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StartseiteCorso"Punkrock ist so, wie man sich fühlt"21.04.2012

"Punkrock ist so, wie man sich fühlt"

Corso-Gespräch mit Bela B. und Farin Urlaub über das neue Ärzte-Album "Auch"

Die Ärzte beschenken sich anlässlich ihres 30. Bandgeburtstages mit einer neuen Platte: "Auch" ist ihr zwölftes Album - angeblich ist es für längere Zeit auch das letzte. Sie zeigen, was sie können - von Country bis Death Metal.

Bela B. und Farin Urlaub im Gespräch mit Oliver Rustemeyer

"Das Jubiläenfeiern gehört nicht zu den Ärzten", sagt Bela B.  (picture alliance / dpa / Kirsten Neumann)
"Das Jubiläenfeiern gehört nicht zu den Ärzten", sagt Bela B. (picture alliance / dpa / Kirsten Neumann)

Oliver Rustemeyer: Ist das noch Punkrock?

Bela B: Na logo. Punkrock ist so, wie man sich fühlt.

Rustemeyer: Aber es haben sich doch bestimmt nach der ersten Single ein paar Leute gefragt "Ist das noch Punkrock?". Ich habe gelesen, dass auch ein paar Kritiker geschrieben haben, es ist ja zu jazzig, es gibt einen Refrain, der braucht doch länger bis er drin ist. Und das ist ja eigentlich, wenn man sich das Album durchhört, vielleicht der extremste Ausreißer. Das ist ja schon ein Luxus, wenn man sich das erlauben kann, die Hörer erstmal arglistig zu täuschen mit der ersten Nummer.

Bela B: So ist es ja nicht. Der Song hat ja die meiste Radioresonanz von allen Ärzte-Songs bisher, die als Single rauskamen, sogar mehr als "Männer sind Schweine". Insofern haben wir soviel gar nicht falsch gemacht scheinbar. Und wer Die Ärzte kennt, der weiß, dass er alles erwarten kann tatsächlich. Wir haben noch nie 'ne Single danach ausgesucht, ob wir jetzt in Konkurrenz hier gehen mit den anderen ganzen lieben Kollegen da draußen, die wir immer versuchen, nicht zu treffen beim Echo, weil wir nämlich nicht hingehen. Die Platte ist definitiv so wie Die Ärzte. Und Die Ärzte sind, so wie sie sich selber sehen, durchaus Punkrock.

Rustemeyer: Aber die Nummer steht wirklich nicht so fürs Album. Also die ist schon extrem.

Bela B: Ne. Na gut, dann steht "Cpt. Metal" fürs Album – ein Song, der drauf ist. Ich finde nicht, dass der fürs Album steht. "Die Hard" steht auch nicht fürs Album. Der steht aber für "Cpt. Metal". Oder "Männer und Frauen" steht auch nicht fürs Album. Was ist der prototypische Ärzte-Song? "Schrei nach Liebe" ist nicht der prototypische Ärzte-Song, weil er einen politischen Text enthält. Trotzdem ist es natürlich so 12.000-fach Die Ärzte. Das kann man ja bei uns leider überhaupt nicht so sagen, weil wenn wir jetzt die Ramones wären oder Motörhead wäre das was anderes.

Rustemeyer: Worum geht´s in "Cpt. Metal"?

Farin Urlaub: "Cpt. Metal" ist eigentlich selbsterklärend. Es ist eine vernichtende Anklage gegen das Formatradio, wo in den Achtziger Jahren Unternehmensberater auf die Idee gekommen sind: "Wir erschaffen ein künstliches Problem, um dann auch die Lösung zu verkaufen." Das künstliche Problem war: Die Leute wollen kein Radio mehr hören. Die verordnete Lösung war: "Wir erklären den Radiosendern, dass sie immer nur alle dasselbe spielen sollen und alle zehn Minuten die Hörer daran erinnern, welchen Radiosender sie gerade hören." Und das haben dann alle geglaubt bis heute. Und ich kenne keinen einzigen Menschen, der noch gerne Radio hört. Also sie haben ein Medium komplett zerstört – dadurch, dass sie gesagt haben: "Wir wissen, wie's wirklich geht." Und das ist jetzt nicht so das heißeste Eisen, was man anpacken kann, zugegeben.

Bela B: Jetzt auch nicht mit der heißesten Waffe, sondern ich sage mal mit dieser wunderbaren, tollen, neuen Musik Heavy Metal.

Farin Urlaub: Ist natürlich ein Quatsch-Text, der sich eben aber schon mit einem ernst gemeinten Thema auseinandersetzt, nämlich: Warum müssen wir diesen Dreck ertragen?

Bela B: Witzig ist noch zu dem Song zu bemerken, dass der Song schon mal vor zehn Jahren von dem Herrn hier vorgeschlagen wurde für ein Ärzte-Album, wir den damals abgelehnt haben, die anderen beiden Mitglieder der Band, weil eigentlich Heavy Metal noch zu hip war zu der Zeit und es uns dann wirklich tatsächlich so vorkam, als würden wir da auf einen Zug aufspringen.

