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StartseiteEuropa heuteMerahs Fußmarsch durch Frankreich20.03.2017

Protest gegen IslamistenMerahs Fußmarsch durch Frankreich

Vor fünf Jahren hat in Frankreich die Serie islamistischer Terroranschläge mit den Attentaten von Mohammed Merah begonnen. Mit einer ungewöhnlichen Aktion wirbt jetzt der Bruder des getöteten Islamisten, Abdelghani Merah, für einen härteren Kampf gegen Hassprediger.

Von Suzanne Krause

Abdelghani Merah, der ältere Bruder des des Attentäters von Toulouse 2012, auf seinem Marsch von Marseille nach Paris. Hier läuft er durch Vitry-le- (AFP/François Nascimbeni)
Abdelgahani Merah auf seinem Marsch von Marseille nach Paris, hier in Vitry-le-François. Mehrfach musste er seine Route wechseln. (AFP/François Nascimbeni)
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Ein Dörfchen im weiten Osten von Paris. Abdelghani Merah hat einen schweren orangefarbenen Rucksack umgeschnallt und folgt der Hauptstraße. Schritt für Schritt - bald wird er tausend Kilometer Fußmarsch zurückgelegt haben. Am 8. Februar ist der 40-Jährige in Marseille gestartet, auf den Spuren des "Marsches für die Gleichberechtigung und gegen Rassismus". Der hatte im Winter 1983 das ganze Land aufgerüttelt. Damals war eine Handvoll Jugendliche, Nachfahren nordafrikanischer Einwanderer, an der Mittelmeerküste aufgebrochen, bei der Ankunft in Paris waren sie über einhunderttausend. Ganz andere Zeiten waren das noch, sinniert Abdelghani Merah.

"Ich bin unterwegs, um die religiösen Fundamentalisten zu bekämpfen und entlarven, die Hassprediger, die Frankreichs Jugend belügen - ihr falsche Wahrheiten vorgaukeln. Meinem kleinen Bruder Mohamed haben sie vorgebetet: 'Schau, Frankreich hasst die Muslime, die 'Araber'. Am Ende hat er ihnen geglaubt. Dabei habe ich ihm gesagt: hör nicht darauf, das sind Lügner!"

Den Hasspredigern das Handwerk legen

Solchen Lügen sind drei der fünf Kinder der Familie Merah aufgesessen: Mohamed. Kader. Der soll den kleinen Bruder zu den Terrorakten angestiftet haben. Er sitzt seit fünf Jahren im Gefängnis. Souad, die 2014 vergeblich versuchte, mit ihren Kindern nach Syrien zu gehen. Sie lebt nun in Algerien, Herkunftsland der Eltern.

Im Herbst 2012, ein halbes Jahr nach Mohameds Terrorattacken, hat Abdelghani Merah in einem Buch die Radikalisierung seiner Familie beschrieben. Damals auch fiel ihm erstmals ein Mentalitätswandel in der Bevölkerung auf.

"In den Vorstädten sagt nun mancher Jugendliche nicht mehr, er sei Franzose mit algerischen oder marokkanischen Wurzeln, sondern, er sei Muslim. Vor fünf Jahren war ich als Fußballtrainer aktiv. Da habe ich mitbekommen, dass mein Bruder Mohamed nach seinen Attentaten für manchen zum Vorbild wurde."

Unterstützung während der Reise

Bei seinem Marsch gegen religiöse Fanatiker hat Abdelghani Merah mehrfach die Route gewechselt - er steht auf der schwarzen Liste religiöser Eiferer. Weil er energisch verlangt, speziell Olivier Corel das Handwerk zu legen. Corel, vor langem aus Syrien nach Frankreich eingewandert, trägt den Spitznamen Weißer Emir und gilt Merah als wichtiger Drahtzieher islamistischen Terrors im Land - nachweisen konnte man ihm bislang aber nichts.

Abdelghani Merah erreicht das heutige Nachtquartier, bei einer Bekannten, deren Sohn den Gast willkommen heißt. Überall unterwegs hat er sich so durchgehangelt, fand immer wieder Leute, die eine Etappe mitmarschierten, ihn beherbergten, ihm ein Essen spendierten. Für seine Protestaktion dankte ihm mancher - im Namen Frankreichs.  Nun zieht er eine bekritzelte Landkarte aus dem Rucksack.

"Die prägendste Etappe war Straßburg. Dort bei den Mitgliedern des Vereins 'Brigade der Mütter' habe ich auftanken können. Denn meine eigene Mutter habe ich verloren, weil sie sich radikalisiert hat - aber bei der 'Brigade der Mütter' fand ich Ersatz. Im ganzen Land treten nunmehr Frauen an, um ihre Kinder aus den Klauen von Hasspredigern zu befreien oder vor ihnen zu bewahren. So eine Mutter hätte mein Bruder Mohamed gebraucht, um nicht ins Verderben zu stürzen."

Keine Reaktion von der Regierung

Bei seinem Protestmarsch hat Abdelghani Merah immer wieder Appelle an die Regierung formuliert. Eine Antwort hat er nicht erhalten. Gehör fand der Aktivist hingegen bei vielen, die er unterwegs traf. Merah hofft, dass sie bei den Präsidentschaftswahlen für den richtigen Kandidaten stimmen werden.

"In Algerien, in den 1990er Jahren haben die Islamisten die Perspektivlosigkeit der Jugend bestens begriffen. Sie haben die jungen Leute aufgerufen, sich an dem System zu rächen, das sie so verachtet. Mir scheint, in Frankreich ist es ähnlich. Ich stehe absolut zum hiesigen System, und die, die es bekämpfen, sind völlig schief gewickelt. Aber der Staat muss Hassprediger konsequent verfolgen - um uns zu beschützen."

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