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StartseiteComputer und KommunikationPunktsieg für die Lobbyisten12.04.2008

Punktsieg für die Lobbyisten

Warum Microsoft sein OpenXML als ISO-Standard durchdrücken konnte

<strong>In der vergangenen Woche hat Microsoft nach langem Ringen wieder einen Erfolg für sich verbuchen können: Die Internationale Standardisierungsorganisation ISO hat das Office Open XML der Redmonder als zweiten Dokumentenstandard neben dem Open Document Format anerkannt.</strong>

Manfred Kloiber im Gespräch mit Peter Welchering

Microsoft zeigt großes Interesse, bei internationalen Standards für Bürodateien den Ton anzugeben. (Stock.XCHNG / Dan Norder)
Microsoft zeigt großes Interesse, bei internationalen Standards für Bürodateien den Ton anzugeben. (Stock.XCHNG / Dan Norder)

Manfred Kloiber: Noch vor einem halben Jahr hatte die ISO den Microsoft-Antrag noch abgelehnt. Wie kam es zu diesem plötzlichen Sinneswandel bei den ISO-Mitgliedern, Peter Welchering?

Peter Welchering: In erster Linie ist wohl die intensive Lobbyarbeit Microsofts dafür verantwortlich zu machen. Und das hat ja auch zu heftigen Diskussionen geführt. So gab es Berichte über Unregelmäßigkeiten bei den Abstimmungen verschiedener nationaler Standardisierungsgremien. Kurz nach der Abstimmung im September vergangenen Jahres hat der Förderverein für eine Freie Informationelle Infrastruktur schon auf Unregelmäßigkeiten in der Gremienarbeit hingewiesen und sogar einen Abbruch des Standardisierungsprozesses verlangt. Die Standardisierung wurde dann trotzdem weiterhin betrieben. Ein Unbehagen blieb. Von einem "Kauf von Stimmen" in Schweden war die Rede. In Italien kam es angeblich plötzlich zu einer phantastischen Vermehrung der Mitglieder des nationalen Standardisierungsgremiums. Und in Kolumbien sowie Mexiko sind zahlreiche Plätze in den jeweiligen Standardisierungsgremien angeblich sehr kurzfristig neu besetzt worden. Die neuen Mitglieder sollen Microsoft-freundlich sein. Immerhin haben diese Diskussionen über Unregelmäßigkeiten in verschiedenen nationalen Standardisierungsgremien dazu geführt, dass die EU-Kommission den Einfluss von Microsoft auf diesen Standardisierungsprozess prüft.

Kloiber: Inwieweit hat Microsoft denn nachgebessert?

Welchering: Microsoft hat nur teilweise nachgebessert. Es gab ja zwei große Auflagen der ISO vor einem halben Jahr. Die eine bestand darin, dass Microsoft die 6000 Seiten starke Spezifikation systematischer aufbereiten, besser gliedern und dort alle verwendeten Formate dokumentieren soll. Das ist teilweise passiert. Die Spezifikation ist in mehrere Hauptteile unterteilt worden, allerdings alle Microsoft-Dateiformate sind dort noch nicht in wünschenswerter Klarheit dokumentiert. Die zweite Auflage bestand darin, dass Microsoft so genannte Programmierhausaufgaben bekommen hat. So sollte zum Beispiel die Vector Markup Language von Office Open XML voll unterstützt werden. Oder der Jahr-1900-Fehler aus Excel sollte beseitigt werden. 1900 wird ja von Excel fälschlicherweise als Schaltjahr angegeben. Und auch die Leerzeichenfunktion wies ja eine fehlerhafte Darstellung auf. Diese Bugs sind jetzt auf Vorschlag der European Manufacturers Association zum großen Teil nicht mehr in der jetzt eingereichten Spezifikation, so dass darüber aktuell in der ISO jetzt gar nicht abgestimmt werden musste. Stattdessen gibt es einen Anhang mit "abgelehnten Funktionalitäten".

Kloiber: Ist denn jetzt mit der Standardisierung von Microsofts Office Open XML ein einheitlicher Standard für Dokumentenformate verabschiedet?

Welchering: Seit Ende 2006 haben wir ja das Open Document Format als ISO-Standard. Mit Microsofts OOXML hat jetzt ein zweites Dokumentenformat den Standardisierungssegen bekommen. ODF bleibt also gleichfalls Standard für Dokumentenformate. Wir haben also jetzt zwei Standards. Aus der internationalen Standardisierungsorganisation ISO ist dabei zu hören, dass ODF sich als Dokumentenformat bei zahlreichen Office-Anwendungen nicht durchsetzen konnte, etwa bei Office 2007. Und da gab es dann die Überlegung: Wenn der Marktführer in Sachen Office-Anwendungen, Microsoft also, einen Konkurrenzstandard zum ODF als ISO-genormten Standard durchsetzt, werden sich alle an diesen Standard halten, inklusive – und das ist der springende Punkt dabei – Microsoft. Deshalb ist im Vorfeld der jetzigen ISO-Abstimmung auch heftig darüber diskutiert worden, dass es durchaus sinnvoll sein könne, neben dem ODF einen zweiten Standard für den Dokumentenaustausch zu verabschieden.

Kloiber: Wird das Open XML denn dann das Open Document Format als Standard mittelfristig ablösen?

Welchering: Das ist in der Tat Microsofts Hoffnung. Allerdings gilt Open XML dem ODF gegenüber als unterlegen. Das Open XML ist nicht plattformunabhängig verfügbar. Nicht mit jeder Linux-Version funktioniert OOXML. Außerdem wird Microsoft Änderungen am Speicherformat der Office-Suite vornehmen müssen. Die weicht nämlich in einigen Punkten von der jetzt standardisierten OOXML-Spezifikation ab. Insofern wird es hier keine Ablösung geben, sondern ein Nebeneinander zweier unterschiedlicher Standardformate.

Kloiber: Welche Auswirkung hat das für PC-Anwender?

Welchering: Mit den beiden Standard-Formaten OOXML und ODF ist das ISO-Dokumentenformat nunmehr unterschiedlich interpretierbar. Dokumente können also nicht einfach per Tastendruck von Betriebsystem zu Betriebssystem, von Office-Anwendung zu Office-Anwendung, vom Editor zum Layout-Programm einfach ausgetauscht werden, sondern müssen nach wie vor konvertiert werden. Das heißt im Klartext: Mit zwei Standards ist eigentlich gar nicht geregelt. Dateikonvertierungen sind dann genauso nötig wie beim Fehlen eines Standards. Deshalb darf man wohl mit Fug und Recht sagen: Mit der Verabschiedung von Open XML als Standard für Dokumentenformate hat die ISO den PC-Anwendern keinen Gefallen getan.

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