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StartseiteBüchermarktProtokoll eines Hilflosen16.03.2008

Protokoll eines Hilflosen

Buch der Woche: "Der lange Weg über die Stationen" von Reinhard Kaiser-Mühlecker

Das einfache Bauernleben im Gebirge genießt keinen guten Ruf in der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Der klassische Heimatroman verkitschte es zur Idylle. Die NS-Literatur verbrämte es zur Blut-und-Boden-Existenz. Und der Anti-Heimatroman der 70er Jahre brandmarkte die Alpen-Landwirtschaft der Nachkriegszeit als postfaschistoiden Feudalismus, in dem sich Großbauern mit Billigung der Kirche als tyrannische Gutsherren aufspielten - und der Führer immer noch in den Köpfen herumspukte. Wer also einen Roman über einen jungen Bergbauern in der österreichischen Provinz der 50er Jahre schreibt, gerät schnell unter ideologischen Verdacht: entweder ein ewiggestriger Heimat-Fanatiker zu sein - oder ein überzeugter Heimat-Hasser.

Von Gisa Funck

Man merkt dem Romandebüt Kaiser-Mühleckers an, dass der Autor selbst auf einem Bauernhof in Oberösterreich aufgewachsen ist. (AP)
Man merkt dem Romandebüt Kaiser-Mühleckers an, dass der Autor selbst auf einem Bauernhof in Oberösterreich aufgewachsen ist. (AP)

Und tatsächlich wirkt das Debüt des erst 25-jährigen Wiener Schriftstellers Reinhard Kaiser-Mühlecker auf den ersten Blick, von seiner Anlage her wie typische Anti-Heimatliteratur.

Erzählt "Der lange Gang über die Stationen" doch vom jungen Theodor, der als einziges Kind gebrechlicher Eltern einen wenig profitablen Bauernhof in den oberösterreichischen Alpen bewirtschaften muss. Theodors Vater liegt schon lange sterbenskrank im Bett. Die Mutter leidet - gelinde gesagt - unter melancholischen Verstimmungen. Hof-Nachbar Franz erhängt sich aus Einsamkeit mit einem Kälberstrick. Und der Dorfpfarrer weigert sich, den Selbstmörder zu bestatten. Genretypisch ungemütliche Verhältnisse also. Und kein Wunder, dass der junge Bergbauer seinem von Enge und Verzicht geprägten Alltag zu entfliehen sucht. Theodor verliebt sich in eine junge Frau aus der Stadt. Und drängt sie, ihn schnellstmöglich zu heiraten, um auf seinem abgelegenen Hof nicht mehr ganz so alleine zu sein:

Meine Frau war zu mir gezogen. Sie kam nicht aus der Gegend, sondern von weiter her, und diese Umgebung hier war ihr noch recht neu und unbekannt. Sie war zu mir gezogen, und da, ganz am Anfang, war alles noch so einfach. Sie war zu mir gezogen, nur wenige Tage nach der Heirat, zu mir auf den Hof, zu den Meinigen und zu den Tieren, (...) Es waren die kältesten Wintertage, und wir, oder vielmehr ich, hatte mich ja nicht gedulden mögen, hatte ja gleich heiraten wollen, hatte ja nicht warten gemocht auf den wärmeren Mai. (...) Endlich war ich kein Junggeselle mehr. Ich hatte Verantwortung jetzt, noch mehr als schon zuvor; nicht nur, weil die Mutter es mir so eindringlich gesagt hatte, wusste ich das. Doch spürte ich keine Last, sondern vielmehr Freude im ganzen Körper und Geist. (...) Meine Mutter konnte seit langem wieder lachen. Wenn erst Kinder da sind, dachte ich, wie würde die Mutter, Großmutter geworden, mit einem mal aufblühen.

Man ahnt in Kaiser-Mühleckers Debütroman früh, dass die anfänglichen Wunschträume des jungen Bergbauern Theodor enttäuscht werden müssen. Und auch: dass seine Ehe mit der Frau aus der Stadt, die den ganzen Roman lang namenlos bleibt, in der engstirnigen Dorfgemeinde kein gutes Ende nehmen wird. Dennoch herrscht in Theodors 150-seitigem Monolog ein ganz anderer Tonfall als in der ideologisch gefärbten Anti-Heimatliteratur der 70er Jahre. Das liegt an der naiv anmutenden, betont unpolitischen Perspektive von Kaiser-Mühleckers Ich-Erzähler. Anders als etwa Peter Handkes alter ego im anklagenden Rückblick "Wunschloses Unglück" oder Franz Innerhofers drangsalierter Hofknecht Holl im Skandalroman "Schöne Tage" macht Theodor keineswegs die herrschenden Verhältnisse für seine Misere verantwortlich. Er erfreut sich lieber - trotz aller Schufterei und Geldsorgen - an der Schönheit der Berglandschaft, die er in seiner spärlichen Freizeit am liebsten gemeinsam mit seiner Frau erkundet. So wie an einem warmen Frühjahrssonntag, an dem das frisch verheiratete Paar einen Ausflug an einen See macht:

