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StartseiteEuropa heuteTausende demonstrieren nach Präsidentenwahl in Serbien06.04.2017

Proteste gegen VucicTausende demonstrieren nach Präsidentenwahl in Serbien

Auch wenn Serbiens designierter Präsident Aleksandar Vucic international hohes Ansehen genießt, hat sein Wahlsieg am Sonntag anhaltende Proteste zur Folge. Es sind vor allem junge Leute, die auf die Straße gehen - die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 44 Prozent.

Von Ralf Borchard

Menschen haben sich vor dem Parlament in Belgrad versammelt und protestieren gegen Ministerpräsident Vucic.  (ANDREJ ISAKOVIC / AFP)
Protest gegen den serbischen Regierungschef Vucic vor dem Parlament in Belgrad: Eine zentrale Organisation der Proteste gibt es offenbar nicht. Über soziale Netzwerke werden die Treffpunkte vereinbart. (ANDREJ ISAKOVIC / AFP)
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Seit den Präsidentenwahlen, die Aleksandar Vucic haushoch gewonnen hat, demonstrieren sie jeden Abend - nicht nur in der Hauptstadt Belgrad, wo die meisten Menschen auf die Straße gehen, auch in Novi Sad, Nis, in mehr als 15 Städten insgesamt.

"Wir wollen zeigen, dass es auch uns gibt, uns, die mit dem Wahlergebnis nicht einverstanden sind, weil die Wahlen nicht fair und korrekt waren", sagt dieser Demonstrant in Belgrad. "Nur ein Beispiel für die Manipulationen: Meine Großmutter ist vor fünf Jahren gestorben, wird aber immer noch in der Wählerliste geführt. Solche Stimmen sind gestohlen."

Vorwurf der Wahl-Manipulation

Offiziell wächst die serbische Wirtschaft, doch die meisten Menschen haben das Gefühl, dass es ihnen immer schlechter geht. Das Durchschnittseinkommen in Serbien liegt bei umgerechnet 350 Euro, die Arbeitslosenquote bei offiziell 18 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei 44 Prozent. Es sind vor allem jüngere Leute, die mit Trommeln, Trillerpfeifen auf die Straße gehen, im Chor Vucics Regierungsstil eine "Diktatur" nennen.

"Ich bin hier, weil ich unzufrieden bin. Ich bin jung. Die ganze Atmosphäre im Land ist geprägt von Angst und Armut. Wenn Vucic in fünf Jahren an der Macht nichts Positives mit diesem Staat anstellen konnte, spüren wir, die Jungen, das am meisten. So viel Leid hat die Bevölkerung seit Langem nicht getroffen."

Proteste werden über soziale Netzwerke organisiert

"Ich bin wegen der sozialen Missstände hier", sagt sie. "Ich arbeite seit Jahren, bin fleißig, kann aber in meinem eigenen Land nichts erreichen. In einem Monat gehe ich weg aus Serbien, werde auf einem Schiff arbeiten. Aber meine Eltern, mein Bruder, meine Freunde bleiben. Ich komme erst zurück, wenn es hier besser wird, das verspreche ich. Irgendwann muss es doch zu einer Revolte kommen."

Eine zentrale Organisation der Proteste gibt es offenbar nicht. Über soziale Netzwerke werden die Treffpunkte vereinbart. In Städten wie Novi Sad sind Studenten besonders aktiv. Einige Oppositionsparteien haben zwar Sympathie bekundet, doch prominente Politiker haben bisher nicht mit demonstriert. Aleksandar Vucic, noch Regierungschef, bald Präsident, meint lapidar:

"Wir sind ein demokratisches Land und jeder hat das Recht wegen der Wahlergebnisse glücklich oder unglücklich zu sein. Stellen Sie sich vor, ich würde all meine Anhänger aufrufen, zum Feiern rauszugehen. Wir haben keine Zeit dafür, wir müssen arbeiten, um noch erfolgreicher zu sein. Solange jemand sein ‚dafür‘ oder ‚dagegen‘ aufs Schreien beschränkt und keine Gewalt anwendet, ist alles okay. Alles wie üblich, alles normal."

Drahtzieher hinter den Protesten

Die Boulevardzeitung "Blic" vermutete schon alle möglichen Drahtzieher hinter den Protesten: das Ausland, Geheimdienste, die Opposition, den US-Milliardär George Soros. Die Demonstranten wollen jedenfalls weitermachen, auch wenn ihre Forderungen bisher eher diffus sind. Ihre Wut und Unzufriedenheit ist unüberhörbar:

"Die Menschen sehen nur Vucic im Fernsehen, kennen nichts anderes als Aleksandar Vucic. Die Gesamtumstände stimmen nicht in der Gesellschaft. Leute arbeiten mit gefälschten Diplomen, einen Job kann man nur über politische Parteien bekommen. Sie sagen: Wir haben die Renten und Löhne erhöht. Aber sie haben sie davor gesenkt. Der Internationale Währungsfonds sagt, dass es uns gut geht. Wir wissen aber, dass es uns nicht gut geht. Sie gehen mit uns um, als wären wir Schafe."

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