Farin Urlaub: Jetzt ist dieser Zug im Nirgendwo.

Bela B: Nein, nicht ganz. Also Heavy Metal ist 'ne feste Größe im Untergrund. Die werden wieder 'ne feste Größe, weil Heavy-Metal-Fans wie Schlager-Fans übrigens die Tonträger ihrer Idole kaufen, was ja in unserem Musikbereich richtig umstritten ist. Zu kaufen ist ja Kommerz – im wahrsten Sinne des Wortes. Also das fanden wir selber so hanebüchen, im Jahr 2012 'ne Platte zu veröffentlichen, auf der wir Heavy Metal als Wunderwaffe gegen das Schlimme da draußen anpreisen. Das können halt wirklich nur Die Ärzte, so'n Quatsch.

Rustemeyer: So eine Art Spott ist ja auch immer eine Form von Anerkennung, oder?!

Bela B: Wir verspotten Heavy Metal ja nicht. Dazu haben wir viel zu liebevoll den Song aufgenommen und haben uns da diverse Fingernägel dran abgebrochen, also jeder von uns.

Farin Urlaub: Ist ja grundsätzlich so, unsere Außenwahrnehmung ist so: Die Drei-Akkorde-Punkband. Aber wenn man sich mal die Geschichte unserer Alben anhört, dann haben wir erstens ganz anders angefangen als Popband.

Bela B: Erster Song mit vier Akkorden.

Farin Urlaub: Und sind dann auf dem Album "Geräusch" spätestens, eigentlich auch schon vorher, aber auf dem Album "Geräusch" haben wir, glaube ich, die größte Bandbreite, die wir jemals auf einem Ärzte-Album hatten musikalisch. Also vom Rumba-Congo über Metal über akustische Gitarren, es gibt Klavierballaden von uns, es gibt tatsächlich auch Jazz-Stücke, es gibt Rockabilly-Songs, es gibt quasi alle Musikrichtungen. Und wir haben die nie verarscht. Selbst die Jazz-Songs von uns sind ernsthaft arrangiert. Da, wo wir nicht weitergekommen sind, haben wir sogar mit Profis zusammengearbeitet. Also es gibt ein Lied, "Punk ist", wo Bela dann mit der Götz-Alsmann-Band Aufnahmen gemacht hat.

Bela B: Auf dem Album ist sogar ein Song mit Jazz-Schülern aus einer Jazz-Schule, weil wir selber so abgehangen gar nicht spielen konnten.

Farin Urlaub: Was ich aber damit sagen will: Wir nähern uns diesen ganzen Musikrichtungen total respektvoll – meistens als Fans, manchmal aber auch so als Musikanthropologen.

Bela B: Wunderbar ist auch der L'Age-D'Or-Mix von "Yoko Ono", wo wir einfach mal versucht haben "Die Ärzte goes Hamburger Schule". Ist tatsächlich auch in der Hamburger Schule die meistverkaufte Ärzte-Platte, also irgendwie 20 oder so. Ich weiß, dass jemand von Tocotronic die gekauft hat.

Rustemeyer: 30 Jahre Die Ärzte. Jetzt gibt's ja liebe Kollegen, die in diesen Tagen...

Bela B: Es sind ja nur 25 Jahre netto. Uns gab's ja fünf Jahre nicht. Da haben wir einfach gesagt: Versucht jetzt mal hier, macht mal Jungs, ihr kriegt fünf Jahre Vorsprung.

Farin Urlaub: Aber Tatsache ist natürlich: Es gibt eine großartige Band aus Düsseldorf, die immer noch Musik macht. Und ich bin echt ein großer Kraftwerk-Fan.

Rustemeyer: Und diese andere großartige Band aus Düsseldorf; Die Toten Hosen, haben ja vor wenigen Tagen ein Konzert gegeben, dort genau, sind an den Tatort zurückgekehrt, wo ihr erstes Konzert war vor 30 Jahren: In einem ganz kleinen Bremer Keller. Wie sieht das bei Ihnen aus? 30 Jahres erstes Konzert, darauf können wir uns einigen: Da müsste es in ein besetztes Haus in Kreuzberg zurückgehen?

Farin Urlaub: Ne, das ist jetzt 'ne Modeboutique drin. Also ich würde sagen, wir können da nur sehr, sehr schwierig drin auftreten. Aber ganz ehrlich: Wir distanzieren uns nicht von unserer Vergangenheit, aber sie interessiert uns auch jetzt nicht so. Sie ist integraler Bestandteil der Bandgeschichte, aber es gibt auch kaum jemand, der zum 30. Geburtstag zurück in den Uterus seiner eigenen Mutter kriechen möchte.

Bela B: Das ist tatsächlich so: Das Jubiläenfeiern gehört nicht zu den Ärzten. Wie feiern ja noch nicht mal Echos oder...