"Ach, wie schön es ist", sagte meine Frau mit breitem Lächeln, "endlich wieder einmal einen Tag lang nur faul herumzuliegen!" "Du hast recht", gab ich zurück, "schön ist das. Und noch schöner ist es zu zweit, mit dir." Da legte sie sich auf mich, blitzschnell, so dass ich überrascht war, bedeckte mich mit ihrem Leib und drückte mich fest an sich. küsste mich innig und ein bisschen zu wild. Es war heiß unter ihr. Als ich schon ganz erschöpft war vom vielen Küssen, schob ich sie von mir herunter. (...) Ein Bein angewinkelt und aufgestellt, das Knie hin und herwippend sah mich meine Frau an und sagte: "Du bist wirklich ein kräftiger Mann!" "Ja, so sind wir Bauern eben", antwortete ich. "Die Arbeit ist hart, und da wird man so." Mit diesen Worten lief ich davon. Dann kamen schon die spitzen Steine, auf denen das Laufen wehtat, und dann kam schon das Wasser, und ich stürzte mich hinein, ließ mich nach vorne fallen, tauchte unter, aber ich drang gerade so weit in den See, dass ich noch stehen konnte. Schwimmen konnte ich ja nicht. Von dort aus beobachtete ich, wie sich meine Frau umzog, und wusste dabei, dass ihr das gefiel. (...) Ihr Brust und die Schenkel glänzten im Sonnenschein, (...) und als sie durch die frisch gemähte Wiese auf den See, das Wasser und endlich auf mich zukam, war ich so gewiss wie am ersten Tag, dass sie die richtige Frau war für mich, ja noch mehr: die einzig mögliche, und dass die Mutter auf Anhieb recht gehabt hatte, als sie sagte: "Eine gute Frau."

Es gibt in Kaiser-Mühleckers Bauernchronik auch die guten Stunden des Landlebens. Die idyllischen Augenblicke. Und die Momente eines stillen Einverständnisses zwischen den beiden Eheleuten in einer als unverbraucht geschilderten Natur. Nur sind diese Momente natürlich schon deshalb trügerisch, weil sie aus Theodors Sicht heraus erzählt werden. Keine andere Erzählperspektive verführt dermaßen leicht zur Identifikation mit einem Helden wie der innere Monolog. Und bei keiner anderen Erzählperspektive sollte man als Leser wachsamer sein.

Denn: wer ist dieser Theodor eigentlich? Man erfährt nach den ersten Seiten: Er ist jung, wahrscheinlich Mitte zwanzig bis Mitte dreißig, kann aber weder schwimmen noch Auto fahren. Steht technischen Neuerungen - wie etwa der Einführung von Traktoren als Erntehilfe - generell skeptisch gegenüber. Lehnt das Großstadtleben als zu hektisch, zu laut und zu schmutzig ab. Und, als seine Braut aus der Stadt zum ersten Mal sein Bauernhaus betritt, zeigt ihr Theodor ein in die Eingangstür eingeritztes Fruchtbarkeitssymbol: patriarchalischer Wink mit dem Zaunpfahl, um seine Gattin frühzeitig an ihre Frauenpflicht des Nachkommen-Gebärens zu erinnern.

Kurzum: So richtig sympathisch, jugendlich und modern wirkt Kaiser-Mühleckers Chronist bei näherer Betrachtung nicht. Stattdessen ausgesprochen altbacken und wie aus der Zeit gefallen. Dafür bürgt schon Theodors auffällige Vorliebe für antiquierte Wörter und Formulierungen, derentwegen er etwa lieber von "Gesäß" statt von "Hintern" spricht. Oder auch lieber "gewiss" statt "sicherlich" sagt.

