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StartseiteInterview"Das Beste, was Opel passieren konnte"06.03.2017

PSA-Übernahme "Das Beste, was Opel passieren konnte"

Für Opel sei die Übernahme durch den französischen Autokonzern PSA die beste Lösung, sagte Helmut Becker, Ex-Chefvolkswirt von BMW, im Deutschlandfunk. Alle anderen Optionen wären für die Opelaner schlechter ausgegangen: Eine Übernahme durch Volkswagen hätte einen erheblichen Schnitt, wenn nicht gar das Aus für das Unternehmen bedeutet.

Helmut Becker im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Ein Gebäude mit dem Opel-Logo in Rüsselsheim steht in der Abendsonne. (Andreas Arnold/dpa)
Die deutsche Traditionsmarke Opel steht vor einem Eigentümerwechsel. (Andreas Arnold/dpa)
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Tobias Armbrüster: In gut zwei Stunden könnte es ernst werden mit der Übernahme von Opel durch den französischen Autokonzern PSA. Die Franzosen haben gemeinsam mit der bisherigen Opel-Mutter GM eine Pressekonferenz für ganz genau 9:15 Uhr in Paris angekündigt. Allgemein wird erwartet, dass dabei Details zu dieser Mega-Übernahme bekannt werden.

– Am Telefon dazu jetzt Helmut Becker, einer der versiertesten Kenner der deutschen Automobilwirtschaft, ehemals Chefvolkswirt bei BMW und heute Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation. Schönen guten Morgen, Herr Becker.

Helmut Becker: Guten Morgen, Herr Armbrüster.

Armbrüster: Herr Becker, werden wir in Paris in zwei Stunden noch irgendeine Überraschung erleben?

Becker: Ja nun, es gibt noch eine Reihe von offenen Punkten hinsichtlich des Entwicklungs- und Forschungszentrums von Opel und hinsichtlich der Marktöffnung für Opel jenseits der Meere, in China oder in den USA selber. Alles dieses ist im Moment der Öffentlichkeit noch nicht bekannt, wird geregelt und, nehme ich an, wird dort verkündet.

Armbrüster: Ganz allgemein, kann man denn jetzt schon sagen, ist diese Übernahme gut für Opel?

"Das Beste, was Opel passieren konnte"

Becker: Aus meiner Sicht ist es das Beste, was Opel passieren konnte. Das klingt jetzt zwar im Moment makaber, aber ist es in Wirklichkeit nicht. Denn alles, was im Gespräch war, wäre für die Opelaner, wenn ich das mal so sagen darf, schlechter ausgegangen.

Eine Übernahme durch Volkswagen hätte mit Sicherheit einen erheblichen Schnitt und Zäsur in dem Unternehmen bedeutet, wenn nicht gar das Aus, denn Volkswagen hätte das Unternehmen völlig integriert. Oder auf der anderen Seite, wenn Opel bei GM geblieben wäre, hätte die Mutter natürlich noch härtere Sanierungsschritte durchführen müssen, um Opel am Markt zu halten, oder wäre Opel in die Insolvenz gegangen.

Armbrüster: Ganz kurz, Herr Becker. Entschuldigen Sie, wenn ich Sie da unterbreche. Schnitt und Zäsur, meinen Sie, das wird es jetzt mit den Franzosen nicht geben?

Becker: Nein, das wird es mit den Franzosen in dieser Form jedenfalls nicht geben. Natürlich gibt es Sparpläne oder wird es Sparpläne geben und Opel wird bei den Kosten erhebliche Zugeständnisse machen müssen. Aber Opel als Marke wird mit Sicherheit am Markt erhalten bleiben und die Franzosen geben nicht so viel Geld aus, um das Unternehmen vom Markt verschwinden zu lassen. Im Gegenteil!

Armbrüster: Der Markenname, das kann man verstehen. Aber wenn man sich diese beiden Autokonzerne und was sie produzieren mal ansieht, das sind ja alles Autos ziemlich der gleichen Klasse und der gleichen Größe. Ziemlich viele Dopplungen eigentlich, oder?

Becker: Ja nun, das ist richtig. Man bewegt sich im gleichen Markt. Aber man hat eine unterschiedliche Entwicklung hinter sich. Beides sind Familienunternehmen, sind 155 Jahre alt oder in der Größenordnung und haben ein eigenständiges Branding am Markt. Als Automobilmarken sind sie selbständig verankert. Und das ist wichtig.

Armbrüster: Sie haben es gerade schon erwähnt: Wir haben gestern erfahren, dass es 2014 schon mal die Idee gab, dass VW Opel gekauft hätte. Da denken sich jetzt wahrscheinlich viele, das wäre doch besser gewesen, dann wäre wirklich alles in Deutschland geblieben.

"VW hat potenzielle Käufer vergrault"

Becker: Nein, das wäre meines Erachtens nicht besser gewesen. VW hätte 2009 schon die Möglichkeit gehabt, als Opel wirklich in der Krise war, Opel aufzukaufen beziehungsweise in den Konzern zu integrieren. Damals hat VW das abgelehnt und hat alles getan, um Opel in die Insolvenz zu schicken. Jeder potenzielle Käufer, zum Beispiel aus der Zulieferindustrie, Magna in Österreich, wurde vergrault, damit nur keiner Opel übernimmt. VW hat überhaupt kein Interesse daran, dass Opel weiter besteht. Und dieses, vermute ich, wäre auch 2014 so gewesen.

