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StartseiteInterview"Die Gesellschaft muss die Emanzipation der Frauen sehr viel offensiver und militanter verteidigen" 18.01.2016

Publizistin Barbara Sichtermann"Die Gesellschaft muss die Emanzipation der Frauen sehr viel offensiver und militanter verteidigen"

Der patriarchalischen Gehorsamskultur, die mit so manchen Migranten zu uns einwandere, müsse etwas entgegengesetzt werden, forderte die Publizistin Barbara Sichtermann im DLF. Die Übergriffe in Köln seien eine "Kampfansage an unsere Zivilisation" gewesen. Viele Migranten wünschten sich im Übrigen, dass das Frauen- und das Männerbild im Islam reformiert werde, denn: Auch das Männerbild sei ganz furchtbar.

Barbara Sichtermann im Gespräch mit Bettina Klein

Die Publizistin Barbara Sichtermann. (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler )
Barbara Sichtermann zu den Übergriffen in Köln: "Mich erinnert das sehr stark an den Terrorangriff von Paris." (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler )
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Hinter den Terroranschlägen in Paris am 13. November habe eine Botschaft gestanden: Dass es nicht gut sei, Musik zu hören, zu Fußballspielen zu gehen und das Leben in Cafés auf der Straße zu genießen. Mit Blick auf die sexuellen Übergriffe auf Frauen in Köln heiße die Botschaft: Frauen sollten zurück in ihre Häuser und raus aus der Öffentlichkeit. "Die sind gekommen, um Macht zu demonstrieren, zu sagen, wir sind auch wer", sagte Sichtermann. Die Übergriffe hätten nichts mit sexuellem Reiz zu tun, sondern mit Vormacht.

Die Publizistin kritisierte, aus Angst vor Beifall von Pegida-Anhängern werde der Zusammenhang zwischen sexualisierter Gewalt und Migration nicht diskutiert. Dabei müsse der "patriarchalischen Gehörsamskultur", die mit manchen Migranten nach Deutschland einwandere, etwas entgegengesetzt werden.

Sichtermann forderte, die Emanzipation der Frauen müsse sehr viel offener und militanter verteidigt werden. "Dazu gehört, dass das Frauenbild der Migranten scharf kritisiert wird und zurückgewiesen wird." Wenn beispielsweise ein Flüchtling in einer Beratungsstelle nicht mit einer Frau sprechen wolle, werde derzeit dann einfach ein männlicher Berater geholt. "Das geht nicht". Den Migranten müsse gesagt werden, dass sie willkommen seien und viel für sie getan werde, sie aber auch etwas tun müssten.


Das komplette Interview zum Nachlesen:

Bettina Klein: Von ein paar Grapschern war vielleicht etwas verharmlosend bei einigen Kolumnisten und Kommentatoren die Rede nach der Kölner Silvesternacht und den Übergriffen andernorts. Aber andere Kritiker konnten es auch nicht allen recht machen. Manche Feministinnen waren besorgt, dass die Kritik an den Tätern aus der Silvesternacht den Rassismus beflügeln würde. Sie initiierten den Hashtag "Ausnahmslos", der auch von der Bundesfamilienministerin unterschrieben wurde. Darin heißt es unter anderem: "Es ist für alle schädlich, wenn feministische Anliegen von Populisten instrumentalisiert werden, um gegen einzelne Bevölkerungsgruppen zu hetzen wie aktuell in der Debatte um die Silvesternacht." Die "Frankfurter Rundschau" geißelte "Verlogene Frauenversteher" mit Blick auf einige konservative Politiker. Auf der anderen Seite beklagt die muslimische Soziologin Necla Kelek, dass ein patriarchalisches archaisches Frauenbild, das aus arabischen Ländern hier einwandere, viel zu wenig thematisiert werde. Ja, was denn nun? Wer darf nun welche Kritik woran und an wem äußern? Und was sagt diese ganze Debatte eigentlich aus über den Stand der Emanzipation hierzulande in der deutschen Gesellschaft?