Farin Urlaub: Wir feiern uns selbst. Und das muss reichen.

Rustemeyer: In der Band sind drei Leute. Und der Humor wird nicht deckungsgleich sein. Wissen Sie durch die Erfahrung der letzten Jahre miteinander schon bei einer Idee, die Sie im Kopf haben: Ich finde das total lustig, aber ich glaube, ich lass' das lieber für mein nächstes Soloalbum und bietet das gar nicht den Ärzten an.

Bela B: Ist tatsächlich so. Wobei ich jetzt gerade mal für uns beide spreche, dass unsere Soloalben auf eine andere Art auch ernsthafter sind als Die Ärzte. Ein Song wie "ZweiDverschwÄndung": Musikalisch würde ich den für meine Solosachen nicht ändern. Textlich allerdings natürlich schon. Wäre eigentlich nicht schlecht. Aber ansonsten: Ich habe relativ viele Songs jetzt übrig noch von den Demos, die ich gemacht habe für Die Ärzte, und arrangiere diverse Songs davon gerade um für etwaige, zukünftige Solosachen von mir.

Farin Urlaub: Für mich ist ein Ärzte-Text grundsätzlich allgemeingültiger. Wenn man überhaupt so will: Zeitlosere Wahrheiten und natürlich komplette Albernheiten packe ich zu den Ärzten und andere Sachen dann halt in meine Sologeschichten.

Rustemeyer: Im Dezember haben Sie Ihr Publikum aufgeteilt in Männer und Frauen. Zwei Konzerte in der Westfalenhalle mit ganz strengen Einlasskontrollen. An einem Abend nur Männer, am anderen Abend nur Frauen im Publikum. Was haben Sie sich davon versprochen? Und ist es aufgegangen?

Farin Urlaub: Die Idee kam von Bela. Und uns, also Rod und mich, hat's vor allem so gereizt, das zu machen, weil es noch nie jemand gemacht hat in der Konsequenz. Es gab wohl schon zwei, drei Ladies-Only-Abende. Fettes Brot sollen angeblich mal 'ne Frauenshow gemacht haben, aber das war halt in einem viel kleineren Rahmen gewesen. Für uns war die Idee zu dem Zeitpunkt neu. Und wir haben eigentlich gar nicht so viel erwartet. Wir wollten einfach mal sehen: Wie ist das? Und vor allen Dingen: Wir haben's noch nie gemacht. Das ist immer ein gutes Argument dafür, es mal auszuprobieren. Das ist wahrscheinlich das allerschönste an dieser Band. Uns freut natürlich, das diese Tour jetzt schon ausverkauft ist. Wir hoffen auch, dass wir ein paar Platten verkaufen, obwohl die Songs jetzt schon im Netz stehen. Aber vor allem ist es dieser Jagdschein, den wir jetzt haben. Es gibt dann halt genug Bands, die haben vielleicht auch so viele Ideen wie wir, aber dann kommen halt Leute und sagen: "Ne, das ist aber nicht gut. Und damit verprellt ihr die und die. Das ist kommerzieller Selbstmord."Und das sind Überlegungen, die uns völlig egal sind. Und das befreit unglaublich. Man weiß: Okay, wenn wir jetzt wollen, könnten wir das und das machen. Also machen wir's einfach.

Bela B: Also solche Sachen wie die Band komplett umzubenennen oder halt ein Männer/Frauen-Konzert zu machen in so einem großen Rahmen, das dann einfach – wie es dann auch eingetroffen ist – in einem Minusgeschäft enden kann.

Farin Urlaub: Einer meiner Favoriten war mal – gar nicht so ´ne große Sache: Wenn man 'ne Weile Musik macht, dann träumt man davon, das endlich zu tun. Und irgendwann haben wir es mal gemacht. Wir haben ein Konzert gemacht, wir sind auf die Bühne gegangen, haben unsere drei populärsten Songs gespielt und sind dann von der Bühne gegangen. Und haben dann zehn Minuten gewartet und haben dann den Rest des Sets als Zugabe gespielt – noch mal so zwei Stunden. Und so was macht halt keiner – einfach weil alle denken: "Ne, ist aber doch doof!" Und wir sagen: "Ja, ist doof, aber deswegen machen wir es."

Bela B: Oder 'ne ganze Tour lang völlig ernst "Sultans Of Swing" von den Dire Straits als Zugabe zu spielen. Das einzig Ironische an der ganzen Darbietung war, dass wir uns alle weiße Schweißbänder umgemacht haben. Wir haben völlig ernsthaft den Song gespielt. Wir waren danach backstage und haben uns über die fragenden Gesichter und das unsichere Lächeln der Leute kaputtgelacht, die gesagt haben: "Wo ist da jetzt der Witz?" Der Witz ist, dass es keiner ist. Wir spielen einfach bierernst einen Song, den wir mal gutfanden. Und zwar einen Song, den man eigentlich nicht mehr gut finden darf. Und das sind halt so die Sachen, die Die Ärzte ausmachen.

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