Und, auch wenn der junge Bauer im Dorf einen Ruf als querköpfiger Eigenbrötler genießt, weil er von einer eigenen Schafszucht träumt - und sich auch schon mal lautstark über das Verbot des Pfarrers aufregen kann, wonach Selbstmördern keine Friedhofsbestattung zusteht. Ein öffentlicher Kritiker, gar ein Vorkämpfer für eine neue Zeit ist Theodor nicht. Schließlich trägt seinen Namen eines demütigen "Gottesgeschenks" nicht umsonst.

Nur ein einziges Mal, ganz am Anfang seiner Geschichte, wagt er einen Ausbruchsversuch. Und zieht für ein halbes Jahr als Wanderknecht herum. Um danach aber sofort wieder auf den elterlichen Hof zurückzukehren - und sich widerspruchslos in sein karges Schicksal zu fügen.

Theodor wirkt tatsächlich mehr wie ein Mann des 19. als des 20. Jahrhunderts, obwohl seine Geschichte bereits in den 50er Jahren der Nachkriegszeit spielt. Und ebenso bodenständig-strikt, wie er sich kein anderes Zuhause als den väterlichen Hof vorstellen kann, glaubt er auch an das altromantische Ideal von der einen, großen Lebensliebe, die sich ganz ohne Worte und am besten beim gemeinsamen Naturerlebnis mitteilt. Über seine Gefühle, Sorgen, Wünsche oder auch nur seine familiäre Herkunft hingegen spricht dieser junge Bauer schon aus Prinzip kaum mit seiner Frau:

Meine Frau bat mich manchmal: "Erzähl mir, was du von deinem Großvater weißt." Aber ich erzählte nicht viel. Mir schien, auch für diese Lebensgeschichte, sobald man sie erzählen wollte oder wirklich erzählte, war das Einzige und Passendste, was man sagen konnte, nur: und so weiter und so fort. Und dass auch dieses Leben, wie ein jedes, dahingegangen war bis zum Schluss.

Kann man sich nach solchen Bekenntnissätzen einer bewussten Kommunikations-Verweigerung eigentlich noch wundern, dass Theodors Ehe schon bald aus dem Ruder läuft? Und: dass seine Frau aus der Stadt mit ihrem wortkargen, traditionsbewussten und anti-modern eingestellten Gatten zunehmend in Konflikt gerät? Eigentlich nicht.

Dass das Scheitern von Theodors Ehe im Roman trotzdem ständig zu einem großen Rätsel ausgerufen wird, hat nur einen einzigen Grund. Nämlich den, dass mit Theodor ausgerechnet derjenige rückblickend die Geschichte dieser unglücklich verlaufenden Partnerschaft erzählt, der ihre Tragik am allerwenigsten begriffen hat.

Das ist gewissermaßen der entscheidende Kniff von "Der lange Gang über die Stationen": Dass mit Theodor ein Erzähler auftritt, der nicht nur aufgrund seiner eigenen Befangenheit eine höchst zweifelhafte Wahrheitsinstanz darstellt. Sondern der auch als Chronist schon deshalb denkbar ungeeignet ist, weil er gegenüber seinem Leser und allen anderen Figuren im Buch einen fast kurios anmutenden Wissensrückstand besitzt.

Denn selbst Theodors alte Mutter warnt ihren Sohn früh, dass ihre Schwiegertochter sich nicht wohl auf dem Hof fühlt. Der frisch verheiratete Bauer aber wischt diesen Hinweis ebenso schnell beiseite, wie er auch sonst alle Anzeichen eines Zeitenwandels klein redet, der sich im Dorf mit der fortschreitenden Technisierung abzeichnet.

Theodor möchte und kann nicht sehen, was eigentlich überdeutlich auf der Hand liegt. Die Tatsache nämlich, dass mit ihm und seiner Frau zwei Partner zusammentreffen, die nicht nur aus verschiedenen Lebenswelten stammen, sondern auch für zwei grundsätzlich unterschiedliche Geisteshaltungen stehen. Während der Hoferbe die Ideale einer christlichen Vormoderne vertritt, verkörpert seine Ehefrau - mit ihrer Vorliebe für Beatmusik, Großstadtleben und linkspolitische Utopien - die Fortschrittsideologie einer säkularisierten Moderne. Ein Clash der Kulturen, in dem sich nichts Geringeres als ein Epochenkonflikt widerspiegelt.

