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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften30- und 60-Jährige besonders anfällig für Einsamkeit11.08.2016

Psychologie30- und 60-Jährige besonders anfällig für Einsamkeit

Einsamkeit im Alter ist - leider - weit verbreitet. Doch auch in zwei anderen Lebensphasen sind die Deutschen besonders anfällig für Einsamkeit, wie Kölner Wissenschaftlerinnen herausgefunden haben: Im Alter von etwa 30 Jahren und später mit etwa 60 noch einmal.

Von Peter Leusch

Eine Frau sitzt in Mantel und Gummistiefeln allein an einem Strand in Frankreich. (Imago)
Nicht nur sehr alte Menschen sind einsam - auch um die 30 und um die 60 herum fühlen sich viele Menschen einsam. (Imago)
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"Einsamkeit ist für uns tatsächlich ein subjektiver Zustand. Einsamkeit ist etwas anderes als Alleinsein. Wir sprechen im Alltag manchmal davon, dass man gern in der Einsamkeit ist, dass man gern alleine ist - das ist nicht das, was wir darunter verstehen. Sondern wir verstehen darunter wirklich dieses Gefühl, dass man weniger soziale Kontakte hat als man gerne hätte."

Maike Luhmann, Professorin für Psychologie an der Universität Köln, ist dem Phänomen der Einsamkeit wissenschaftlich nachgegangen. Zusammen mit einer amerikanischen Kollegin hat sie untersucht, in welchem Lebensalter Menschen sich besonders einsam fühlen, das heißt ob es einen Zusammenhang  gibt zwischen der Lebensphase eines Menschen und seinem Gefühl sozialer Isolation.

Dazu haben die beiden Wissenschaftlerinnen die Daten des sogenannten sozioökonomischen Panels genutzt. Das ist eine repräsentative sozialwissenschaftliche Befragung in deutschen Privathaushalten, eine Längsschnittstudie, die seit 1984 im Abstand von wenigen Jahren immer wieder durchgeführt wird.

"Wir haben Daten aus dem Jahr 2013 verwendet. Da wurden erstmals drei Fragen zur Einsamkeit in diese Studie aufgenommen. Und wir haben damit Daten von einer repräsentativen Stichprobe von über 16.000 Personen aus Deutschland zur Einsamkeit bekommen."

Wissenschaft bestätigt, was Erfahrung lehrt

Nun  haben die Wissenschaftlerinnen die Ergebnisse ihrer Auswertung in einer  Fachzeitschrift publiziert. Der erste Befund ist dabei alles andere als überraschend:

"Was wir herausgefunden haben, ist, dass Einsamkeit im hohen Alter tatsächlich sehr hoch ist, da gibt es einen enormen Anstieg vor allem ab 75 oder 80 Jahren. Und das entspricht ganz dem Klischee, was viele von uns von alten Menschen haben. Man denkt dann vielleicht an die alte Frau, die den ganzen Tag am Fenster sitzt und auf die Straße heraus schaut und sonst keine Kontakte hat. Dieses Bild trifft also anscheinend ein Stück weit zu, es ist tatsächlich so, dass sehr alte Menschen, also etwa ab 75, 80 Jahren, zu denjenigen gehören, die am einsamsten sind."

Die Wissenschaft bestätigt in ihren empirischen Untersuchungen hier eigentlich nur, was uns die Erfahrung bereits lehrt. Und auch die Gründe für verstärkte Einsamkeit im hohen Alter sind wohlbekannt, erklärt die Soziologin Lea Ellwardt, Juniorprofessorin an der Universität Köln:

 "Also Einsamkeit ist relativ gut untersucht in der späteren Lebensphase von Erwachsenen, auch weil Altwerden häufig zusammenfällt mit Änderungen im sozialen Umfeld, zum Beispiel das Alleinleben, wenn ein Partner nicht oder nicht mehr vorhanden ist, wenn auch einer Erwerbstätigkeit nicht mehr nachgegangen wird und damit potentielle soziale Kontakte entfallen. Aber auch körperliche Beeinträchtigungen können dazu führen, dass Menschen weniger sozial aktiv sind, also auch nicht mehr so oft aus dem Haus gehen können, auch wenn sie das vielleicht möchten. Und das kann dann auch zusammenfallen mit dem Gefühl der Einsamkeit."

In mittleren Lebensphasen besonders anfällig

Gesundheitliche Einschränkungen, abnehmende Mobilität, Partnerverlust - das sind Risikofaktoren, die eine Vereinsamung begünstigen und die im hohen Alter verstärkt auftreten. Soweit keine Überraschung vonseiten der Wissenschaft. Bei Maike Luhmanns Auswertung hat sich allerdings auch herauskristallisiert, dass in ganz bestimmten mittleren Lebensphasen das Gefühl der Einsamkeit ebenfalls besonders ausgeprägt ist.

"Eine Phase ist um die 30 herum. Wir haben herausgefunden, dass die etwa 30-jährigen sehr viel einsamer sind im Durchschnitt als diejenigen, die etwas jünger oder etwas älter waren. Und eine weitere Lebensphase, in der es so eine Anfälligkeit für Einsamkeit zu geben scheint, ist so um die 55, 60 herum."

Die Wissenschaftlerinnen haben alle möglichen Faktoren herangezogen, die das Datenmaterial hergab - gesundheitliche Einschränkung, soziale Kontakte, Anzahl der Freunde, Einkommen und Bildung, - um den Anstieg von Einsamkeit  in diesen beiden Lebensphasen zu erklären. Ohne Erfolg.

