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StartseiteKultur heutePrototyp des selbst-inszenierenden Intendanten10.07.2011

Prototyp des selbst-inszenierenden Intendanten

Eine Bilanz der 35 Theaterjahre von Dieter Dorn in München

Eine Ära geht zu Ende. Wer wollte oder könnte das bestreiten. Eine Ära geht zu Ende - und das mit einem Rekord. 35 Jahre lang hat Dieter Dorn das Theaterleben Münchens maßgeblich bestimmt, an den Kammerspielen und am Bayerischen Staatsschauspiel.

Von Sven Ricklefs

Dieter Dorn als Kaiser in "Das Käthchen von Heilbronn" (dpa / picture alliance / Tobias Hase)
Dieter Dorn als Kaiser in "Das Käthchen von Heilbronn" (dpa / picture alliance / Tobias Hase)
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Dieter Dorns Theater, das war immer Kult, davon konnte man ausgehen. Dieter Dorns Theater, das war die Zelebration von Texten bis in die kleinste Nuance. Sein Theater war die große Geste, es war raumgreifend. Wie es sich überhaupt Raum nahm, auch zeitlich, vier Stunden waren da nichts, bei einem Shakespeare's "Lear" oder "Troilus und Cressida". Oder bei der Antike, mit stampfenden Chorgesängen und der herausgeschleuderten Tragödie. Shakespeare und die Antike, das waren zwei der Sockel, auf denen Dieter Dorn sein Theater baute. Der dritte hieß Botho Strauß. Insgesamt zehn Werke dieses Autors hat Dorn über die Jahrzehnte in Szene gesetzt, es waren vielleicht die größten Geschenke, die der Regisseur der Stadt München gemacht hat.

In den besten Fällen war Dieter Dorns Theater das, was man als Schauspielertheater bezeichnet, Sternstunden, die sich in das Gedächtnis einprägten. Im schlimmsten Fall jedoch war dieses Theater aufgeblähter, pathetischer Mimenschanz, wie man ihn sich auf den Bühnen längst vergangener Jahrhunderte vorstellt. Und Letzteres mehrte sich, je länger die Ära Dorn dauerte. Dabei hatte Dieter Dorn viele großartige Mimen zur Verfügung und diese Schauspieler seines renommierten Kammerspielensembles wechselten mit ihm 2001 von der einen Seite der Münchner Maximiliansstraße auf die andere: Rolf Boysen und Thomas Holtzmann, Gisela Stein und Cornelia Froeboess, Lambert Hamel und Jörg Hube, Sunnyi Melles, Sibylle Canonica und Jennifer Minetti, man kann sie nicht alle aufzählen. Und die meisten dieser Schauspieler haben ihm die Treue gehalten über die Jahrzehnte, haben ihre künstlerische Biografie in einer Weise an die seine gekoppelt, wie sich das nur ganz selten finden lässt im Theater.

Und tatsächlich ist eine der ganz großen Qualitäten Dieter Dorns sein Zugriff auf Schauspieler, ebenso wie sein Gespür für junge Talente.
Wie er es immer wieder schaffte, sein Publikum mit jungen Schauspielern zu konfrontieren, die nicht einfach nur begabt, sondern die zugleich auf ihre ganz eigene Weise außergewöhnlich waren, das war etwas Großartiges, Einmaliges und Überraschendes in jenen Hochzeiten in den Münchner Kammerspielen. Etwas, was ihm später dann im Bayerischen Staatsschauspiel nie wieder so gelingen sollte. Diese jungen Schauspieler konnten ihr Publikum in den Bann schlagen: Aus sich heraus und im ersten Moment. Sibylle Canonica gehörte zu diesen Wunderwesen auch Sunnyi Melles, Axel Milberg war einer von ihnen und Jens Harzer. Und natürlich wollte man als Zuschauer immer mehr von ihnen und wollte sie immer noch öfter sehen. Wollte sie nicht verlieren. Doch Theater lebt auch und gerade vom Wechsel. Das immer wieder Neue zu präsentieren: Auch das ist seine Aufgabe.

Und so wäre spätestens als Dieter Dorns Zeit an den Münchner Kammerspielen 2001 zu Ende ging, spätestens da wäre eine Zäsur wichtig und richtig gewesen. Für das Publikum, für das Ensemble und wahrscheinlich auch für Dieter Dorn.

Doch der wechselte nur das Haus und machte dann dort einfach weiter. Mit einem zwar aufgestockten, im Kern aber gleichen Ensemble. Mit sich selbst als Regie-Fixstern, der eigentlich wie schon in den Kammerspielen keine anderen Sterne neben sich duldete. Vor allem keine, die seiner strengen Auffassung von Theater als einer moralischen Anstalt entgegen stehen könnten, einer Anstalt, in der das Wort heilig und unantastbar ist und in der die Geschichte eines Stückes in seiner Gänze ausgebreitet wird, ohne interpretierend Stellung zu beziehen.

Damit stellt Dieter Dorn wirklich so etwas wie den Prototyp des selbst-inszenierenden Intendanten dar, der keine künstlerisch ebenbürtige Potenz neben sich ertragen kann und auch keine Söhne oder Töchter, die einmal über ihn hinauswachsen könnten.

Und so wuchs in den letzten Jahren neben den noch immer zahlreichen Dornverehrern bei Publikum und Presse auch die Zahl der Dornverächter. Für die einen war das Bayerische Staatsschauspiel noch immer Kult. Für die anderen ein musealer Ort, den man tunlichst meidet. Auch mit dieser Spaltung wird die Ära Dieter Dorn in die Theatergeschichte eingehen. Sie wird aber auch eingehen als das Fest, das sie war über lange Zeit, als das Fest einer hohen Kunst außergewöhnlicher Schauspieler. Das ist Dorns Verdienst. Ohne Frage.

DKultur Thema: Interview mit Dieter Dorn

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