Kommentar /

Prüfstein für die Regierenden

Holocaust-Denkmal für Sinti und Roma ändert nichts an Vorurteilen und Diskriminierung

Von Jürgen König, Hauptstadtstudio

Jürgen König bezweifelt, dass hinter dem Zustandekommen des Denkmals für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin ein genereller Bewusstseinswandel steckt
Jürgen König bezweifelt, dass hinter dem Zustandekommen des Denkmals für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin ein genereller Bewusstseinswandel steckt (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)

1980 trat eine Gruppe Sinti und Roma in den Hungerstreik, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Nationalsozialisten noch einen weiteren Völkermord begangen hätten, der in der Bundesrepublik verschwiegen werde. Zwei Jahre später erkannte Bundeskanzler Schmidt diesen Völkermord ausdrücklich als solchen an – ohne dass das Thema jedoch ernsthaft in den Mittelpunkt deutscher Debatten gerückt wäre.

Ob sich das jetzt ändert? Immerhin: Was keiner der Hungerstreikenden von 1980 sich auch nur im Traum hätte vorstellen können, trat ein: An prominentem Ort, zwischen Brandenburger Tor und Reichstag, mitten in Berlin gibt es jetzt ein "Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas". Das kommt einem Wunder gleich, und für das Wunder sorgten Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma und Kulturstaatsminister Bernd Neumann.

Der eine war der Initiator, der das Projekt unermüdlich immer und immer wieder aufs Neue belebte, der andere wusste als besonnener Diplomat zu vermitteln: zwischen den verstrittenen Opferverbänden, zwischen dem Künstler Dani Karavan und der Bauverwaltung des Berliner Senats, deren Zerwürfnisse - wegen immer wieder neuer Ideen des Künstlers und der überaus anspruchsvollen Technik seines Denkmals – mehrmals das Scheitern des Unternehmens wahrscheinlicher machten als sein Gelingen.

Damit sollen Dani Karavans Verdienste nicht geschmälert werden: Sein jetzt verwirklichter Entwurf ist ein wunderbarer, stiller Gedenkort geworden, unpathetisch, von feierlichem Ernst. Wie wichtig es für die Überlebenden und ihre Angehörigen ist, dass ihr Leid, das Leid ihrer Familien über sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges endlich sichtbar anerkannt wird, wurde bei der Einweihung wieder und wieder angesprochen, und Dani Karavans Gedenkort wurde den großen Erwartungen gerecht.

So weit, so gut. Der von Deutschen getöteten Sinti und Roma wird nun gedacht. Auch der in Deutschland lebenden Sinti und Roma? Dass hinter dem Zustandekommen des Denkmals für die ermordeten Sinti und Roma ein wirklicher, von der Mehrheitsgesellschaft getragener Bewusstseinswandel steckt, muss leider bezweifelt werden.

Die Vorurteile gegenüber den Sinti und Roma sitzen tief in den Köpfen der Deutschen, Ausgrenzung findet statt: Das gab auch die Bundeskanzlerin zu. Der gewaltbereite Rassismus gegen Sinti und Roma nimmt zu und findet Rückhalt nicht nur bei den Rechtsextremen, sondern längst auch in der Mitte unserer Gesellschaft.

Dagegen müsste vorgegangen werden, doch sind derlei Aktivitäten nicht zu erkennen. Auch dass Asylbewerber der Sinti und Roma konsequent abgeschoben werden, obwohl sie in Ungarn oder Rumänien oder Bulgarien diskriminiert, verfolgt werden: Es geht nicht zusammen mit Ansprachen, in denen feierlich der "Minderheitenschutz" und "eine neue Erinnerungskultur" und das "Denkmal als Herausforderung" proklamiert wird. Ein "Prüfstein" für die Regierenden sei das Denkmal, sagte Romani Rose. Er hat Recht.



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kommentar

Ukraine-KriseZielvorgabe ohne Fahrplan

Die Teilnehmer des Ukraine-Gipfels sitzen an einem Tisch

Mit der Einigung in Genf, dass unter anderem jenen Separatisten Straffreiheit gewährt werde, die ihre Waffen abgeben und besetzte Gebäude räumen, sei kein genauer Fahrplan entstanden, meint Stefan Maas. Es fehle an der Benennung von klaren Schritten und Verantwortlichen, die dafür zuständig sind, für die Umsetzung zu sorgen.

KriminalitätVerharmlosung sexueller Gewalt

Die Großaufnahme zeigt zwei Bücher, das Strafgesetzbuch und die Strafprozessordnung, die auf einem Tisch liegen. Daneben ein Schild mit der Aufschrift "Staatsanwalt", dahinter sind die Hände eines Mannes zu erkennen.

In Gerichtsverhandlungen über Vergewaltigungen werden die Täter immer seltener verurteilt. In Deutschland klaffe offenbar eine Lücke zwischen einem gesellschaftlichen Klima, das zur Anzeige von Vergewaltigungen ermutige, und einer Justiz, die nicht fähig oder willens sei, kommentiert Anja Nehls.

NigeriaEin blutiges Perpetuum mobile

Mehrere Fahrzeuge brennen, schwarzer Qualm zieht in den Himmel, im Vordergrund links ein teilweise ausgebranntes rotes Auto

Es war eine blutige Woche in Nigeria: Bei einem Bombenanschlag auf einen Busbahnhof wurden mehr als 70 Menschen getötet, außerdem entführten Unbekannte mehr als 100 Schülerinnen. Die Regierung macht für die Taten die islamistische Gruppe Boko Haram verantwortlich, verharmlost aber zugleich deren Rolle im Land, findet Alexander Göbel.