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StartseiteKommentare und Themen der WocheGebraucht wird eine politsche Wechselwärme30.12.2017

Protestkultur 50 Jahre nach 1968Gebraucht wird eine politsche Wechselwärme

Das Protestjahr 1968 ist lange her, Themen und Tonfall sind heute ganz andere als damals. Das sei aber kein Grund, heutige und damalige Protestbewegte zu belächeln, kommentiert Ulrike Winkelmann. Diese energische Gegenrede brauche es auch heute – und dazu ein gerüttelt Maß an kühler Analyse.

Von Ulrike Winkelmann

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Der Schriftsteller Heinrich Böll spricht zu den Teilnehmern der Kundgebung im Bonner Hofgarten. Am 11. Mai 1968 fand in Bonn eine Großdemonstration gegen die Notstandsgesetze statt. Nach einem Sternmarsch versammelten sich die Demonstranten zu einer Kundgebung im Bonner Hofgarten.  (dpa)
Schon 1968 gab es engagierte Diskussionen, wie und mit welchem gedanklichen Überbau man protestiert. Hier spricht der Schriftsteller Heinrich Böll am 11. Mai 1968 auf einer Demo gegen die damaligen Notstandsgesetze. (dpa)
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Rudi Dutschke würde im nun beginnenden Jahr 78, hätten ihn nicht im April des Jahres 1968 drei Schüsse niedergestreckt, an deren Folgen er dann elf Jahre später starb.

Das Attentat auf den bekanntesten Redner der deutschen Studentenbewegung löste großen Aufruhr in West-Berlin und anderen deutschen Universitäts-Städten aus. 50 Jahre nach den Ereignissen von 68 werden bald wieder viele Porträts über Dutschke gesendet und gedruckt werden, über seine Genossinnen und Genossen, über ihre Vorstellungen von einer besseren Welt.

Die Leute, die den Aufruhr von '68 mitorganisierten, miterlebten oder auch nur mitfühlten, sie sind nun schon lange im Rentenalter. Viele von ihnen sieht man, wann immer es etwas sozial zu bewegen gilt: In den Aktionsgruppen von Campact, von Attac, bei den Solidaritäts-Veranstaltungen für gefangene Künstler oder Menschenrechtler.

Vielfach wird dann gelästert, dass die Köpfe an den Orten des politischen Protestes ergraut sind, dass die Füße der Demonstranten in Bequemschuhen für Senioren stecken.

Spott über den ergrauten Protest ist ungerechtfertigt

Dieser Spott ist billig. Er kommt meist von denjenigen, die ohnehin noch nie eine Idee verfolgt haben, die über den gedanklichen Raum zwischen ihrem Sofa und dem Fernseher hinaus gereicht hätte.

Natürlich – die Explosion von Protest- und Lebensenergie im Frühling 1968 war eine Jugendrevolte: Der Aufstand gegen die Nazi-Väter ist der deutschen Variante der 68er-Bewegung eingeschrieben. Doch der Impuls der sozialen Bewegungen, das So-Nicht, das "Eine andere Welt ist möglich" – dieser Impuls gehört nicht nur den Twenty-Somethings.

Gerade der hochabstrakte Überbau der Revolte – gerade Rudi Dutschke war für seine verklausulierte Sprache berüchtigt – hat ihrem Geist auch Haltbarkeit gegeben, jahrgangs- und generationenübergreifend. An den Universitäten, in den Verlagen, in den Feuilletons wurde immer weiter diskutiert, wohin und wie tief die humanistische Kritik am Kapitalismus schneiden darf, wie radikal sie sein muss. Wie viel Theorie es braucht, um zu einer politischen Praxis zu gelangen. Oder ob Theorie nicht schon genug Praxis ist.

1968 steckt in Campact wie in Stuttgart-21-Protesten

Ein Teil dieses Erbes von '68 besteht in der enervierenden Haltung mancher Zeitgenossen, in jeglicher Aktivität ihrer Mitmenschen nichts anderes mehr zu erkennen als eine Unterwerfung unter die Zwänge des Kapitals.

Doch ein Großteil des Idealismus, der sich 1968 Bahn gebrochen hat, findet sich eben auch überall dort wieder, wo Menschen ohne Leitplanken von Parteien oder Kirchen zusammenkommen, um die andere Welt zu fordern, die doch möglich sei. In den professionellen Umwelt- und Klima-NGOs passiert genau das, bei der netzbasierten Bewegung Campact, in den Protesten gegen Stuttgart 21 hat sich dieses Erbe artikuliert, im Kampf gegen Gentrifizierung und in der Willkommenskultur.

Diese Gruppen und Netzwerke müssen ihre eigenen ideologischen Fallstricke kennen: etwa, wann Kapitalismuskritik in stumpfen Anti-Amerikanismus kippt. Mehrere Weggefährten von Rudi Dutschke haben vorgelebt, wie tief man sinken kann. Die paar Großmäuler, die mal irgendwie links waren, um jetzt irgendwie rechts zu sein, haben längst zu viel Aufmerksamkeit bekommen.

Heute braucht es Kühle und Gefühlstemperatur

Die eigentliche Herausforderung für die sozial bewegte Szene steckt in der Frage, die jüngst auch der Politikwissenschaftler Franz Walter formuliert hat: Die Geste von Aufruhr und Empörung wurde von den Heerscharen der Trolle und Neurotiker im Internet gekapert – welcher Sound der Anklage bleibt da den Linken? Was, wenn die neuen Rechtsnationalen die Instrumente der außerparlamentarischen Opposition gestohlen haben? Nicht eine vermeintliche Nähe von Rechten und Linken ist hier das Problem – sondern die Frage der Ausdrucksmittel: Der hitzige Straßenprotest klingt derzeit nicht nach besserer Welt.

"Knochentrockene Nüchternheit" wurde für den Umgang mit den neuen Rechten deshalb schon empfohlen – Kühle, Strenge. Eine Seite dieser trockenen Sachlichkeit kennen die sozialen Bewegungen schon: Es waren Ingenieure, Techniker, Informatiker, die zuletzt Vorlagen für den Protest gegen den Stuttgarter Tiefbahnhof, für eine Verkehrswende, für ein besseres Internet geschrieben haben. Wer Fortschritt will, muss rechnen können.

Allerdings werden die sozialen Bewegungen ohne die Gefühlstemperatur, die sowohl zur Empörung wie zur Solidarität nötig ist, nicht auskommen. Die Lage ist insgesamt schwieriger als 1968: Es wäre eine Art politischer Wechselwärme, die gebraucht wird.

Ulrike WinkelmannUlrike Winkelmann (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Ulrike Winkelmann, Jahrgang 1971, ist seit 2014 Redakteurin in der "Hintergrund"-Abteilung des Deutschlandfunk. Geboren in Wiesbaden, aufgewachsen in und bei Paderborn, studiert (Germanistik, Politologie, Staatsrecht) in Hamburg und London, volontierte sie 1995 bis 1997 bei der "taz hamburg", dem Hamburger Lokalteil der "tageszeitung". Ende 1999 stieg sie als Chefin vom Dienst bei "taz" in Berlin ein, wurde Innenpolitikredakteurin, Parlamentskorrespondentin, und Innenpolitik-Ressortleiterin. Ein Zwischenspiel 2010 bis 2011 als Politikchefin bei der Wochenzeitung "der Freitag".

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