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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie Kinder sich selbst sehen11.02.2016

PsychologieWie Kinder sich selbst sehen

Kindliches Verhalten zu erforschen, ist nicht ganz einfach. Vor allem wenn es darum geht zu erfahren, wie Kinder sich selber sehen. Forscher haben jetzt einen Fragebogen entwickelt, um mit Kindern ins Gespräch zu kommen und Aufschlüsse über deren Selbstkonzepte zu bekommen. Das könnte zu neuen Erkenntnissen für den Umgang mit Kindern führen.

Von Alfried Schmitz

Brandenburgs Bildungsminister Günter Baaske (SPD, hinten rechts) und Bürgermeister Heiko Müller verfolgen am 01.07.2015 in Falkensee den Morgenkreis einer Kita. (dpa / Bernd Settnik)
Morgenkreis in einer Kita in Falkensee (dpa / Bernd Settnik)

Wenn es für Soziologen und Psychologen darum geht, bestimmte Daten und Informationen über das Verhalten oder die Befindlichkeiten von Kindern zu erhalten, dienen oft die Aussagen von Eltern und pädagogischen Fachkräften als wichtige Informationsquelle. Doch die Fragestellung eines aktuellen Forschungsprojektes der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch-Gmünd, ließ diese Methode nicht zu. Um wissenschaftliche Erkenntnisse darüber zu erhalten, wie Kinder sich selbst sehen, wollte die Psychologin Dr. Eva-Maria Engel andere Wege gehen.

"Beim Selbstkonzept muss man wissen, dass es ein sehr subjektives Konstrukt ist, was sich eben nur bedingt über Beobachtung von Außenstehenden erschließt. Und deshalb ist es wichtig, die Kinder an der Stelle selbst zu Wort kommen zu lassen."

Was sich leicht anhört, aber in der Umsetzung enorme Schwierigkeiten bereitet. Denn es geht bei diesem Forschungsprojekt um die Altersgruppe zwischen vier und elf Jahren. Schon Erwachsenen fällt es äußerst schwer, in sich zu gehen, sich selbst zu betrachten und persönliche Eigenschaften, Fähigkeiten, Schwächen, Vorlieben und Gefühle zu erkennen und zu benennen.

Positives Selbstkonzept ist wichtig für die Entwicklung

Wie erhält man von so jungen Probanden wissenschaftlich auswertbare Aussagen? Keine einfache Aufgabe, die sich Eva-Maria Engel für ihr Projekt ausgesucht hatte, denn die kindliche Selbstwahrnehmung ist äußerst komplex. "Auch bei den kleineren Kindern ist nicht davon auszugehen, dass es so etwas wie ein allgemeines, übergreifendes Selbstkonzept gibt, sondern die Kinder können schon unterscheiden in das Selbstkonzept, in Bezug auf ihre Fähigkeiten, das Selbstkonzept in Bezug auf körperliche Fähigkeiten, in Bezug auf die Gesundheit und dann der dritte Bereich, das soziale Selbstkonzept. Das heißt das Selbstkonzept in Kontakt mit Gleichaltrigen."

Zu erfahren, wie Kinder sich wahrnehmen, ist für Eltern und Pädagogen eine wichtige Informationsbasis, die ihnen die Chance bietet, auf das entstehende Selbstbewusstsein der Heranwachsenden einzuwirken. Kinderpsychologen wissen, wie wichtig ein stabiles und positives Selbstkonzept für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist. "Ein positives Selbstkonzept kann dazu beitragen, dass Kinder Entwicklungsaufgaben, die an sie gestellt werden, gut meistern können oder dass sie auch Krisensituationen in der Familie oder an Übergängen, wie zum Beispiel zwischen Kindergarten und Grundschule gut bewältigen können."

Fragebogen in mehreren Schritten entwickelt

In einem ersten Schritt bildete die Psychologin ein Team, das sich aus Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen zusammensetzt. Dazu gehören Sozialpädagogen und Kindheitspädagogen, aber auch Erzieherinnen und Erzieher aus Kindergärten, die ihre praktische Erfahrung im Umgang mit der Zielgruppe des Forschungsprojektes einbringen können. "Wir haben in dieser Gruppe erst einmal überlegt, was könnten denn Fragen sein, mit denen Kinder Auskunft zu ihrem Selbst geben können."

Durch den wissenschaftlichen Austausch entstand ein erster Fragebogenentwurf, der jedoch noch nicht optimal aufgebaut und formuliert war, wie sich herausstellen sollte. Es musste nachgebessert werden. "Die Entwicklung des Fragebogens ist in vier Wellen entstanden. Es wurden Kinder befragt, dann wurden die Ergebnisse ausgewertet und entsprechend wurden dann Fragen umformuliert. Es wurden Fragen ganz herausgenommen aus dem Fragebogen, wenn ich gesehen habe, ein Großteil der Kinder konnte mit dieser Frage nichts anfangen. Das war ein Prozess, bei dem immer wieder auch die Kinder beteiligt wurden. Und so wurde nach und nach dieses Erhebungsinstrument immer besser an die Praxis angepasst."

