Themen der Woche / Archiv /

 

Punk gegen Putin

Der Prozess gegen die russische Punkband "Pussy Riot" zeigt Russland als Unrechtsstaat

Von Klaus-Helge Donath, taz

Die Musikerinnen der russischen Punk-Band "Pussy Riot": Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (v.l.)   (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
Die Musikerinnen der russischen Punk-Band "Pussy Riot": Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (v.l.) (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)

Der Auftritt der jungen Frauen dauerte nur vierzig Sekunden. Ein paar Tage später kennt jedoch die ganze Welt die russische Punkband Pussy Riot. Madonna und Sting, Paul McCartney und Steven King – sie alle solidarisieren sich mit den Sängerinnen, die sich ihre Wut auf das Regime Putin vor dem Altar einer Kirche von der Seele tanzten.

Doch es nützt ihnen nichts. Die Herrschenden in Moskau wollen ein Exempel an den Frauen ohne Demut statuieren. Sie werden des "Rowdytums auf Grundlage religiösen Hasses" bezichtigt und von der Staatsmaschine wie Aussätzige und Schwerverbrecher behandelt. Das Bild der Angeklagten, die im Gericht in einem Glaskäfig sitzen, an dem außen Handschellen baumeln, spricht für sich selbst. Der Kreml hätte den Auftritt übergehen oder mit einer kleinen Ordnungsstrafe ahnden können. Stattdessen lässt er einen Schauprozess folgen, der Russland als das erscheinen lässt, wozu es unter Wladimir Putins Ägide geworden ist. Ein Unrechtsstaat, den eine kleine politische Klasse nicht nur beherrscht, sondern auch besitzt. Ein Klüngel, der sich im eigenen Land aufführt wie ein Kolonialherr.

Seit die Opposition im Dezember vergangenen Jahres nach den gefälschten Duma-Wahlen auf die Straße ging, ist das Machtzentrum jedoch erschüttert. Putin hatte nicht mit einem so großen Protestpotenzial gerechnet. Und schon gar nicht damit, dass die Demonstranten in ihm den Ursprung allen Übels sehen. Wie die meisten russischen Herrscher vor ihm hat er mit den Jahren den Bezug zur Realität verloren und hält sich womöglich schon für den Vertreter Gottes auf Erden. Genau dagegen - gegen den Kult um seine Person und den demonstrativen Schulterschluss zwischen Staat und Kirche protestierten die Frauen vor dem Altar. Der Ort der Unmutsbekundung mag - zugegeben - nicht glücklich gewählt gewesen sein. Aber das rechtfertigt keine Haftstrafen.

Die Musikerinnen wollten keinen religiösen Hass verbreiten - wie das Gericht behauptet. Ihnen ging es darum, die Verfassung zu wahren. Denn sie sieht eine Trennung zwischen Staat und Kirche vor. Auf der Suche nach zusätzlicher Legitimität verletzt der Kremlchef nämlich diese Trennlinie. Für den Patriarchen der orthodoxen Kirche Kirill kommt eine solche Abgrenzung ohnehin einem historischen Sündenfall gleich. Die Kirche spielte in Russland schon immer eine fragwürdige Rolle. Der Mensch wird nur geduldet, wenn er sich in Demut ergibt. Allerdings nicht nur im Angesicht des Allmächtigen, sondern vor allem im Umgang mit den Vertretern der Kirchenhierarchie, die sich den weltlichen Herren ähnlich aufführen wie koloniale Zuchtmeister im eigenen Land. Die Interessen-Union zwischen Staat und Kirche wird in der offiziellen Darstellung zwar geleugnet, doch ist sie zwischen den Zeilen überall präsent. Auch in der Gleichbehandlung ist sie nicht zu übersehen: Die Bürokraten aus Staat und Kirche stehen über dem Gesetz. Auch dagegen haben die Punkerinnen gesungen.

Aus Sicht der Kirche und des Kremls begingen die Frauen Gotteslästerung und Majestätsbeleidigung in Tateinheit. Verstöße, die das russische Strafrecht in dieser Form nicht mehr ahndet. Um die jungen Mütter abzustrafen, wurde der Casus noch überhöht und die Angeklagten zu Antichristinnen und Staatfeindinnen erhoben. Die orthodoxe Kirche betrachtet jeden Russen qua Geburt als orthodoxen Gläubigen. Wer jedoch den Glauben und seine Vertreter kritisiert, stellt sich außerhalb der Gemeinschaft. Auch darin sind sich Wladimir Putin und der Patriarch Kirill einig.

Der Prozess hat eines deutlich gemacht: Wieder steht Russland an einem Scheideweg. Zwischen Traditionalisten, die Richtung Osten schauen und den Reformern, die es nach Europa zieht. Die Entscheidung lässt sich nicht mehr lange aufschieben. Es geht um Sein oder Nicht-Sein – und nicht nur um Wladimir Putin.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Themen der Woche

Umgang mit Bootsflüchtlingen EU bietet nur Scheinlösungen

Die Aufnahme zeigt Flüchtlinge, die mit ihrem Boot in unmittelbarer Nähe eines Frachtschiffes auf dem Mittelmeer gekentert sind. (dpa / picture alliance / Opielok Offshore Carriers)

Auch nach dem wohl schwersten Unglück eines Flüchtlingsbootes im Mittelmeer werden die Schiffe der EU-Rettungsmission Triton nur bis zu 55 Kilometer vor Italiens Küste patrouillieren. Weil man es sonst Schleppern und Flüchtlingen zu einfach machen würde, sagen manche Politiker. Diese Denkweise von Wohlstands-Europäern sei unerträglich, kommentiert Benjamin Hammer im DLF.

Tarifstreit bei der BahnNach dem Streik ist vor dem Streik

Zwei ICE-Züge fahren am 23.04.2015 einmal in und einmal aus dem Hauptbahnhof von Frankfurt am Main. (pa/dpa/Schmidt)

Der sich hinziehende Tarifkonflikt bei der Bahn führt bei den Kunden zunehmend zu Frustration und Ärger. Das geplante Tarifeinheitsgesetz werde aber keinen Frieden stiften, kommentiert Stefan Sauer im DLF. Wenn es wie geplant am 1. Juli in Kraft trete, müsse sich wohl bald das Verfassungsgericht damit beschäftigen.

Völkermord an den ArmeniernEs geht um Deutschlands eigene Schuld

Bundestagspräsident Norbert Lammert (M, CDU) spricht im Bundestag anlässlich der Debatte zu den Massakern an den Armeniern 1915/16. (pa/dpa/Pedersen)

Dass der Bundestag die Massenmorde an den Armeniern vor 100 Jahren jetzt als Völkermord bezeichnet habe, sei vor allem ein Eingeständnis eigener Versäumnisse und eigener Mitschuld, kommentiert Jürgen Gottschlich von der "taz". Genau das sollte Berlin gegenüber der türkischen Regierung auch deutlich machen.