"Wir haben im Grunde festgestellt, dass keiner dieser Faktoren so richtig erklärt, warum bei den 30-Jährigen und bei den 60-Jährigen die Einsamkeit so hoch ist. Das heißt, hier stehen wir wirklich noch ein bisschen vor einem Rätsel."

Die "Rushhour des Lebens"

Im Moment haben die Wissenschaftlerinnen nur eine Hypothese, die sie erst noch verifizieren müssen. Vielleicht gibt es, so lautet die Annahme Maike Luhmanns, genau wie die Hauptverkehrszeit auf den Straßen auch eine Rushhour des Lebens.

"Eine mögliche Erklärung, warum die Einsamkeit bei den Um-die-30-Jährigen besonders ausgeprägt ist, ist, dass es diese sogenannte Rush Hour des Lebens ist. Man nennt diese Phase so, weil da ganz viel auf einmal passieren soll: Man soll sich beruflich etablieren, man soll eine Familie gründen, man soll ein Haus kaufen, also diese ganzen großen Lebensaufgaben, die kommen plötzlich geballt in dieser Altersphase, und es gibt viele Menschen, die damit ein bisschen überfordert sind."

Das "Empty-Nest-Syndrom"

Um das 30. Lebensjahr herum ereignen sich bei vielen Menschen bedeutende Umbrüche in ihren sozialen Beziehungen. Wenn zum Beispiel Kinder geboren werden, so führt dies nicht selten dazu, dass man sich von den Freunden ein Stück weit entfremdet, die ein anderes Leben führen, die weiterhin abends lange ausgehen, während man selber sich zu Hause um den Nachwuchs kümmert.  Solche Umbrüche in den Beziehungen könnten ebenfalls ein Grund sein, warum die Endfünfziger sich verstärkt einsam fühlen. Hier spricht man, so Lea Ellwardt, vom Empty-Nest-Syndrom, also vom Leeren-Nest-Syndrom.

"Richtung 50er-/ 60er- Jahren, wenn die Kinder das Haus wieder verlassen, das nennt man auch das Empty-Nest-Syndrom, dass dann im Prinzip wieder eine Art Lücke entsteht,  die Kinder und deren Kontakte etwas in die Ferne rücken, und man dann erst mal wieder schauen muss, was man jetzt mit der neu gewonnenen Zeit und Energie anstellen kann im sozialen Sinne."

Lea Ellwardt führt auch die medizinsoziologischen Erkenntnis zu Einsamkeit an: Einsamkeit kann eine Folge von Depression sein, aber auch eine Ursache davon. Einsamkeit kann krank machen, in psychischer und körperlicher Hinsicht:

"Leute, die vielleicht anfänglich gesund sind, die sich langfristig einsam fühlen, können als Folge davon gesundheitliche Beeinträchtigungen haben, deshalb wird Einsamkeit auch als Risikofaktor in der Epidemiologie wahrgenommen, sprich:  Leute, die chronisch einsam sind,  haben häufiger höheren Blutdruck, sind gestresster, sind trauriger, haben mehr Herzkreislaufprobleme, sind anfälliger für Grippe zum Beispiel, Erkältungen, und die Krankheiten nehmen dann häufig einen schlimmeren oder schnelleren Verlauf."

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Die Untersuchung von Einsamkeit in bestimmten Lebensphasen geht weiter.  Maike Luhmann nennt die anstehenden wissenschaftlichen Hausaufgaben:

"Das Erste ist, dass wir schauen: Lässt  sich das überhaupt in anderen Daten auch finden. Oder ist es etwas, was nur in diesem deutschen Datensatz drin ist. Wir werten aktuell Daten aus den USA aus, und wir finden da auch, dass es im mittleren Alter erhöhte Einsamkeit gibt, aber es ist nicht genau dasselbe Alter. Es sind nicht die 30-jährigen, da sind es eher die 40-Jährigen, wo die Einsamkeit hoch ausgeprägt ist."

Außerdem verlangen die wissenschaftlichen Befunde zu ihrer Absicherung eine Wiederholung und Überprüfung mit zeitlichem Abstand, um auszuschließen, dass man nicht bloß zeit- und generationsspezifischen Eigenheiten in Deutschland aufgesessen ist, während  man glaubte eine allgemeine Wahrheit herauszufinden. 

"Ein zweiter Punkt, den wir angehen möchten: Die  Menschen haben einmal ihre Einsamkeit berichtet. Das bedeutet, dass wir nicht feststellen können, ob diese Altersunterschiede etwas mit dem Alter zu tun haben, also: Ist das Alter 30 besonders gefährlich für Einsamkeit?  Oder sind es Generationenunterschiede? Also sind die heute 30-Jährigen aus irgendeinem Grund einsamer als die heute 20-Jährigen? Und wenn wir jetzt zehn Jahre weiter gehen, dann sind die heute 30-Jährigen 40 und sind dann vielleicht immer noch einsamer als diejenigen, die dann 30 sind?"

Eine erste Gelegenheit, die Forschung über den Zusammenhang von Einsamkeit und Lebensalter fortzusetzen , gibt es bereits im Herbst. Denn dann kommen die  neuesten Daten des Sozioökonomischen Panels 2016 heraus.

 

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