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StartseiteEuropa heutePunkband Pussy Riot singt gegen Putin23.03.2012

Punkband Pussy Riot singt gegen Putin

Jungen Sängerinnen droht Gefängnis

Die Regierung Putin setzt auf die alten Methoden des Machterhalts und geht weiter hart gegen ihre Kritiker vor. So auch gegen eine weibliche Punkband, die sich mit Liedzeilen wie "Putin hat sich nassgemacht" auf den mächtigsten Mann im Land eingeschossen hat.

Von Mareike Aden

Moskauer Punkband Pussy Riot während ihrer Aktion in der Erlöser-Kathedrale (picture alliance / dpa)
Moskauer Punkband Pussy Riot während ihrer Aktion in der Erlöser-Kathedrale (picture alliance / dpa)
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Journalistin: Russischen Künstlerinnen drohen sieben Jahre Haft

Ein paar junge Frauen in gestrickten Gesichtsmasken und grellen Minikleidern werfen sich vor dem Altar nieder, andere tanzen wild in der Kathedrale umher – bis Sicherheitsleute sie wegzerren.
"Heilige Mutter, gesegnete Jungfrau – schmeiß Putin raus", so die ersten Zeilen ihres Liedes, das die Punkband später zum Video der Kirchenstürmung ins Internet stellt.

Es ist eine weitere Aktion von Pussy Riot, der weiblichen Punk-Protestgruppe, die seit November mit provokanten, gegen Putin gerichteten Auftritten und Texten für Aufsehen sorgt.
Am 21. Februar stürmten fünf Frauen von Pussy Riot die Moskauer Erlöser-Kathedrale – das Heiligtum der russisch-orthodoxen Kirche.

Ein "Punk-Gebet" war das laut Pussy Riot – auch gegen die russisch-orthodoxe Kirche, die zu eng mit den Mächtigen verbunden und zu patriarchalisch sei.

Sie sind Putin-Gegner und Feministinnen – erklären Pussy Riot in einer Internet-Videobotschaft, in der sie wie immer Masken tragen und ihre Stimmen verfremden:

"Viele fragen uns, warum wir über Feminismus reden und Gender-Fragen. Dabei sei Putin doch das Hauptproblem des Landes: Er muss weg. Und genau darum geht es auch uns. Aber eine Revolution passiert ja nicht einfach so, man muss ja auch die Gesellschaft vorbereiten und Fragen aufwerfen – zum Beispiel zum Feminismus. Erst dann ist die Gesellschaft auch bereit für eine Revolution."

Doch weder verzerrte Stimmen, noch Strickmasken haben geholfen: Drei junge Frauen sind inzwischen verhaftet wegen der Aktion in der Erlöser-Kathedrale. Angeklagt werden sie wegen Randale und Störens der staatlichen Ordnung. Als Höchststrafe für die gerade mal 41 Sekunden dauernde Aktion drohen sieben Jahre Gefängnis. Und bis jetzt geht die russische Justiz ungewöhnlich hart gegen sie vor. Bis zum ersten Verhandlungstag Ende April müssen die Frauen in Haft bleiben. Und das, obwohl sie kleine Kinder, eine feste Meldeadresse in Moskau haben und bisher ohne Vorstrafen sind.

Mark Feigin ist einer der Anwälte, die die Angeklagten von Pussy Riot kostenlos verteidigen. Gerade hat er seine 22-jährige Mandantin Nadeschda Tolokonnikowa im Gefängnis besucht. Bei den Verhandlungen über ihre Untersuchungshaft fand er die politische Motivation durchschaubar:

"Staatsanwaltschaft und Gericht haben eine politische Bestellung von oben: Da sollen Menschen für ihre politischen Äußerungen bestraft werden. Ich sehe das alles als Reaktion auf die Protestwelle seit Dezember. Das harte Umgehen mit Pussy Riot ist auch ein Signal an die Opposition und die Protestierenden, wo die Grenzen liegen. Moralisch und ethisch unterstütze ich die Aktion in der Kirche nicht, aber das ist eine ganz andere Sache."

So wie der Anwalt standen viele Moskauer der Protestaktion in der Kathedrale zunächst eher kritisch gegenüber. Pussy Riot hätte nicht in ein Gotteshaus eindringen sollen, so auch die weitverbreitete Meinung selbst unter Putin-Kritikern, die vor allem im Netz diskutierten.

Aber je harscher das System mit den inhaftierten Frauen umgeht, desto größer die Unterstützung für Pussy Riot – vor allem bei denen, die in den vergangenen Monaten gegen das System Putin auf die Straße gegangen sind. Vor den Gerichtsterminen gab es Solidaritätsproteste.

Erhitzte Gemüter auch bei einer Debatte im Moskauer Sacharow-Zentrum zur Frage: Wofür wird Pussy Riot bestraft? Rund hundert Menschen sind gekommen, die Diskussion wird live im Radio übertragen. Die große Mehrheit sieht Pussy Riot als Opfer von Politik, Kirche und Justiz, so auch PR-Managerin Jelena:

"Sie haben sich etwas getraut, vor dem wir, die nur zu den erlaubten Demos gehen, Angst haben. Aber man muss ja etwas tun: Denn die Macht in unserem Land ist kannibalisch. Hundertausende schreien ihr seit Monaten protestierend entgegen. Aber die Mächtigen stellen sich taub und blind und tun so als sei alles in bester Ordnung."

Pussy Riot-Anwalt Feigin rechnet damit, dass bald weitere Mitglieder der Gruppe verhaftet werden. Gemeinsam mit seinen Kollegen bereitet er schon den Schritt zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vor. Und die Chancen stehen gut, dass Amnesty International die Frauen von Pussy Riot als politische Gefangene anerkennt.

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