- Ein Thema jetzt im Gespräch mit der Autorin Barbara Sichtermann. Einige sagen jetzt, Feministinnen knicken ein, wenn sie die Kritik an den Tätern relativieren, indem sie darauf hinweisen, dass es sexuelle Gewalt auch andernorts gebe. Stimmt das?

Barbara Sichtermann: Diesen Hashtag, den Sie zitiert haben, den empfinde ich als ein Einknicken. Das ist doch einfach lächerlich, zu sagen, die sexualisierte Gewalt gibt es überall auf der Welt und Vorsicht, Vorsicht, dass wir hier keine Minderheiten diskriminieren und womöglich eine ganze Religion. Das finde ich Unsinn. Man lässt ja auch einen Dieb nicht davon kommen, weil man sagt, Diebereien gibt es überall. Davon kommen lassen will hier natürlich auch niemand, aber ...

Klein: Welches Denken steht dahinter Ihrer Meinung nach?

Sichtermann: Das ist die Angst vor dem Beifall von der falschen Seite. Und die sollte man nicht in diesem Ausmaß haben. Sollen doch die Pegida-Leute versuchen, ihr Süppchen zu kochen. Das werden wir schon zur rechten Zeit wieder vom Herd runterstoßen. Da habe ich überhaupt gar kein Problem, dass sich jetzt auch Rechtskonservative, sagen wir mal, als Feministen outen und sagen, wir müssen die Frauen besser schützen und so weiter. Und dass vielleicht sogar das Sexualstrafrecht reformiert wird, das wäre doch gut. Trotzdem müssen wir unseren eigenen Blick auf die Dinge entwickeln und in die Mainstreamdebatte reintragen, und mit wir meine ich jetzt die Feministinnen, die anders ticken als diese Hashtag-Frauen. Ich bin hier einer Meinung mit Necla Kelek. Ich bin da Kelekistin sozusagen, dass diese patriarchalische Gehorsamskultur, die leider, leider mit so manchen Migranten zu uns einwandert, dass der etwas entgegengesetzt werden muss.

Klein: Was sagen Sie denn zu dem Einwand, Frau Sichtermann, man dürfe das nicht verallgemeinern und das sei einfach nur platt rassistisch, das allen Einwanderern vorzuhalten?

Sichtermann: Das tut ja niemand. Die ernst zu nehmende Presse differenziert doch sehr wohl. Die versucht, sogar Hintergründe zu finden, Motive zu finden, dass die Migranten, die diese Übergriffe gemacht haben, hier verlorene Söhne sind, die nichts haben und so weiter und sich irgendwie schadlos halten. Niemand pauschalisiert. Niemand überträgt das auf gut integrierte, seit Langem hier zu unser aller Freude lebende Migranten. Das kann ich einfach nicht sehen!

Klein: Nun gibt es, sagen die Kritiker zumindest, viele Stimmen, gerade im Internet, die sich da unkontrolliert äußern und das in der Tat zum Vorwand für Rassismus nutzen. Deshalb dieser Hashtag "Ausnahmslos".

Sichtermann: Ich glaube, dass es solche Leute gibt, ja, aber das sind diese Pegida-Menschen und die, die ihnen nahestehen. Und die muss man politisch bekämpfen. Man kann doch nicht bei einem solchen Anlass dann sagen, ja gut, das gibt es überall. Und vor allem ist die Sache mit dem Rassismus höchst fragwürdig. Der Islam ist keine Rasse. Er ist eine Religion und viele Migranten, die so ticken wie Frau Kelek, wünschen sich, dass da Reformen passieren und das Frauenbild, auch das Männerbild übrigens entstaubt wird. Das Männerbild ist ja auch furchtbar. Es ist so, dass von den Männern verlangt wird, überall Dominanz zu zeigen. Das muss doch ein schreckliches Schicksal sein, wenn man ständig andere Leute deckeln und beherrschen muss, vor allem Frauen und sie zuhause einsperren. Wer will das denn schon.

