Kultur heute / Archiv /

 

Protest gegen Homosexuellen-Hatz

Schriftsteller wehren sich gegen Diskriminierung

Von Kersten Knipp

Homosexualität lässt sich in Marokko öffentlich kaum ausleben, meint der Schriftsteller Abdellah Taïa.
Homosexualität lässt sich in Marokko öffentlich kaum ausleben, meint der Schriftsteller Abdellah Taïa. (privat)

Ausschreitungen und Demonstrationen gegen Homosexuelle haben sich in Marokko in den vergangenen Monaten immer häufiger Bahn gebrochen. Um auf die Diskriminierung gleichgeschlechtlich Liebender hinzuweisen, haben 130 marokkanische Intellektuelle nun in einem offenen Brief die Wahrung der individuellen Freiheitsrechte angemahnt.

Am klügsten ist es, den Mund zu halten. Sich zu offenbaren bringt Homosexuellen Schwierigkeiten in jeder Hinsicht, von Seiten mancher konservativer Geistlicher ebenso wie von Seiten des Gesetzes, das Homosexualität unter Strafe stellt - auch wenn es von den meisten Richtern nur selten herangezogen wird. Dennoch hat sich die Homosexuellenfeindlichkeit in den letzten Jahren deutlich verschärft. Homosexualität lässt sich öffentlich kaum ausleben - wie so vieles andere auch nicht, meint der 1973 geborene Schriftsteller Abdellah Taïa, der sein öffentliches Bekenntnis durchaus politisch begründet.

"In Marokko gibt es immer jemanden, der dich auf deinen angestammten Platz verweist, der verhindert, dass man sich entwickelt, der dir sagt: Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Du bist nichts als ein kleiner, armer, unbedeutender Mensch. Es gibt auch in der Sprache Strukturen, die einen im Gefängnis, in der Position eines Untergebenen halten."

Abdellah Taïa machte seine ersten homosexuellen Erfahrungen als Teenager. Wie so viele junge marokkanische Männer. Für die meisten ist sie allerdings nicht viel mehr als eine schlichte Ersatzhandlung, da Jungen und Mädchen strikt getrennt leben. Bei ihm, berichtet Taïa, verhielt es sich allerdings anders.

"Sie haben sich entschlossen, auf Seiten der Gesellschaft zu bleiben - vielleicht, ohne es zu wollen. Ich selbst wurde mir bewusst, dass ich zu hundert Prozent homosexuell war. Etwas anderes stand für mich gar nicht zur Debatte. So verpasste man mir in meinem Viertel das Klischee des weiblichen, verweichlichten Jungen, an dem sich alle Männer bedienen. Ich galt als Homosexueller, der den gesamten sexuellen Frust des marokkanischen Mannes verkörperte, ohne dass er selbst dafür verantwortlich sei."

Der Druck den Homosexuellen gegenüber ist nur die ungleich schärfere Form, in der die Gesellschaft auf Fragen der Erotik generell reagiert. Zärtlichkeitsbekundungen in der Öffentlichkeit sind tabu - auch für heterosexuelle Paare. Genau dagegen wehren sich aber immer mehr Intellektuelle, die keineswegs nur für die Rechte der Homosexuellen eintreten. Der ebenfalls in Paris lehrende algerisch-französische Ethnologe Malek Chebel hat in mehreren Büchern die Vorschriften eines allzu strikt ausgelebten Islams generell kritisiert.

"Die arabische Gesellschaft glaubt, Prioritäten setzen zu müssen. Dazu gehören die Scham und die Trennung der Geschlechter. Männer und Frauen sind erst ab der Hochzeitsnacht zusammen und von da an auch glücklich. So sieht es zumindest die Theorie vor. Aber die Theorie entspricht weder der Tradition, noch dem Koran, noch der menschlichen Natur. Die Theorie nimmt an, dass die Menschen sich nach Gott richten müssen. Nein. Man muss sich nach dem Menschen richten. Wenn man sich nicht nach ihm richtet, gelangt man auch nicht zu Gott. Darum ist der Mensch für mich heilig. Er ist die erste Stufe des Heiligen."

Das sieht auch Abdellah Taïa so, der sich in seinen Büchern längst nicht nur auf das Thema Homosexualität beschränkt. In ausgesprochen sinnlicher Sprache erzählt er vom Leben in seiner vielköpfigen Familie, immer wieder aber auch von den Schwierigkeiten, ein Leben gemäß den eigenen Vorstellungen zu führen. Immerhin hat er seine Vorstellungen verwirklichen können - seit zehn Jahren lebt er in Paris. Und in Paris hat er sich dann auch dazu durchgerungen, sich in marokkanischen Medien zu seiner Homosexualität zu bekennen.