Das wird spätestens in der Mitte des Buches deutlich, beim ersten, ernsthaften Streit des Paares. Theodor und seine Frau sind mit der Ernte beschäftigt, als Theodors Mutter den beiden vom Tod des einzigen Sozialisten im Dorf erzählt: ein allseits gehasster Mann, mit dem sich bezeichnenderweise nur Theodors Frau gut verstand:

Die Mutter machte eine Bewegung mit der Hand, als verscheuchte sie eine Fliege: "Die Sozialisten sind ein Lumpenpack", sagte sie, "immer schon gewesen. Gesindel." Ich zuckte mit den Schultern, (...) aber meine Frau erboste sich, ihre Augen verengten sich und sie antwortete: "Die von der Volkspartei sind um nichts besser!" (...) Und, als sie sicher war, von der Mutter nicht mehr gehört zu werden, sagte meine Frau zu mir: "Es ist eine Schande, wie deine Mutter den Schwarzen das Wort redet!" Ich wusste nichts darauf zu sagen, nahm ihre Hand und wollte darüber streichen, aber sie entzog sie mir. (...) "Hörst du mir überhaupt zu, wenn ich etwas sage? Warum interessierst du dich nicht dafür?", fragte sie, und in ihrer Stimme lag Enttäuschung; (...) Mir war derlei immer schon eins, egal, einding gewesen, höchstens ein Schulterzucken wert. Für Politik war bei uns nie Zeit geblieben. (...) Meine Frau aber umfasste mein aus der Hosentasche herausstehendes Handgelenk und flüsterte ungefähr das Folgende: "Du bist kein schlechter Mensch, Theodor, das nicht. Aber du hast von deiner Mutter nicht nur gute Eigenschaften angenommen, sondern auch schlechte. Man kann nicht alles immer so hinnehmen! Nicht alle Dinge sind gottgegeben.

"Der lange Gang über die Stationen" ist die Chronik einer allmählichen Entfremdung zweier Ehepartner, die nicht aufzuhalten ist, weil sie auf einem nie aus geräumten, gegenseitigen Missverständnis beruht. Denn nicht nur Theodor vertut sich von Anfang an dramatisch in der Einschätzung seiner Frau. Auch seine Frau verkennt ihn völlig, als sie dem Bauernsohn zum ersten Mal in Linz zufällig auf der Straße begegnet. Theodor fällt der jungen Frau damals auf, weil er spontan für einen Fremden bei einem Streit Partei ergreift. Sie, eine überzeugte Sozialistin, beobachtet die Szene - und missdeutet Theodors Engagement als politisches Statement. Hinterher spricht sie den jungen Landwirt an, weil sie ausgerechnet in ihm einen linksutopistischen Seelenverwandten vermutet.

Das, was die beiden Liebenden im Roman also eint, ist eine romantisch-schwärmerische Vorstellung von der Liebe. Nur, dass Theodor dem Idealbild eines privaten, weltabgewandten Glückes nachhängt, während seine Frau - genau umgekehrt - eine sozialromantisch-kämpferische Vision von Partnerschaft hat. Und beide sind dermaßen stark in ihren Wunschvorstellungen gefangen, dass sie im jeweils anderen zunächst nur sehen, was sie sehen wollen - und das, was den anderen eigentlich charakterisiert, bizarr ausblenden. Die spätere Enttäuschung ist entsprechend vorprogrammiert und groß. Was allein allerdings noch ein ganz normal-heilsamer Vorgang sein könnte, weil schließlich alle Verliebten irgendwann einmal ihre rosa Brille absetzen müssen.

In Theodors Ehe aber gewinnt dieser notwendige Prozess einer Desillusionierung besondere Sprengkraft, weil hier beiden Partnern die gemeinsame Sprache fehlt, um sich über ihr Inneres auszutauschen. Auf die Enttäuschung folgt darum der beiderseitige Rückzug. Auf den Rückzug die Heimlichtuerei. Und auf die Heimlichtuerei schließlich der Verrat.

Theodor erzählt seiner Frau nichts von einem Kredit, den er für den Bau seines Schafsstalls aufgenommen hat - und der ihn finanziell ruiniert. Seine Frau wiederum fährt mehrmals ohne Begründung in die Stadt, um dort offenbar ein Baby abzutreiben, wie sich hinterher herausstellt.