Klein: Wenn Sie sagen, in der Tat, einige sind da eingeknickt in der Debatte, die sich vielleicht stärker vor Frauen gestellt hätten, Feministinnen oder auch männliche Kolumnisten und Kommentatoren wie auch immer, was sagt denn das möglicherweise aus über unser Bewusstsein für Emanzipation hierzulande in der deutschen Gesellschaft?

Sichtermann: Sehr viel offensiver und militanter Emanzipation verteidigen

Sichtermann: Ich wünsche mir, dass die hiesige Gesellschaft, einschließlich aller Kolumnisten, die Emanzipation der Frauen bei uns, die nämlich sehr viel weiter gediehen ist als in anderen Erdteilen, Weltgegenden, sehr viel offensiver und sehr viel militanter verteidigen, als sie das bisher gemacht haben. Und dazu gehört, dass das Frauenbild der Migranten scharf kritisiert wird und zurückgewiesen wird. Wie macht man das, fragen Sie jetzt. - Ja, man macht es nicht nur durch Strafgesetze, sondern man macht es in der Gesellschaft dadurch, dass man die Dinge thematisiert, am Arbeitsplatz, in den Familien. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Ein Flüchtling kommt in eine Beratungsstelle und ihm gegenüber sitzt eine Frau und er weigert sich, sich von dieser Frau beraten zu lassen. Dann holt die Behörde einen Mann. Das geht nicht! Hier fängt Integration an und hier fängt auch eine offensive Verteidigung der Emanzipation der Frauen, die wir hier erreicht haben, an.

Klein: Weshalb scheut man sich denn da Ihrer Meinung nach, in der Weise zu reagieren, wie Sie das gerade vorgeschlagen haben?

Sichtermann: Ja, das ist eine Art von Defensive, von Angst davor, Flüchtlinge oder Migranten zu stigmatisieren. Ich kann das auch irgendwie verstehen. Aber ich glaube, wir müssen einen Schritt weitergehen und wir müssen den Migranten sagen, du bist willkommen, das haben wir ja schon oft gesagt. Und wir tun auch viel für deine Integration, aber du muss auch was tun. Und die Geschlechterfrage ist in diesem Konflikt in den letzten 20, 30 Jahren viel zu sehr hintangestellt worden. Man hat nicht gewusst, wie wichtig das ist und wie klar das ist. Denn diese Übergrifflichkeit da auf dem Bahnhofsvorplatz in Köln, das war nicht nur einfach eine kriminelle Aktion, sondern das war eine Kampfansage an unsere Zivilisation mit der Gleichberechtigung der Geschlechter. Das muss man so sehen, ja.

Klein: Frau Sichtermann, Frauen seien doch irgendwie selber mit Schuld an sexuellen Übergriffen. Diese Theorie war ja vor nicht so langer Zeit auch in Deutschland noch weit verbreitet, seien wir ehrlich. Haben Sie die Befürchtung, dass sich dies unterschwellig wieder in die Debatte einschleicht, wenn man manche Reaktionen nach dieser Kölner Silvesternacht hier gehört hat?

