebel: "Wenn man sozusagen ein Überrolltwerden, wie es ja dort konkret ist in Mals, ablehnt, dann sagt man ja, ich will so bleiben, wie ich bin, ich will mich als der, der ich bin, entwickeln. Es ist also dieser Eigensinn, ein wunderschönes Wort, es ist diese Sturheit, und dann hat man sozusagen überall die einzelnen Inselchen, einzelne sture Menschen, die sich wehren und zwischen denen entsteht dann dieses Zusammenspiel. Also ich würde eher das ja betonen: ja, man gehört zu einer neuen Gruppe, und diese Gruppe ist sehr kräftig, weil sie sehr lebendig ist.

Zwischen lehrreich und belehrend

Lebendig ist die Gruppe gerade auch wegen der vielen Hindernisse. Von der Landesregierung über die Genossenschaftsbauern bis zum eigenen Gemeinderat, sie alle versuchen die Umsetzung der Volksabstimmung zu verhindern. Doch die Malser sind stur, wie die Gallier, deshalb nehmen die Protagonisten des Widerstands eine zentrale Rolle im Buch ein. Alexander Schiebel beschreibt, wie er sich mit Biobauern, Tierärzten und Apothekern trifft und mit ihnen über die Folgen des Pestizideinsatzes und die globalen Gefahren der industriellen Landwirtschaft spricht. Das ist sehr lehrreich, aber manchmal auch etwas belehrend, etwa nach der Begegnung mit einem Biobauern:

"Ich versuche mich an einer Zusammenfassung: 'Du verwendest also null Spritzmittel, null Kunstdünger. Hast kaum Energieeinsatz und daher kaum Klimaeffekte! Aber den gleichen Ertrag. Zumindest mehr oder weniger. Ich bin fassungslos, Ägidius. Ich kann wirklich nicht verstehen, warum das nicht alle so machen wie du.'"

Schiebel lässt seine Leser ausführlich daran teilhaben, was er selbst denkt und fühlt. Die subjektive Seite ist bewusst gewählt: Der 51-Jährige versteht sich nicht als distanzierter Erzähler, sondern als Kampagnen-Macher in Sachen Nachhaltigkeit, der die klassischen Medien genauso nutzt wie YouTube und Facebook. Auch sein Buch ist Teil einer Kampagne. Zunächst war nur ein Dokumentarfilm geplant, doch irgendwann war ihm klar, dass 90 Minuten nicht ausreichen.

"Da habe ich dann begonnen, aus diesem Material, ein Buch zu entwickeln, das ich gestaltet habe ein bisschen wie einen Krimi und das mit Absicht: Ich als Filmautor versuche rauszufinden, was dort vorgefallen ist, wie das Wunder sich ereignet hat, werde immer mehr hineingezogen, werde dadurch auch bedroht und bekämpft, und dann betreten wir eigentlich ein anderes Genre, den Thriller, und dann am Ende geht die Sache halbwegs gut aus."

"Pestizidtirol"

Dass Schiebel mit hineingezogen wird, hängt auch damit zusammen, dass er zunächst noch Werbefilme für Südtirol produziert, doch gleichzeitig auf seiner Homepage ein satirisches Logo veröffentlicht: Pestizidtirol. Wenig später ruft ihn die Chefredakteurin der Werbekampagne an:

"Die Stimme der Chefredakteurin klingt angespannt, als sie mich am Telefon begrüßt. 'Ich gebe Ihnen jetzt meinen Chef, der will mit Ihnen sprechen.' Mit Höflichkeitsfloskeln, wie zum Beispiel einer Begrüßung hält sich dieser Chef nicht lange auf. Er sagt: 'Nehmen Sie ihr Pestizidtirol-Logo sofort aus dem Netz. Sonst wird es keine Aufträge mehr an Sie geben und alle offenen Aufträge werden storniert.' Ich sage etwa fünf bis zehn Sekunden lang nichts. In meinem Kopf rechne ich die Summe der Aufträge des letzten halben Jahres zusammen."

Zunächst gibt Schiebel nach. Doch dann stellt er das Logo wieder ins Netz. Seitdem ist er für viele Bauern und Politiker in Südtirol eine persona non grata. Der Südtiroler Landesrat für Landwirtschaft, Arnold Schuler, hat sogar Strafanzeige gegen ihn und den oekom-Verlag erstattet, da Schiebel den Obstbauern durch ihren Umgang mit Pestiziden vorsätzliche Tötung vorwirft. Problematisch ist dabei nicht die Behauptung, dass Pestizide tödliche Krankheiten hervorrufen können - das ist kaum zu leugnen -, sondern der Rigorismus, mit dem Schiebel vorgeht. Er ist fest davon überzeugt, dass er Recht hat, deswegen kommen in seinem Buch auch keine Stimmen zu Wort, die den Einsatz von Glyphosat verteidigen. Die Forderung nach Ausgewogenheit weist er zurück.

"Niemand hindert den Bauernbund, ein Buch zu schreiben darüber, wie schrecklich dumm und aggressiv die Malser sind und wie wunderbar harmlos die Ackergifte, die sie in so großen Mengen ausbringen. Also ich meine nicht, dass ich als einzelne Stimme sozusagen irgendwie neutral sein muss, ich glaube an dieses nicht, das ist eine Schimäre."

Fragwürdiger als diese Einseitigkeit allerdings ist sein Verständnis von Demokratie. In einem fiktiven Dialog beschreibt Schiebel, was er jenen erwidern würde, die eine Abstimmung über ein Pestizidverbot auf Gemeindeebene aus formalen Gründen für nicht zulässig halten.

Das Volk hat immer das letzte Wort

"Natürlich weist man nun darauf hin, dass diese aktuelle Rechtslage ja nicht vom Himmel gefallen sei. Gesetze seien keine Naturgesetze. Sie würden von Menschen geschaffen, genauer: von Politikern, noch genauer: von Volksvertretern, die sie im Auftrag des Volkes erlassen. Und dieser Souverän, das Volk, habe daher immer das letzte Wort. Geltendes Recht sei so anzupassen, dass die Entscheidungen des Souveräns zügig zur Umsetzung gelängen."

Ohne einen rechtlichen Rahmen, der Minderheitenschutz und Gewaltenteilung garantiert, droht eine solche direkte Demokratie in eine Diktatur der jeweiligen Mehrheit umzuschlagen - auch die unbeugsamen Malser sind nicht davor gefeit, Minderheitenpositionen zu unterdrücken. Das allerdings soll die Bewunderung für das gallische Dorf in Südtirol nicht kleiner machen. Sein Kampf für einen anderen Umgang mit der Natur verdient Öffentlichkeit - und Alexander Schiebel Dank für sein Buch.

Alexander Schiebel: "Das Wunder von Mals. Wie ein Dorf der Agrarindustrie die Stirn bietet"
Oekom Verlag, 240 Seiten, 19 Euro.

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