Armbrüster: Das heißt, das war eine gute Idee, dass das damals gescheitert ist. – War das denn eigentlich damals bekannt, oder haben die das völlig unter der Decke gehalten?

Becker: Nein, das war damals nicht bekannt, sondern das ist jetzt plötzlich, wenn man so will, ganz neu in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Es gab gewisse personelle Veränderungen, die vielleicht darauf hingedeutet hätten, denn der Opel-Chef Karl-Thomas Neumann war ja viele Jahre bei Volkswagen tätig. Und bevor er zu Opel gekommen ist, hat er eine wichtige Position oder eine wichtige Funktion bei Volkswagen gehabt. Das ist ein VW-Mann gewesen. Während umgekehrt der Chefstratege von Opel, der jetzt die ganze Sanierung in den letzten Jahren geleitet hat, zu Volkswagen gewechselt ist. Da gab es durchaus personelle Verflechtungen, wo man so etwas hätte, wenn man so will, abwickeln können. Aber bekannt war das nicht.

Armbrüster: Interessante Details, die da aus der Vergangenheit jetzt langsam bekannt werden. Lassen Sie uns in die Zukunft blicken. Wenn Opel jetzt GM verlässt und mit den Franzosen, mit dem PSA-Konzern zusammengeht, heißt das, dass Opel künftig auch endlich stärker auf dem chinesischen Markt auftreten kann?

Becker: Ja. Ich vermute, dass das so sein wird. PSA ist mit Chinesen, mit Dongfeng liiert. Dongfeng, ein chinesisches Automobilunternehmen, hat Kapitalverflechtungen mit PSA. Und ich glaube, dass über diesen Weg Opel Zugang zum chinesischen Markt bekommen wird. Aber dieses wird sicherlich vertraglich geregelt werden, weil dann Opel natürlich auch Konkurrenz zu GM sein wird in China, auf dem chinesischen Markt. Das wird man sehen, aber das würde Sinn machen.

Armbrüster: Das heißt, die ehemaligen Chefs von GM, die könnten den Opelanern sagen, ihr bleibt bitte auch in Zukunft fern vom chinesischen Markt, oder ihr haltet euch da sehr zurück?

Becker: Richtig. Das wäre eine Geschichte, das wird in dem Vertrag mit Sicherheit geregelt sein.

Armbrüster: Jetzt mal eine etwas allgemeinere Frage. Wir haben die Manager von Peugeot in den vergangenen Wochen immer wieder gehört. Die haben selbst gesagt, dass es in Europa eine Menge Leute geben würde, die sich nie ein französisches Auto kaufen würden. Und deshalb sei es gut, dass jetzt die Deutschen mit Opel mit dazukommen zu PSA.

Becker: Ja.

Armbrüster: Da könnte man jetzt ganz zynisch sagen, da haben wir die Franzosen mit einem nicht ganz so guten Image. Ich sage mal, eher Klapperkiste. Die bestimmen jetzt künftig über Opel, über einen deutschen Qualitätshersteller. Kann das gut gehen?

"Volkswagen entsteht ein Wettbewerber"

Becker: Das kann mit Sicherheit gut gehen. Zum einen hat das Image von PSA sich erheblich gebessert in den letzten Jahren. Die Autos sind in Ordnung und verkaufen sich auch im französischsprachigen Raum sehr gut. Das ist die eine Geschichte. Die zweite ist: Der VW-Konzern selber hat es ja vorgemacht, wie man einen Vielmarkenkonzern führen kann. Das heißt, zu VW gehört ja auch Seat, eine spanische Marke, oder Skoda, eine tschechische Marke. Und genauso wird in Zukunft zu dem PSA-Konzern eine französische Marke gehören und eine nationale deutsche Marke, nämlich Opel. Opel wird den deutschsprachigen Raum sehr stark abdecken und den östlichen Bereich von Europa, während die Franzosen weiterhin sich in den Märkten tummeln werden, die sie bisher hatten. In der Summe werden beide stärker sein. Und der Verlierer an dem ganzen Spiel ist – und das ist nichts Neues – Volkswagen, denn hier entsteht nun wirklich ein Wettbewerber, mit dem VW in dieser Form nicht gerechnet hat, den es 2014 offensichtlich verhindern wollte, aber nun ist er da.

Armbrüster: Wie kriegen Opel und PSA das hin mit den vielen Umbrüchen in der Autoindustrie? Ich sage nur mal Elektroautos und Diesel? Ganz kurz noch, Herr Becker.

Becker: Dies ist eine Herausforderung, der alle sich stellen müssen. PSA hat wenig Erfahrung mit Elektroautos, das hat Opel. Insofern wird man sich hier ergänzen, während andererseits Opel Marktzugang erhalten wird, den es bisher nicht hat.

Armbrüster: Helmut Becker, der Autoexperte, heute Morgen hier bei uns in den "Informationen am Morgen". Vielen Dank, Herr Becker, für das Interview.

Becker: Vielen Dank, Herr Armbrüster.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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