"Sobald man in Marokko etwas veröffentlicht, betritt man das Reich der Politik, ob man es will oder nicht. 'Ich' zu sagen hat eine enorme politische Bedeutung. Im Jahr 2006 interviewte mich eine Journalistin. Natürlich hatte ich große Angst, aber ich entschloss mich, mich zu offenbaren. Die marokkanische Gesellschaft war schockiert. Das ist aber ihre Sache. In Marokko herrscht eine große Gewalt dem einzelnen gegenüber, und diese Gewalt habe ich Marokko zurückgegeben."

Ob sein Bekenntnis den Homosexuellen in Marokko nützt? Unmittelbar offenbar nicht. Das liberale Nachrichtenmagazin "Tel Quel", in dem Taïa seine Homosexualität öffentlich macht, hatte zuletzt einen großen Bericht über die im Land grassierende Schwulenfeindlichkeit veröffentlicht. Mit einigem Optimismus lässt die sich deuten als Reaktion einer Gesellschaft, die sich gegenüber den Zumutungen einer voranschreitenden Moderne nicht anders als mit Rückfällen in die Vormoderne zu helfen weiß.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Manifesta 10Performances als Unterwanderung des Alltags

Männer leeren Beutel mit Schnee für die Performance "Cold Painting" des russischen Künstlers Pavel Braila.

Performances für die Straße sind in Paris oder Berlin bei Kunstfestivals Routine. In St. Petersburg gehören sie jedoch zum heikelsten Teil der Manifesta. Zumal die polnische Kuratorin, Joanna Warsza, dafür vor allem Künstler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken oder Staaten des einstigen Warschauer Paktes eingeladen hat.

Salzburger Festspiele 2014 Gepflegte Langeweile mit "Don Giovanni"

Festspielhäuser an der Hofstallgasse  in Salzburg

Zum Auftakt der Salzburger Festspiele 2014 wurde eine Neuinszenierung von Mozarts "Don Giovanni" gezeigt. Der Schauplatz: eine Hotellobby mit gedämpften Licht, ein Allerweltsort gepflegter Langeweile. Insgesamt hat die Inszenierung von Christoph Eschenbach und Sven-Eric Bechtolf den Rezensenten nicht überzeugt.

"Fremde Welten", Teil 1Orban, Rechtsrock und der ungarische Nationalstolz

Ungarn demonstrieren am Nationalfeiertag in Budapest für Regierungschef Orban.

Rechtsrock-Bands sind bei Ungarns Jugend sehr beliebt. Sie stehen für einen Nationalismus, der nicht nur als Subkultur gelebt wird: Auch Ministerpräsident Viktor Orbán beschwört den Zusammenhalt gegen Feinde wie die EU. Als historische Ursache dieser Tendenzen gilt der Trianon-Friedensvertrag von 1920.

 

Kultur

Kinostart: Die Geliebten Schwestern"Ein paar Briefe habe ich auch neu erfunden"

Dominik Graf

Dominik Grafs neuer Film "Die Geliebten Schwestern" erzählt eine Ménage à trois zwischen dem Dichter Friedrich Schiller und zwei mittellosen adlige Schwestern. Welche Erzähltricks er anwendet und warum der ARD-Krimi Tatort Daumenlutschfernsehen ist, verrät er im Corsogespräch.

Manifesta 10Performances als Unterwanderung des Alltags

Männer leeren Beutel mit Schnee für die Performance "Cold Painting" des russischen Künstlers Pavel Braila.

Performances für die Straße sind in Paris oder Berlin bei Kunstfestivals Routine. In St. Petersburg gehören sie jedoch zum heikelsten Teil der Manifesta. Zumal die polnische Kuratorin, Joanna Warsza, dafür vor allem Künstler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken oder Staaten des einstigen Warschauer Paktes eingeladen hat.

Moderne KunstSammlung eines Kunsthändlerehepaars

Blick auf den Eingangsbereich der Fondation Maeght in Saint-Paul de Vence bei Nizza, ein Museum für zeitgenössische Kunst. Das Ehepaar Marguerite und Aime Maeght gründete die Stiftung 1964, um einen Teil ihrer Sammlung dort auszustellen. Der katalanische Architekt Josep Lluis Sert schuf in Zusammenarbeit mit bekannten Künstlern wie Joan Miro, Georges Braque und Henri Matisse das Gebäudeensemble.

Im Hinterland der Côte d'Azur liegt eine der schönsten und bedeutendsten privaten Kunststiftungen der Welt: die Fondation Maeght. Ihre Gründung am 28. Juli 1964 ist der Freundschaft zwischen dem Kunsthändlerehepaar Marguerite und Aimé Maeght und Künstlern wie Giacometti, Miró, Braque, Calder oder Matisse zu verdanken.