Sichtermann: Männer wollten Macht demonstrieren

Sichtermann: Es kann sein, dass Leute so was versuchen, auf diese Weise versuchen, die ganze Problematik zu entschärfen, zu entgiften sozusagen. Aber das wird nicht gelingen. Ich glaube, wir sind inzwischen zu weit. Wir wissen auch, dass die Täter von Köln nicht wegen Miniröcken oder so etwas da zugegriffen haben, sondern es war eine verabredete Geschichte. Die wussten ja gar nicht, was die Mädchen an haben würden. Die sind gekommen, um Macht zu demonstrieren, zu sagen, wir sind auch wer. Und mich erinnert das sehr stark an den Terrorangriff in Paris, wo eine Message dahinter stand. Und die hieß, Musik hören ist nicht gut, das wollen wir nicht, wir wollen keine Gesellschaft, in der die Leute in irgendwelche Konzerte gehen. Wir wollen keine Gesellschaft, in der die Leute zu Fußballspielen gehen und sich da vergnügen, oder in Cafés auf der Straße sitzen und ihr Leben genießen. Das war die Message. Und diese Message, die wir in Köln haben, hieß: Frauen zurück in irgendwelche Häuser und raus aus der Öffentlichkeit. Und das ist ja nun genau unsere Errungenschaft, dass wir das geschafft haben, dass sie in der Öffentlichkeit sind. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass diese peinliche, kurzgreifende, dümmliche Geschichte mit dem "Ja, Frauen sollen sich dann nicht so aufreizend anziehen", weil nämlich mit sexuellem Reiz hat das gar nichts zu tun - es geht um Macht, es geht nur um Macht -, dass die greift, glaube ich nicht.

Klein: Frau Sichtermann, Sie haben gerade auch angedeutet, vielleicht erkennen wir ja auch im Zuge dieser Debatte, was uns wirklich wichtig ist, was wir gerne verteidigen möchten.

Sichtermann: Ja!

Klein: Sie haben ein bisschen beklagt, das ist in den letzten Jahrzehnten trotz aller Errungenschaften etwas in den Hintergrund geraten. Ist das so? Ist das sozusagen jetzt ein Moment, wo wir uns auch noch mal darüber verständigen, was uns wichtig ist, welche Standards und Werte. Und die vielleicht auch als Frauen direkt verteidigen wollen?

Sichtermann: Ja, das finde ich eine gute Frage, weil ich diese Chance sehe. Das wäre dann das Gute an der ganzen Sache, dass wir da einen Schritt weiter kommen, dass wir wirklich die Geschlechterfrage mit der Migrantenfrage verknüpfen, ohne Angst vor Beifall von der falschen Seite. Dass wir das tun, immer wieder, in den Schulen und in der Öffentlichkeit, nicht nur in den Medien, sondern auch in gesellschaftlich kleineren Bereichen. Sie wissen was ich meine: Im Supermarkt, wenn da irgendwas ist. Oder auf Festen, dass es immer wieder zur Sprache kommt, dass die Freiheit der Frauen ein sehr, sehr hohes Gut ist. Und wir sie auf keinen Fall lädieren lassen wollen.

Klein: Abschließend: Wenn der Satz richtig ist, den wir auch ab und an mal zitieren, dass sich der Grat der Zivilisiertheit oder des Fortschritts einer Gesellschaft bemisst an der Stellung der Frau in ihr, wäre diese ganze Debatte dann vielleicht auch durch die vielen Menschen, die hierher nach Europa kommen, wäre sie vielleicht auch eine Chance für die Herkunftsgesellschaften, denen man ständig eine Reformbedürftigkeit nachsagt und Reformen von ihnen verlangt?

Sichtermann: Ja, natürlich, das geht Hand in Hand. Da haben Sie schon Recht. Wenn wir jetzt mit Migranten ins Gespräch kommen und doch die Frage der Jungfräulichkeit vor der Ehe oder so was vielleicht mal stellen, ob das sinnvoll ist, ob das sein muss, dann müsste das und wird es auch. Ich glaube, dass Reformprozesse so laufen. Dann wird das immer auch einen Rückstoß haben, der auf uns selbst verweist und Fragen stellt, wie sieht es eigentlich bei uns aus, wo hapert es mit der Gleichheit noch und der Gleichstellung und dem Respekt vor Frauen. Ich denke schon, da werden Fragen aufpoppen, die sich dann neu beantworten lassen werden.

Klein: Ein Gespräch mit der Autorin Barbara Sichtermann, das wir vor dieser Sendung aufgezeichnet haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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