Der still vor sich hingärende Konflikt eskaliert schließlich bei einem Kurzurlaub des Paares in Wien, wo beide einen guten Bekannten der Frau besuchen, der früher höchstwahrscheinlich einmal mehr als nur ein guter Bekannter war. Doch auch das bleibt, wie so Vieles in dieser mehr und mehr verstummenden Ehe, unausgesprochen:

Später ließ uns der Fremde allein. (...) Da sagte meine Frau etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand; viel später erklärte sie mir: Englisch. Aber da, in diesem Moment, wusste ich nicht, was sie redete. Da saß sie neben mir und war mir fremd geworden. Eine Wallung bebte in meinem Gesicht, knapp unter der Haut. Ich unterbrach sie, zornig geworden. (...) Mit wie extra heiser gewordener Stimme sagte ich: "Du kannst Deutsch mit mir reden. Ich bin nicht er." Sie lachte kurz, hysterisch beinahe. (...) Ich sah durch die mir jäh erscheinende Art, wie ihre Lippen sich bewegten, die Worte förmlich aus ihrem Mund kommen: "Ich wünschte, ich wäre alleine hier", sagte meine Frau. "Was du dauernd hast! Ich verstehe dich nicht. Was mache ich denn falsch?" Ich gab keine Antwort, ein Atemzug Stadtluft, wie unnatürlich warme, abgestandene Luft. Mir stockte der Atem. Und sie, meine Frau, fuhr fort: "Und du? Was machst du? Sieh dich an: Du stehst und gehst und sagst kein Wort. Nicht eines! Wieso redest du nichts mit mir. Sag mir doch, was dich bedrückt! Ich kann doch nicht Gedanken lesen. Und wieso wäschst du dich kaum noch? Sieh dich mal an: Deine Haare sind fettig, und der Bart zu lang!" Ich sagte wieder nichts. Mir fiel einfach nichts ein.

Theodors Bericht ist das Protokoll eines Hilflosen, der umso akribischer beschreibt, wie er sich fühlt und was um ihn herum genau geschieht, je mehr ihm ein Bewertungsinstrumentarium entgleitet, in das er seine Beobachtungen einordnen könnte. Was bleibt, ist der verstörte Blick eines Menschen, der durch Aufzählung von Fakten etwas zu erklären versucht, was außerhalb seines Vorstellungsvermögens liegt. Im Sinne Wittgensteins markieren die Grenzen der Sprache auch für Theodor die Grenzen seiner Welt. Und, wenn er seiner Frau dabei zusehen muss, wie sie sich bestens ohne ihn in den Umgangs- und Sprachcodes der Großstadt - und damit auch in einer neuer Zeit - zurechtfindet, dann hat das für Theodor nicht nur etwas Kränkendes, sondern in seiner Unerklärlichkeit auch geradezu etwas Dämonisch-Unheimliches.

Der dem Epochenwandel hinterher hinkende Theodor gleicht dann fast einem Außerirdischen, der mit staunend-ungläubigem Blick auf eine ihm grundfremde Umgebung schaut, als wäre es ein ferner Planet. Nicht ohne Grund wiederholt er ähnlich wie in eine Liturgie in seiner Rückschau immer wieder Formulierungen, als müsste er sich des Selbst-Erlebten ständig neu vergewissern, das er offensichtlich noch nicht verdaut hat.

In seiner poetisch-gefühlvollen, verlangsamten Art zu erzählen, sticht Reinhard Kaiser-Mühleckers bereits mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichnete Debütroman innerhalb der jüngeren deutschen Gegenwartsliteratur heraus, die ansonsten seit der Jahrtausendwende den schnörkellos-rasanten und betont unemotionalen Dokumentarstil der amerikanischen Kurzgeschichte bevorzugt.

Man merkt dem Romandebüt außerdem wohltuend an, dass sein Autor selbst auf einem Bauernhof in Oberösterreich aufgewachsen ist, bevor er in Wien Landwirtschaft und Geschichte studierte. Theodors landwirtschaftlicher Alltag ist darin lebensecht beschrieben, ohne seinen altmodischen Helden aber zum hinterwäldlerischen Deppen herabzuwürdigen - oder Theodor umgekehrt zum Vorreiter eines nostalgischen "Früher-war-alles-besser!" zu verklären.

Dadurch, dass die antiquiert-konservative Sichtweise des Bergbauern immer wieder durch die kritischen Kommentare seiner Ehefrau durchbrochen wird, kommt in diesem bemerkenswertem Heimatroman tatsächlich einmal beides vor: vormodernes Traditionsdenken und moderner Veränderungswille. Naturidylle und Blick hinter die Postkartenfassade. Für Theodors Ehe ist diese Kluft leider zu groß. Für den Leser aber markiert sein Bericht auch den geglückten Rehabilitierungsversuch für ein verpöntes Genre, der das einfache Bauernleben weder romantisch überhöht noch ideologisch abwertet.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: "Der lange Gang über die Stationen",
Hoffmann und Campe Verlag 2008, 158 Seiten, 16.95 Euro.

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