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StartseiteBüchermarktProvokationen für den Geist20.07.2006

Provokationen für den Geist

Michael Hauskeller über Merkwürdigkeiten in der Philosophie

Michael Hauskeller versammelt in den Kurzessays seines Bandes "Mögliche Welten" philosophische Merkwürdigkeiten. Denkanregungen, ja schiere Provokationen enthält das Buch zu Genüge.

Die Philosophie hat im Lauf der Geschichte so manche Merkwürdigkeit hervorgebracht, für die aus heutiger Sicht das Verständnis fehlt. (Stock.XCHNG / Joao Estevao A. de Freitas)
Die Philosophie hat im Lauf der Geschichte so manche Merkwürdigkeit hervorgebracht, für die aus heutiger Sicht das Verständnis fehlt. (Stock.XCHNG / Joao Estevao A. de Freitas)

Das Leben ist uns vertraut, die materielle Umgebung nicht minder. Fällt ein Apfel vom Baum, folgt er ebenso Naturgesetzen wie der zum Himmel aufsteigende Wasserdampf. Bei schwer zu klärenden Fragen wenden wir uns an die Philosophie. Bekannte und unbekannte Denker stehen dafür bereit, orthodoxe und unorthodoxe, und letztere Fraktion hat es Michael Hauskeller angetan. Mit seiner Kurzessay-Sammlung "Mögliche Welten" durchforstet er die Philosophiegeschichte auf verblüffende Abweichungen vom Mainstream.

Da wäre etwa Philipp Mainländer, dessen kurzes Leben Mitte des 19. Jahrhunderts immerhin so lange währte, dass er ein 1300 Seiten umfassendes Konvolut hervorbringen konnte, die "Philosophie der Erlösung". Deren Kernthese erscheint verblüffend: Unsere wirkliche, reale Welt sei die Folge von Gottes Selbstaufgabe, denn "Gott erkannte, dass er nur durch das Werden einer realen Welt der Vielheit (…) aus dem Übersein in das Nichtsein treten könne". Eine Philosophie der negativen Evolution hin zum Nichts (Physiker nennen den Vorgang Entropie), bei der alles Gestaltete immer weiter zerfällt bis in "die süße, stille Nacht des absoluten Todes hinein", wie Michael Hauskeller die Mainländersche Teleologie nennt. Bei ihrer Beschreibung bleibt er fair, obwohl es nahe läge, einen therapeutischen Blick auf die suizidalen Hintergründe zu werfen, mithin den Versuch zu diagnostizieren, eine ganz persönliche Lebensverzweiflung zum philosophischen System zu überhöhen. Immerhin brachte sich Mainländer an dem Tag um, an dem er das Belegexemplar seines Werkes erhielt.

Eine nachhaltige Wirkungsgeschichte war ihm nicht vergönnt, was ihn mit Jeremy Bentham verbindet. Gewiss, als Vater des Utilitarismus ist Bentham selbst Laien geläufig, doch dass er zu den schärfsten Kritikern der allgemeinen Natur- und Menschenrechte gehörte, die er als "Unsinn auf Stelzen" bezeichnete, wissen wenige. Man muss das auch nicht wissen, mag man sich trösten, denn schließlich basiert unser westliches Wertesystem auf unveräußerlichen Menschenrechten und benötigt keine mutwillige Erschütterung. Doch Benthams Einwände sind stichhaltig. Wenn man - wie bei der Französischen Revolution geschehen - das Recht auf Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung als gegebenes Naturrecht jedes Menschen postuliert, gerät man in unauflösbare Zielkonflikte. Die Gewährung von Eigentum und Sicherheit setzt notgedrungen eine Einschränkung der Freiheit voraus; halte ich hingegen die Freiheit hoch, kann es weder Gefängnisse für Bösewichte noch verschlossene Türen an Privathäusern geben. Bentham ist gnadenlos mit den französischen Revolutionären und ihren Nachfolgern, denn selbst wenn man gegen jede Vernunft Naturrechte als gegeben ansähe, sagt er, könne man immer noch nicht sagen, wie die Gesellschaft damit funktionieren solle.

"Es wird heute wohl kaum jemanden geben, der Benthams vernichtende Kritik nicht für überzogen, wenn nicht gar für ausgesprochen böswillig hielte", wiegelt Hauskeller vorsorglich ab, um dann doch zu bekennen, dass er die politische Dauerrhetorik um die Menschenrechte für bedenklich hält. Man kann Kriege gegen den Terror führen und dabei gerade die Menschenrechte, die man verteidigt, zugleich mit Füßen treten. Eben, würde Bentham mokant lächeln, anders geht es auch nicht! Nicht die Wirklichkeit ist schuld daran, sondern das falsche philosophische Konstrukt.

Ansichten, die auch heute noch keineswegs comme il faut sind, machen den Gewinn des Bandes aus. Dazu zählt die Bienenfabel von Bernard Mandeville, der heuchelnden Zeitgenossen im 17. Jahrhundert den Spiegel vorhalten wollte, indem er betonte, Laster und Eigennutz seien die wahren menschlichen Triebkräfte, nicht strebsame Frömmigkeit. Adam Smith hat später daraus die Theorie der Marktwirtschaft gemacht, in der die Summe austarierter Individualinteressen das Gemeinwohl hervorbringen. "Mögliche Welten" freilich - im Sinne alternativer Gesamtentwürfe - enthält der Band außer der Nichtwelt Mainländers keine weiteren. Hauskeller versammelt stattdessen philosophische Merkwürdigkeiten und nimmt dabei auch manch Entbehrliches auf, das sich in jedem dritten Sachbuch findet wie das Gefangenendilemma oder die Parabel von Buridans Esel. Denkanregungen, ja schiere Provokationen enthält das Buch dennoch zur Genüge.

Sind Tiere einfach nur Maschinen (was jeder Legebatteriebesitzer in seinem Handeln ausdrückt)? Und darf man Neugeborene töten? Natürlich nicht, beschwört uns die abendländische Ethik, schon ungeborenes Leben ist heilig, doch der Philosoph Michael Tooley – und weitaus folgenreicher sein Adept Peter Singer – haben gezeigt, dass es begründbare Denkfiguren gibt, in denen dies ethisch erlaubt zu sein scheint. Alles eine Frage der gesetzten Prämissen, und das berührt die Grundproblematik jeder Philosophie. Denken lernen mit Michael Hauskeller heißt, aufs Fundament der eigenen Prämissen zurückgeführt zu werden. Und das ist nicht wenig.

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