Erste Erfahrungen in diesem Bereich hatte Eva-Maria Engel schon vor ein paar Jahren sammeln können. Für ein Projekt der Evangelischen Hochschule in Freiburg arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Präventionskonzept für Kindertagesstätten. Für eine Evaluation wollte die Psychologin schon damals nicht nur Eltern und pädagogische Fachkräfte befragen, sondern auch Kinder in ihre Untersuchungen einbauen. Verwertbare Aussagen von den Erwachsenen zu bekommen, machte wenig Probleme. Aber es stellte sich als schwierig heraus, die Kinder zu befragen und von ihnen wissenschaftlich nutzbare Antworten zu erhalten. Da es kein passendes Befragungstool gab, entwickelte Eva-Maria Engel einen speziellen Fragenkatalog, der die Kommunikation mit den Kindern ermöglichte. Ihre Erfahrungen von damals führten zur Idee für ihr aktuelles Projekt, bei dem sie herausfinden möchte, wie Kinder sich selbst sehen. "Was ich gesehen habe ist, dass Kinder dann gut befragt werden können und auch in der Lage sind, Antworten zu geben, wenn sich die Fragen an ganz konkreten Situationen und auch Handlungen orientieren und auch, wenn das Antwortformat altersangemessen ist."

Einfache, sehr konkrete Fragen

Daher wurden die Fragebögen speziell auf die drei verschiedenen relevanten Altersgruppen entsprechend zugeschnitten. Die älteren Kinder der Grundschulklassen drei und vier sollten die Fragen selbst und möglichst ohne Unterstützung beantworten und die Bögen ausfüllen. Die Befragung in der Altersgruppe der Grundschulklasse eins und zwei und die der Kindergartenkinder wurde von Testleitern begleitet und im Rahmen eines Interviews durchgeführt.

Hier ein Auszug aus dem Selbstkonzeptfragebogen für die jüngsten Teilnehmer:
- Bist Du oft müde?
- Kannst Du Dich richtig freuen, wenn Du etwas geschafft hast?
- Lernst Du gerne neue Dinge?
- Bist Du oft krank?
- Würdest Du gerne noch mehr können?
- Verstehst Du Dich gut mit anderen Kindern?
- Spielen die anderen Kinder gerne mit Dir?
- Hören Dir die anderen Kinder zu, wenn Du etwas erzählst?
- Findest Du Dich toll?
- Bist Du ein fröhliches Kind?
- Hast Du oft Kopfschmerzen?
- Sind die anderen Kinder nett zu Dir?
- Ist Dein Leben schön?

"Das sind einfach sehr konkrete Fragen an die Kinder. Die Kinder hatten vier unterschiedlich große Holzklötzchen zur Auswahl, die ihnen das Antworten erleichtert haben. Das kleine Klötzchen steht für ganz wenig, das größte Klötzchen steht für viel. Und entsprechend dieser vier unterschiedlich großen Holzklötzchen konnten die Kinder ihre Antwort abgeben."

Selbstkonzept bei Grundschulkindern schon ausgeprägter

2.000 Kinder aus der Region Freiburg und Tübingen ließ Eva-Maria Engel für ihr Forschungsprojekt befragen. Damit die Antworten statistisch besser auswertbar waren, hatte sich die Psychologin für geschlossene Fragen entschieden, die die Antwortmöglichkeiten der Kinder einschränkten und konkretisierten. Nach der Auswertung und Analyse der Fragebögen stellte das Forschungsteam fest, "dass das Selbstkonzept der Kinder mehrdimensional strukturiert ist. Das heißt, es lassen sich drei Bereiche auch schon bei den Kindergartenkindern unterscheiden. Das Selbstkonzept der Fähigkeiten, das körperliche Selbstkonzept und das soziale Selbstkonzept."

Alle befragten Kinder zeigten sich durchaus in der Lage, sich in allen eben genannten drei Bereichen einzuschätzen. Aber noch etwas hat Eva-Maria Engel herausgefunden und steht damit in Einklang mit Forschungsergebnissen aus dem Ausland. "In meiner Studie konnte ich nachweisen, dass die Stabilität des Selbstkonzepts bei den Grundschulkindern schon höher ausgeprägt ist, als bei den Vier- oder Fünfjährigen."

Doch das Forscherteam um Eva-Maria Engel wollte noch etwas herausfinden. Dazu ließ man von den jeweiligen Eltern, Erziehern und Lehrern der befragten Kinder, Fragebögen ausfüllen, die mit denen der Kinder identisch waren. Das Ergebnis machte deutlich, "dass die Übereinstimmung zwischen der Selbsteinschätzung der Kinder und der Fremdeinschätzung der Eltern und der pädagogischen Fachkräfte sehr gering ist. Und das fand ich schon sehr erstaunlich. Das verdeutlicht sehr schön, diese sehr subjektive Sichtweise des Kindes auf sich selbst, damit aber auch die Notwendigkeit, Kinder, gerade wenn es um das Selbstkonzept geht, selbst zu befragen, weil Eltern und Fachkräfte die Kinder mitunter ganz anders wahrnehmen, als die Kinder sich selbst einschätzen."

Wichtige Erkenntnisse für den Umgang mit Kindern

Auf die Frage "Kannst Du sehr viele Dinge?" antworteten rund 21 Prozent der Kinder "ziemlich viel". Eltern und Erzieher lagen bei ihrer Einschätzung in diesem Bereich deutlich höher. Die Eltern bei 51 Prozent und die Erzieher bei 41 Prozent. Bei der Frage nach den Malfähigkeiten sahen sich fast 64 Prozent der Kinder als sehr gute Maler an. Von den Eltern betrachteten nur 22,7 Prozent ihre Kinder als gute Künstler. Interessant auch die Selbsteinschätzung der Kinder bei ihren motorischen Fähigkeiten. 30 Prozent gaben an, beim Rennen sehr wenig hinzufallen. Die Eltern lagen bei 68 Prozent und die Erzieher sogar bei fast 79 Prozent. Auf die Frage: "Verstehst Du Dich gut mit anderen Kindern?" – antworteten fast 70 Prozent der Kinder "sehr gut". Fast deckungsgleich waren die Antworten der Eltern und Erzieher, die die Sozialkompetenz der Kinder ebenfalls weitgehend mit sehr gut einschätzten.

Um zu erfahren, warum diese Erkenntnisse für die Entwicklung und für den Umgang mit Kindern so wichtig sind, besuchen wir einen Kindergarten in der Nähe von Köln. Im katholischen Kinderhaus Sankt Nikolaus in Brauweiler werden 60 Kinder in drei Gruppen betreut. Kindergartenleiterin Barbara Ulrich ist Diplom-Psychologin. Sie beschreibt die Bedeutung der Selbstkonzeption aus der Sichtweise der Kinder folgendermaßen. "Also, das ist das Sozialverhalten, aber eben auch das eigene Weiterentwickeln in verschiedenen Entwicklungsbereichen. Zu sehen, was kann ich schon, was kann ich noch nicht, was würde ich gerne können."

Nicht der Vergleich und das Messen mit den Stärken anderer Kinder sei wichtig, sondern die Selbstbetrachtung und das Erkennen eigener Stärken, sagt die Kindergarten-Leiterin Barbara Ulrich. "Dann kann ich auch kleinere Fortschritte besser kennen lernen. Und wenn ich dann sehe, ich habe mich ja verbessert, dann ist die Motivation, wieder weiter zu machen und noch besser zu werden, gegeben."

Fragebogen in der Praxis erproben

Die Kindergartenleiterin sieht die unbedingte Notwendigkeit für die Selbstkonzeption der Kinder. Sie weiß aber auch, wie schwer es ist, Kinder dazu zu bringen, sich selbst unbefangen und unbeeinflusst von Eltern und Pädagogen einzuschätzen und sich mitzuteilen. "Da ist Kommunikation natürlich sehr wichtig. Ich muss Kinder herausfordern, etwas zu sagen. Und ich muss das Kind auch immer dazu auffordern, zu agieren, um sich selber herauszubilden und dann auch ein Selbstkonzept herausbilden."

Für Eva-Maria Engel war die Entwicklung und die Erprobung des Selbstkonzept-Fragebogens nur ein erster Schritt. Schon sehr bald soll ein Folgeprojekt starten. "Der Fragebogen kam bisher ausschließlich im Forschungskontext zum Einsatz. Für das neue Projekt haben wir vor, den Fragebogen konkret in der Praxis zu erproben. Die pädagogischen Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen bekommen eine Weiterbildung in der Anwendung und in der Auswertung dieses Instruments. Die Fachkräfte sollen damit die Kinder selbst befragen. Spannend ist dabei die Auseinandersetzung damit, wie sich das Kind wahrnimmt und wie nehme ich das Kind als Fachkraft wahr mit meiner Außenperspektive. Wo liegen dabei die Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten? Und dieser andere und bewusstere Blick auf das Kind, kann hoffentlich dazu beitragen, dass ein Kind noch eine bessere Unterstützung und Förderung in seiner Entwicklung erfährt."

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